27.05.2019 - 11:01 Uhr
TrabitzOberpfalz

Ermunterung zum Aufhorchen

Dinge, die bekannt erscheinen, regen kaum zum Denken an. So ist das auch mit zu "Volksgut" gewordenen Liedern. Es sei denn, jemand verändert das scheinbar Bekannte und lässt den Zuschauer dadurch aufhorchen – wie das Ensemble "Stubenjazz".

"Ihr sollt beginnen, was euer Herz begehrt": Im Sinne dieser von Sängerin Karin Streule ausgegebenen Losung gibt "Stubenjazz" altvertrauten Liedern ein ausdrucksstarkes, modernes Jazz-"Gewand". Von links: Andi Schnoz, Heiner Merk, Karin Streule, Uli Binetsch, Ensemblegründer und -leiter Michael T. Otto (mit Kuhlohorn).
von Bernhard PiegsaProfil

Alte Volkslieder begleiten durchs Leben. Man vernimmt sie bei Festen und Musikabenden, in Radio oder Fernsehen, singt sie im Familien- und Freundeskreis – und weil man sie so gut zu kennen meint, hört man nicht mehr genauer hin. Es sei denn, kreativ-provokante Tonkünstler wie der Jazztrompeter Michael T. Otto und sein Ensemble "Stubenjazz" unterziehen die vertrauten Weisen einer Frischzellenkur mit den grenzgängerischen Stilmitteln gepflegter Jazzmusik – und befördern so mit spielerischem Ernst ans Tageslicht, was dem oberflächlichen "Easy Listener" verborgen bleibt. Allerdings waren nur zwei Dutzend Musikfreunde der Einladung des Kulturkreises Pressath in die Trabitzer "Alte Säge" gefolgt, um gemeinsam mit dem deutsch-schweizerischen Quintett manchen Ohrwurm, aber auch weniger Bekanntes neu zu entdecken.

Besonders gut gelang die Ermunterung zum Aufhorchen bei der "Verstubenjazzung" des Liedes "Nun ade, du mein lieb Heimatland", dessen melancholische Verse meist völlig hinter der üblichen Interpretation als beschwingtes Wanderlied zurücktreten. Das mit Dissonanzen, Improvisationen und Moll-Akkorden spielende Arrangement, das sowohl Abschiedsschmerz als auch Hoffnung auf eine bessere Zukunft wiederspiegelte, rückte hier zusammen mit den von Vokalistin Karin Streule in teils leise-nachdenklichem, teils angsterfülltem Tonfall eingestreuten Textfragmenten einiges gerade.

Ein Genuss war auch "Ich sollt ein Nönnlein werden", die Geschichte eines lebensfrohen Mädchens, das ein Pfarrer hartnäckig in ein Nonnen-Dasein zu drängen versucht. Zu dem schnippischen Sarkasmus, mit dem Streule die Schilderungen eines an Freuden armen Klosterlebens interpretierte, fügte sich kontrastierend und doch nahtlos eine Instrumentalbegleitung, die die Bigotterie des "wohlmeinenden" geistlichen Vormunds virtuos in Töne fasste. Die ging in "lateinamerikanisch"-unbeschwerte Bossa-Nova-Takte à la Carlos Jobim über, als das "arme Mägdelein" seinen Traum von einem Leben an der Seite ihres "Herzallerliebsten" verriet.

In dieser Weise entfaltete "Stubenjazz" in seinen 14 Liedvorträgen – einschließlich zweier Zugaben – manche Botschaft, die sich hinter der erstarrten Kulisse populärer Scheinvertrautheit verbirgt, und baute Brücken zwischen den aus vier Jahrhunderten überlieferten Weisen und der Gegenwart. Die gerade beim Musikhören weit verbreitete Oberflächlichkeit, die etwa von Pete Seegers lakonisch-trauriger Antikriegsballade "Sag mir, wo die Blumen sind" nur noch das vermeintliche Blümchen-auf-der-Weide-Idyll der ersten Strophe übrig lässt, blieb ebenso wenig ausgespart wie das Klischee- und Schubladendenken, das die Musiker mit ihrer Umarbeitung von "Grün, grün, grün sind alle meine Kleider" karikierten.

Zwischendurch gönnte das Ensemble seinen aufmerksamen Zuhörern entspannende "Atempausen", wie etwa das sanfte "Allas steilas" (An die Sterne) des bedeutenden Graubündner Dichters Alfons Tuor. Am Ende des fast zweistündigen Programms, während dessen das kleine Auditorium in guter Jazzclub-Manier nicht mit spontanem Zwischenapplaus sparte, dankte Kulturkreis-Vorsitzender Eckhard Bodner Musikern und Besuchern für diese gemeinsame "Sternstunde": "Dieser Abend hat unsere Aufmerksamkeit neu auf den unendlichen Schatz einer jahrhundertealten Volksliedüberlieferung gelenkt – einen Reichtum, den wir mehr pflegen sollten."

Info:

Kein Instrument für laute Töne

Vor zehn Jahren gründete der aus Ravensburg stammende Musiker, Komponist, Arrangeur und Pädagoge Michael T. Otto die Formation „Stubenjazz“, deren Markenzeichen die in ein modernes Jazzgewand gekleideten traditionellen Musikstücke aus dem deutschsprachigen Raum sind. Dabei experimentiert das Quintett auch mit Instrumenten, die für Jazzmusik eher ungewöhnlich sind, wie etwa dem Muschelhorn oder dem Kuhlohorn, das Otto seinem Trabitzer Publikum kurz vorstellte.

Diese etwas tiefer gestimmte Sonderform des Flügelhorns sei nach ihrem Erfinder, dem Theologen und Mitbegründer der evangelischen Posaunenchorbewegung Johannes Kuhlo, benannt: "Ihm waren die Trompeten und Posaunen eigentlich ein Graus, und er gab ‘weichen‘ Blasinstrumenten wie Tenor- oder Flügelhörnern den Vorzug." Das Kuhlohorn, wie Michael Otto erklärte, eigne sich nicht zum lauten Spielen: "Mit diesem eigenen Charme passt es bestens zu dem kammermusikalischen Sound von ‘Stubenjazz‘."

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