03.01.2020 - 11:08 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Wildkameras geben Aufschluss auf die Jungenaufzucht der Adler

Der Landkreis Tirschenreuth entwickelt sich langsam zum Adlerland. See- und Fischadler erobern den Landstrich Stück für Stück zurück. Die diesjährige Brutsaison war eine durchschnittlich gute.

von Norbert Grüner Kontakt Profil

Der Leiter des Reviers Falkenberg im Forstbetrieb (FB) Waldsassen, Matthias Gibhardt, hat jetzt die Fotos ausgewertet, die seine elf Horstkameras seit Anfang März täglich aufgezeichnet haben. 16.888 Bilder sind da zusammengekommen, die er in langen Nächten gesichtet hat.

Mit einer Nistplattform, die Förster Günther Weiß vor etwa zehn Jahren in seinem Wiesauer Revier auf einem idealen Horstbaum platziert hat, habe alles angefangen, erinnert sich Gibhardt. Niemand habe damals wohl damit gerechnet, dass von dort aus in relativ kurzer Zeit einmal ein Adler-Hotspot entstehen würde.

Ab 2010 fiel der Revierteil, in dem sich diese erste Nisthilfe befand, in den Zuständigkeitsbereich von Matthias Gibhardt. Die erste Brut brachen die Vögel allerdings ab, worauf der Adler-Experte Daniel Schmidt-Rothmund, Leiter des Nabu-Vogelschutzzentrums Mössingen, kontaktiert wurde.

Kann da mal jemand hochklettern

Er habe gesagt: „Kann da mal jemand hochklettern und nachschauen, ob da noch was im Horst ist?“ Matthias Gibhardt, der auch ein hervorragender Kletterer ist, übernahm diesen Job. Seither betreut er seitens der Bayerischen Staatsforsten (BaySF) die gesamte Population in der Region. Mittlerweile hat der FB Waldsassen elf Adler-Nisthilfen auf seinen Flächen im Landkreis angebracht.

Auch zwei Seeadlerpaare haben den Landkreis für sich wiederentdeckt und ziehen hier seit ein paar Jahren ihre Jungen groß. Von ihnen brüteten 2019 in Bayern 17 Paare, 11 davon erfolgreich. 15 Jungvögel sind ausgeflogen. In der Oberpfalz waren 7 Brutpaare erfolgreich und 8 Jungvögel wurden flügge. Im Gegensatz zu den Fischadlern nehmen die Seeadler nur selten Horstplattformen an, sondern bauen auf hochgelegenen Astgabeln selbst ihr Heim.

Verlobungspaar gesichtet

Verzeichnete man 2018 bei den Fischadlern einen Totalausfall bei den Jungvögeln, war die Situation im Vorjahr besser und lag im Durchschnitt. 5 Fischadlerpaare brüteten 2019 im Landkreis. Sie legten 15 Eier aus denen 11 Jungtiere schlüpften. 8 von ihnen sind ausgeflogen. Auch wurde ein sogenanntes Verlobungspaar gesichtet, das einen Horst bezog, aber nicht brütete.

Es sei davon auszugehen, dass die beiden Vögel heuer zurückkehren und dann mit dem Brutgeschäft beginnen. Oberpfalzweit brüteten im vergangenen Jahr 16 Fischadlerpaare. 40 Jungvögel wurden beringt, 37 wurden flügge.

Matthias Gibhardt hatte die Idee, die Horste obligatorisch mit Wildkameras auszustatten, die täglich in einem bestimmten Turnus Bilder aufzeichnen und jeweils eines um 12 Uhr mittags auf seinen Bürorechner senden. Auch die Bayerischen Staatsforsten in Rothenburg ob der Tauber und Schnaittenbach wollen das umsetzen und haben bereits Gespräche mit ihm geführt. Nachdem alle Horste mit Kameras bestückt waren, auch die der Seeadler, wurde schnell klar, dass sich diese Methode auch hervorragend zum Monitoring eigne. Denn aus der Vielzahl der Bilder ließen sich viele Verhaltensweisen aus dem Leben der scheuen Vögel ablesen.

Als ein sensationelles Überwachungsergebnis wertet Gibhardt die Tatsache, dass insgesamt neun Fischadler immer wieder ein und diesselbe Plattform besucht haben. Ornithologen hätten schon immer vermutet, dass es sogenannte Rendezvous-Plätze gäbe. Für Matthias Gibhardt sind die Aufnahmen von dieser Plattform der Beweis dafür. Auch der Landkreis Tirschenreuth habe heuer drei Horstplattformen im Großraum Waldnaabaue angebracht, die ebenfalls mit Kameras bestückt werden.

Zahlreiche Fremdgänger

Bei Windischeschenbach sei außerdem ein Naturhorst entdeckt worden, der auch eine Kamera bekommt. Insgesamt lieferten die Kameras 2019 Bilder von 16 verschiedenen Fischadlern. Die Regierung der Oberpfalz sei am Überlegen, ob das Kameramonitoring auf andere Gebiete ausgeweitet werden soll. Auch zahlreiche Fremdgänger und sogar Untermieter hielten die Kameras fest. Auffallend viele Fichtenkreuzschnäbel, die bereits im Dezember und Januar brüten, nutzten die Räume zwischen den dicken Ästen der Horste und zogen dort ihren Nachwuchs groß, bevor die Adler aus ihren Winterquartieren aus Afrika zurückkehrten. Infrarottechnik macht es möglich, dass auch stockdunkle Nacht zum Tag für die Kameras wird, allerdings in Schwarzweiß.

Sperlingskäuze, Uhus und andere Eulen schauten sich immer wieder mal in den Horsten um. Auch ein Eichhörnchen wurde nachts im Horst fotografiert. Habicht, Graureiher, Eichelhäher, Stockente, Nilgans, Kolkrabe, Rabenkrähe, Sperber, Schwarzstorch, Grauspecht und Raubwürger wurden ebenfalls von den Kameras abgelichtet.

Beringungszeitraum festlegen

Bei der Auswertung der fast 17.000 Bilder haben Matthias Gibhardt, seine Forstanwärterin Julia Bischof und weitere Unterstützer mitgewirkt. Die Kameraüberwachung helfe auch sehr, wenn es um den richtigen Beringungszeitpunkt gehe. „So kann ich mit dem ersten Ei bereits voraussagen, in der Woche XY können wir hier beringen.“

Um Raubtiere, wie etwa Baummarder abzuwehren, werden die Baumstämme in fünf Metern Höhe mit 1,20 Meter hohen Plexiglasplatten umspannt, die Raubtiere nicht überspringen können und dann an den Platten abrutschen. Eine Methode, die schon erfolgreich beim Schutz von beispielsweise Schwarzstörchen angewendet werde.

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