Tirschenreuth
01.04.2024 - 13:22 Uhr
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Von vier auf null: Keine Geburtshilfestation mehr im Landkreis Tirschenreuth

Der Eintrag Tirschenreuth als Geburtsort ist ein Auslaufmodell. Seit April 2024 kommen keine Babys mehr im Krankenhaus der Kreisstadt zur Welt. Dabei gab es mal vier zentrale Gebärmöglichkeiten im Landkreis. Ein Rückblick.

Die Zeit der Hausgeburten ist lange her. Die meisten der heute 50- bis 60-Jährigen kamen bereits in Krankenhäusern zur Welt. Damals existierten sogar vier Geburtsstationen im Landkreis Tirschenreuth. Doch jetzt gibt es "geborene" Landkreisbürger nur noch, wenn sie nach einer Entbindung zu Hause ihren ersten Schrei getan haben. Künftig stehen vermehrt die Geburtsorte Weiden, Marktredwitz oder Bayreuth im Pass.

Die Geburtshilfe in Tirschenreuth gehört der Vergangenheit an. Die Pläne der Kliniken Nordoberpfalz (KNO) zur Umstrukturierung wurden zum Stichtag pünktlich umgesetzt. Gynäkologie und Geburtshilfe bieten die KNO nur noch in Weiden an. Schon lange stand die Entbindungsstation in der Kreisstadt auf der Kippe. Immer wirtschaftlichere Vorgaben, was die Mindestzahl von Geburten betrifft, sowie personelle Probleme machten den kleineren Häusern das Leben schwer. Staatliche Sicherstellungszuschläge halfen nicht, die Basisversorgung in einem vom Bevölkerungsrückgang geprägten Landstrich zu retten.

In Erbendorf war 1976 Schluss

Mit weniger als 300 Babys im Jahr wurde die Voraussetzung nicht erfüllt, unter der die Geburtshilfe in Tirschenreuth weiterbetrieben werden sollte. Eine solche Vereinbarung zwischen KNO und Landkreis stammt aus dem Jahr 2020. Dann kam Corona. Tirschenreuth wurde als Geburtsstation für Monate geschlossen, die Kliniken Nordoberpfalz verlagerten alle Entbindungen vorübergehend nach Weiden. Daraus wird nun ein Dauerzustand.

Mit Tirschenreuth verliert der Landkreis den letzten von einst vier zentralen Orten, ein Kind mit Hilfe von Ärzten und Hebammen zu entbinden. Am früheren Krankenhaus Erbendorf war bereits im Jahr 1976 Schluss damit. Die gesamte Frauenabteilung wurde nach Kemnath verlegt. Das verkleinerte Erbendorfer Krankenhaus wurde 1992 trotz heftiger Bürgerproteste schließlich ganz geschlossen und in eine geriatrische Reha-Klinik umgewandelt.

Aber auch im Krankenhaus Kemnath gehörte Babygeschrei nicht mehr lange zur Routine. Der Geburtsjahrgang 1993 war schließlich der letzte, der dort das Licht der Welt erblicken konnte. Proteste gegen die Schließung halfen nichts, die gynäkologische Versorgung wurde auf Tirschenreuth konzentriert. Dem Krankenhaus Kemnath blieben die Abteilungen Innere Medizin und Chirurgie.

"E-Heim" in Waldsassen

Lange zurück liegt die Zeit des Waldsassener Entbindungsheims, im Volksmund „E-Heim“ genannt. Der Landkreis Tirschenreuth hatte dafür 1955 eine ehemalige Arztvilla in direkter Nähe des Waldsassener Krankenhauses erworben. Neben der Säuglingsstation mit 12 Betten waren Wöchnerinnenzimmer mit 15 Betten, ein Entbindungszimmer mit OP-Tisch sowie Räume für die Krankenschwestern und den Arzt eingerichtet. Mitte der 1970er Jahre wurde das „E-Heim“ aufgelöst.

Zu Beginn der 1990er Jahre war nur noch die Tirschenreuther Geburtshilfe übrig. Der Landkreis als alleiniger Träger seiner Krankenhäuser machte daraus eine Vorzeigeabteilung, modern eingerichtet mit Gebärwanne und weiteren Hilfsmitteln, eine Geburt so angenehm wie möglich zu gestalten. Die Anwesenheit der Väter während der Entbindung wurde eine Selbstverständlichkeit, „Rooming in“ durch Familienzimmer verwirklicht.

