06.11.2018 - 15:42 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Ein wenig wie Lego spielen

„Man muss alles im Portfolio haben. Der Engländer will andere Farben als der Franzose und die Osteuropäer stehen auf alte Kachelformen.“ So beschreibt Uwe Dötsch die täglichen Anforderungen an die Kachelfabrik Zehendner.

von Norbert Grüner Kontakt Profil

Die Produkte des Traditionsherstellers sind europaweit gefragt und dabei geht es nicht nur um Kachelöfen. Kaum jemand weiß, dass Zehendner auch groß im Waschbeckengeschäft mitmischt, ergonomische Sitzbänke aus Kacheln herstellt und Tröge für Pferdetränken fertigt. Diese Nischenprodukte machen in Relation zum Kerngeschäft Kachelofen etwa 30 Prozent aus, mit steigender Tendenz.

Bewegte Geschichte

Die Zehendner Keramik GmbH an der Einsteinstraße 8 in Tirschenreuth blickt auf eine bewegte Geschichte zurück. „Mit Industrie 4.0 können wir nichts anfangen, zumindest nicht im Moment“, sagt Geschäftsführer Uwe Dötsch. „Bei unserer Produktion steht der Mensch im Mittelpunkt“, ergänzt Geschäftsführer Josef Regner. „Derzeit sind wir 42 Leute.“ Die Zahl schließt die beiden Geschäftsführer mit ein, die sagen: „Wir sehen uns auch als Mitarbeiter, weil wir ja schließlich auch mitarbeiten.“

Der Mensch sei in einer Manufaktur das wichtigste Gut, sind sich die Chefs einig. „Roboter wird es zumindest in absehbarer Zukunft nicht bei uns geben.“ Aber ganz ohne Rechnerleistung geht es natürlich auch hier nicht. Ob die Steuerung der Brennöfen, in der Verwaltung oder bei der Schlickerzubereitung – hier ist der Computer gefragt, der aber im Gegensatz zum Industriestandard 4.0 nicht von einem Roboter programmiert und bedient wird, sondern von einem Menschen. Diese Arbeitsweise wäre optimal für eine Firma, die eher kleine Stückzahlen, Spezialanfertigungen und Sondergrößen fertige.

Entwurf am PC

Längst werden die Kachelöfen, wie es auch in der Möbelbranche Usus ist, am Computer entworfen und 3D-animiert, so dass sich der Kunde seinen künftigen Kachelofen von allen Seiten anschauen kann. Dazu gibt es auch jede Menge an professionellem Prospektmaterial. Gab es ganz früher nur die Farbe Blau, später dann Grün und Braun, bietet Zehendner heute 160 Glasurfarben an. Vor 15 Jahren waren es nur 35. Theoretisch sei an Form und Farbe alles machbar, verraten die Geschäftsführer.

Hergestellt und veredelt werden die Schlickermasse aus Ton und Schamotte und die Glasuren im hauseigenen Labor. Neben den vielen Sonderwünschen existiert aber schon ein Grundsortiment. Der Katalog dafür umfasst 224 Seiten. Und daraus lassen sich schon beinahe alle Individualitäten basteln. Auch figürlich lasse sich heutzutage hervorragend arbeiten. „Wenn der Scheich seinen Lieblingsfalken aus Keramik auf seinem Kachelofen haben will, bitteschön, das ist alles nur eine Frage des Preises“, so Dötsch. Die Kachelöfen beginnen bei 8000 Euro. Das Ende der Fahnenstange ist bei etwa 25 000 Euro erreicht.

Total gewandelt

„Das Geschäft mit Kachelöfen hat sich total gewandelt“, weiß Josef Regner. „Heute gibt es kaum mehr gleiche Öfen. Die Kunden wollen speziell zugeschnittene Objekte, die perfekt zum Wohnumfeld und zum eigenen Empfinden passen.“ Trotzdem habe die Fertigung in der Weise optimiert werden können, dass die Kacheln, die an den Ofenbaumeister hinausgehen, kaum mehr bearbeitet werden müssen. „Das ist fast ein wenig wie Lego spielen, es fehlen nur die Noppen und Nuten“, ergänzt Uwe Dötsch.

Kachel-Sitzbänke

Die Firma beschäftigt einen eigenen Keram-Modelleur und einen Gipsformengießer sowie zahlreiche Industriekeramiker. Dötsch ist seit 1998 in der Firma, Regner fing 1976 hier an. Aber Zehendner macht, wie erwähnt, nicht nur Kachelöfen. Ein Novum, das auch geschützt ist, sind die Ergotherm-Sitzbänke. Die lassen sich direkt in die Ofenkonstruktion integrieren oder sind einzeln erhältlich und werden dann über Strom beheizt. Der Name ist dabei Programm, denn dieses moderne Sitzmöbel vereint gesundes Sitzen mit wohliger Wärme. Zwei Umstände, die jeder Rücken danken wird. Auf dem gesamten Kachelmarkt gibt es dieses Möbel nur bei Zehendner. Auch Tische aus Kacheln stehen in manchen Wohnungen passend zum Ofen.

Bis vor 15 Jahren konnten Kacheln nur bis 22 Zentimeter Länge hergestellt werden. Heute ist erst bei 88 Zentimeter Schluss. In Deutschland gibt es noch fünf Manufakturen. Bereits seit sechs Jahren fertigt die Firma Spezial-Waschbecken im großen Stil. Die drei Zentimeter dicken vollwandigen Becken kommen zum Beispiel in Kindergärten, Schulen oder Kasernen zum Einsatz – überall da, wo es große Waschräume gibt und Stabilität gefragt ist. Neben einer Firma in der Türkei ist Zehendner der einzige Betrieb weltweit, der dieses Spezialsegment bedient. „Das passt zu unserer Philosophie: Wir nutzen Nischen und produzieren das, was der Vollautomat nicht machen kann, bis zur Kleinserie“, so Reger.

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