20.08.2019 - 13:36 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Zwischen Rehkitz, Spatz und Schildkröte

Dieter Brandl versorgt in seiner eigenen Tierauffangstation in Tirschenreuth seit über 20 Jahren gestrandete Vögel sowie Tiere aus Wald und Flur. Darunter sind Rehkitze, Spatzen, Schildkröten und ein Waldkauz.

von Ulla Britta BaumerProfil

Aus der Pappschachtel piepst es zaghaft, als habe da drin jemand ein Problem, das er sich nicht laut sagen traut. "Der hat nur Hunger", erklärt Dieter Brandl belustigt. "Der" ist ein winziges Spatzenkind und bekommt deshalb ein paar Körnchen Weichfutter. Für Dieter Brandl Alltag. Erst vor ein paar Tagen sei ihm ein wieder gesunder Sperling direkt aus der Schachtel zurück in die Freiheit geflogen, erläutert der Betreiber der Tierauffangstation. "Er wohnt jetzt drüben beim Nachbarn. Zum Füttern kommt er rüber."

Ungewöhnliches Hobby

Mitgezählt, wie vielen Sperlingen er das Leben gerettet hat, hat der Tirschenreuther nicht. Pro Jahr, schätzt er, seien es 230 bis 280 Vögel, die er versorge oder pflege. Und das schon seit einige Jahrzehnten. Brandl erzählt weiter, dass das Landratsamt sein ungewöhnliches Hobby wohlwollend begleite, wenn es auch immer ein Ehrenamt bleiben werde. Im kleinen Zoo des Tirschenreuther Zoohandel-Betreibers wohnen aber nicht nur Vögel.

Zwei Wasserschildkröten dürften bald zum Besitzer zurück. Und das ist ganz im Sinn von Brandl. Die Schildkröten sind Haustiere. Bei den Wildtieren legt der Fachmann viel Wert darauf, dass sie nach der Pflege wieder ausgewildert werden, bevor sie sich zu sehr an die Menschen gewöhnten. Nahezu alle derzeit 70 Patienten sind nur Pensionsgäste oder auf "Reha" hier.

Nicht alle würden ihre Verletzungen überleben, bedauert Brandl. Deshalb hänge sein Herz auch nicht zu sehr an den Tieren. "Man darf sich nicht an sie gewöhnen", schützt sich Brandl selbst vor sentimentalen Zuneigungen. Wer ihn dann jedoch beobachtet, wie liebevoll er das Eichkätzchen mit einer klitzekleinen Milchflasche füttert, erkennt dennoch den absoluten Tierliebhaber. 40 Prozent könne er wieder in die Freiheit entlassen. "20 Prozent brauchen ein wenig länger", ist Brandl stolz auf seine gute Überlebensquote.

Seine Leidenschaft macht ihn erfinderisch. Die Milch fürs Eichkätzchen, erzählt er, sei ein Rezept des Tierparkdirektors von Hellabrunn München. "Ich habe angerufen und gefragt, was ich füttern kann", berichtet er. Die Sekretärin habe ihn gleich zum Chef durchgestellt, was zu einem netten Gespräch unter Fachleuten geführt habe. Seither bekommen die gestrandeten Eichkätzchen Lämmermilchpulver, aufbereitet mit hohem Eiweißgehalt.

Zaun muss höher werden

Sein momentan größter "kleiner Freund" ist ein Rehkitz. Der traurige Klassiker: Das Bambi hat seine Mutter auf dem Feld verloren, der Bauer hat es gebracht. Bambi wird wohl bei Brandl bleiben. "Da muss ich den Zaun höher machen", überlegt der Tirschenreuther, wie er das Kitz vor der nächsten Herausforderung, dem "Stadtleben" schützt. Brandls Hobby ist teuer, was ihm aber nichts ausmacht. Er zahlt alles aus eigener Tasche. Die Rehkitzmilch kostet beispielsweise 80 Euro für nur zwei Monate.

Kaum ist Bambi versorgt, quiekt aus dem Stall gegenüber "Egon". Das niedliche, erst zwei Wochen alte Wildschweinchen irrte auf einem Feld umher, bis ein Jäger es einfing. Es habe den Anschluss an seine Rotte verloren, vermutet Brandl. Beim Fall "Egon" spricht er die gute Zusammenarbeit mit Landwirten und Förstern an. Er dürfe seine Tiere nach erfolgreicher Genesung auf deren Feldern und Wälder in die Freiheit entlassen. "Und sie schauen für mich drauf, ob die Auswilderung klappt", so Brandl. Das ginge Hand in Hand.

Der Fachmann erinnert sich an ein Unwetter, wo die Schwalben vor Nässe wie Steine vom Himmel gefallen seien. Viele Landwirte hätten die Vögel eingesammelt, beinahe habe er keinen Platz mehr anbieten können. "Ich habe die Schwalben dann einfach der Reihe nach in den Brutapparat gesetzt. Die waren froh über die Wärme, sind sitzengeblieben und haben ihre Federn geputzt", erzählt der Tirschenreuther lachend. Umgehend noch zur gleichen Stunde wieder ausgewildert habe er die 120 Zentimeter lange Ringelnatter aus Plößberg, erinnert er sich an einen imposanten Kurzbesuch.

Hinter der Voliere des Waldkauzes ohne Eltern gackern Graugänse aus Holland. Brandl hat sie bei sich aufgenommen, wo sie zusammen mit Eichkätzchen, dem Wildschwein und vielen anderen Tierchen bestens umsorgt werden. Brandl ist der "Robin Hood" der gestrauchelten und einsamen Tiere. "Aber jetzt bitte nicht jeden Vogel von der Straße auflesen und vorbeibringen", bittet er die NT-Leser. "Erst beobachten bitte! Meistens kommen die Eltern wieder", weiß er. Rasche Hilfe für die Tiere sei toll, aber überlegte, rasche Hilfe eben besser.

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