02.06.2020 - 15:02 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Die Welt mit den Augen der Liebe anschauen

Pfingsten ist für Diakon Fritz Lieb ein "Fest der Überraschungen". Doch damit meint der Geistliche nicht die ungewöhnliche Form des Gottesdienstes in Corona-Zeiten.

Diakon Fritz Lieb ging in seiner Predigt auf den Sinn und die Bedeutung von Pfingsten ein.
von Konrad RosnerProfil

Mit einem eindrucksvollen Freiluftgottesdienst neben der Erlöserkirche feierte die evangelische Christengemeinde das Pfingstfest. Alle Gläubigen kamen mit Nase-Mund-Schutzmasken und hielten sich genau an die gesetzlichen Vorgaben in der aktuellen Corona-Zeit.

In seiner Predigt betonte Diakon Fritz Lieb, dass Pfingsten keine ausgeprägten Traditionen habe wie andere große kirchliche Feiertage. Pfingsten könnte man deshalb neu entdecken als ein Fest der Überraschungen. Nicht anders sei es damals wohl den Anhängern Jesu ergangen. Denn Jesus sei überraschend gekommen.

Damals, am ersten Pfingsttag, 50 Tage nach Ostern, sei er gekommen, um Menschen zu begeistern. Dabei sei an diesem ersten Pfingsttag die Kirche, die Gemeinschaft der Menschen, die an Jesus Christus glauben und mit ihm verbunden sein wollen, entstanden. Heute, 2000 Jahre später, seien solche Aufbrüche jedoch selten. Die Kirche zeige sich in vielfacher Zersplitterung mit unterschiedlichen Verständnissen und unterschiedlichen Sprachen, mit Konkurrenz untereinander, mit kirchlichen Hierarchien und Beamtenlaufbahnen. Komme er wirklich, der Heilige Geist, um dessen Kommen wir gebeten haben, fragte der Diakon. "Hand aufs Herz, wollen wir eigentlich, dass er kommt - so überraschend, überwältigend, umstürzend und alles infrage stellend? So radikal? Halte ich das überhaupt aus? Ist es nicht ganz schön im Gewohnten?"

Die Pfingstgeschichte beschreibe nicht nur eine Sehnsucht, sondern erzähle, wie Gott komme. Der Heilige Geist zeige sich an den Wirkungen, betonte der Diakon. Der Heilige Geist sei ein überraschender Gast. Er halte sich nicht an Konventionen und Vorgaben. Der Heilige Geist lehre, die Welt anders zu sehen. Sie nicht in oben und unten, gerecht und ungerecht einzuteilen, sondern mit den Augen der Liebe anzuschauen. "Er lädt mich ein, mich mit Menschen an einen Tisch zu setzen, mit denen ich auf den ersten Blick nichts gemeinsam habe", so der Diakon Es sei wie bei einem überraschenden Festmahl: Eine beginne eine Mahlzeit zuzubereiten und versammle viele an ihren Tisch. Auch wenn die Eingeladenen zuerst misstrauisch seien und es nicht leicht finden, das Leben zu genießen, lassen sie sich beschenken, weiche mit der Zeit das Misstrauen einer tiefen und echten Lebensfreude. Menschen öffnen sich. Lange Verdrängtes könne geteilt werden. Alte Konflikte könnten begraben werden. Eine Gemeinschaft werde spürbar, in der einer den anderen achte und respektierte und dann auch großzügig weitergebe, was er oder sie empfangen hat.

Da sei vielleicht Utopie, wusste Fritz Lieb, aber auch ein wunderbares Bild von Kirche. "Wir teilen das Leben, wie es eben ist. Wir sind zusammen und lassen uns anstecken vom Geist Jesu." Menschen würden einander verstehen, endlich dieselbe Sprache sprechen, die Sprache der Liebe und des Lebens. "Bitten wir doch den Heiligen Geist, dass er kommt - und uns überrascht", so Fritz Lieb ins seiner Predigt.

Ein eindrucksvoller Freiluftgottesdienst fand am Pfingstsonntag bei den evangelischen Christen in Tirschenreuth statt.
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