Auch nach der Fusion der nordoberpfälzer Krankenhäuser zur Kliniken AG 2006 gab es in Tirschenreuth große Investitionen. 2019 feierte man mit Stolz den 200. Geburtstag des örtlichen Krankenhauses. Viele Bürger schauten sich beim Tag der offenen Tür dort um. Von besonderem Interesse war dabei auch die Geburtshilfeabteilung mit Kreißsälen und Neugeborenenstation.

Jahrzehntelang funktionierten Gynäkologie und Geburtshilfe in Tirschenreuth hervorragend mit Belegärzten. Ein großer Einschnitt kam 2013: Dr. Helmut Rüth, der mit seinem Kollegen Dr. Konrad Schmid sowie vielen Hebammen bis dahin geschätzt 20.000 Kindern im Krankenhaus auf die Welt geholfen hatte, ging mit 69 Jahren in Ruhestand. Als Nothelfer verhinderte der neue Chefarzt Kurt Weber das Aus der Geburtshilfe. Doch 2017 zog der Gynäkologe weiter. Seine Nachfolge trat durchaus erfolgreich Dr. Michael Rüth an. Der Tirschenreuther wechselte jedoch im Zuge der Weiterqualifikation ans Klinikum Weiden.

Noch 52 Geburten bis März 2024

Eine standortübergreifende Frauenklinik unter der Leitung von Chefarzt Dr. Bernd Hornbacher wurde eingerichtet. Einem Pool an wechselnden Ärzten und Hebammen gelang es, die Geburtshilfeabteilung in der Kreisstadt am Laufen zu halten. Zuletzt stützten der Landkreis und die Stadt Tirschenreuth den Weiterbetrieb mit jährlich etlichen 100.000 Euro, damit es weiterhin "echte Tirschenreuther" gab.

Viele Eltern schätzten die Station, „mit ihrem familiären Flair ein Geheimtipp der Region“. So stand es bis vor Kurzem auf der Homepage der KNO. Doch die Zahl der Entbindungen, hartes Kriterium der Wirtschaftlichkeit, nahm ab. An früher übliche 400 Geburten im Jahr war schon wegen der monatelangen Schließung wegen Corona nicht zu denken. 2022, als es wieder einigermaßen normal lief, kamen in Tirschenreuth 298 Babys zur Welt. 2023 gab es 292 Neugeborene im Krankenhaus.

Zur Wahrheit gehört: Würden alle Babys von Eltern mit Wohnsitz im Landkreis Tirschenreuth auch dort das Licht der Welt erblicken, hätte die Geburtshilfe in der Kreisstadt weniger Sorgen gehabt. 2023 registrierten die Standesämter immerhin 597 Neugeborene. Das bedeutet, dass etwa die Hälfte in Kliniken außerhalb des Landkreises zur Welt kam. Entscheidend war oft die Nähe zum Wohnort, manchmal auch ein medizinischer Grund: So stand das Krankenhaus Tirschenreuth zuletzt nur für Frauen ohne relevante Gesundheitsrisiken ab der 37. Schwangerschaftswoche offen. Mehrlings- und Frühgeburten wurden immer in Weiden mit entsprechender Perinatalabteilung vorbereitet.

Unter den Vorzeichen der baldigen Schließung ist eine letzte Zahl aus Tirschenreuth gar nicht so klein wie vielleicht erwartet: 52 Frauen haben noch in den ersten drei Monaten des Jahres 2024 im Krankenhaus Tirschenreuth entbunden. Im Januar waren es 24 Babys, im Februar 18. Im März, kurz vor der lange angekündigten Schließung, kamen noch 10 "echte Tirschenreuther" zur Welt. Wie es aussieht, waren es endgültig die letzten.

Hintergrund:

Babystatistik

  • 2015: 362/568 (Geburten im Krankenhaus Tirschenreuth/Gesamtbabyzahl im Landkreis )
  • 2016: 365/612
  • 2017: 305/577
  • 2018:368/569
  • 2019: 375/589
  • 2020: 295/622 (Geburtsstation Tirschenreuth 3 Monate geschlossen)
  • 2021: 222/633 (4 Monate geschlossen)
  • 2022: 298/604
  • 2023: 292/597
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Tirschenreuth03.01.2024
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Waldsassen29.12.2023
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