18.01.2019 - 20:04 Uhr
Traßlberg bei PoppenrichtOberpfalz

"Als Österreicher musste ich mir hier viele blöde Witze anhören"

Der Österreicher Willi Kerstner lebt bereits seit mehr als 40 Jahren in der Oberpfalz, die mittlerweile seine neue Heimat ist. Seine alte Heimat kann und will er aber nicht verleugnen.

Der Österreicher Willi Kerstner lebt seit mehr als 40 Jahren in der Oberpfalz.
von Julian Trager Kontakt Profil

Willi Kerstner (66) stammt aus dem niederösterreichischen Gars am Kamp und lebt seit 1977 in der Oberpfalz, zuerst in Gärbershof, seit 1983 in Traßlberg. In Österreich war er Bäcker und Konditor, in Deutschland arbeitete er 38 Jahre bei Lüdecke in Amberg. Kerstner ist zudem seit Jahren Vorsitzender der Siedlergemeinschaft Traßlberg. Der Rentner schwärmt von seiner neuen Heimat, die er nicht mehr verlassen möchte. Und trotzdem hält er beim Fußball zu den Österreichern.

ONETZ: Der Oberpfälzer ist ein Grantler und Sturkopf. Stimmt’s?

Willi Kerstner: Das habe ich nie so richtig empfunden, wie die Leute sagen. Ich bin mit jedem Oberpfälzer im Großen und Ganzen super ausgekommen. Obwohl ich mir als Österreicher viele blöde Witze anhören musste. Die Leute hier sind genauso wie die, von da wo ich herkomme. Die passen. Ich habe mich gut eingelebt, auch durch die Vereine.

ONETZ: Mit welchen Vorurteilen und Erwartungen sind Sie in die Oberpfalz gekommen? Und wie lautet jetzt Ihr Fazit?

Eigentlich keine. Meine einzige Erwartung war, dass ich eine Familie – meine Frau kommt von hier – gründen wollte. Das ist gut gelungen. Ich bin überaus zufrieden, die Oberpfalz ist sehr schön. Wir fahren mit den Oldtimerfreunden mit Oldtimer-Bulldogs durch die Gegend, da sieht man, wie schön es hier ist – weil wir ja ein bisserl langsamer fahren.

ONETZ: Spielen Sie oft mit dem Gedanken, in Ihre alte Heimat zurückzukehren? Wie oft fahren Sie tatsächlich zurück?

Nein, hier habe ich mir mein Leben aufgebaut. Ich fühle mich hier sehr wohl. Nach Österreich fahre ich aber schon noch ab und zu, meine drei Brüder leben noch dort. Auch nach Wien, wo Cousins und Cousinen leben.

ONETZ: Was erzählen Sie dort von Ihrer neuen Heimat? Was würden Sie Ihren Verwandten oder Freunden zuerst zeigen, wenn die zu Besuch in die Oberpfalz kommen?

Ich kann nur Positives erzählen. Dass ich gut angekommen bin und aufgenommen wurde, dass ich gut verdient habe und gut lebe. Meine Verwandten kommen sehr gerne hier rauf. Ich habe ihnen schon allerhand gezeigt. In den Norden sind wir rauf, nach Regensburg, in den bayerischen Wald, nach Hirschau auf den Sandberg und natürlich nach Amberg auf den Mariahilfberg. Allen gefällt’s hier.

ONETZ: Verstehen Sie Ihre Oberpfälzer Kollegen, wenn Sie mit ihm nach Feierabend ein Bier trinken?

Mit der Sprache habe ich überhaupt keine Probleme, ich verstehe alles. Ich hab’s von meiner Frau gelernt. Manchmal rutscht mir aber noch ein Ausdruck raus, da höre ich dann schon: Du kommst aber aus Österreich, oder?

ONETZ: Fühlen Sie sich bereits als Oberpfälzer?

Ja, doch. Ich denke schon, dass ich zur Oberpfalz gehör’. Aber natürlich, wenn Österreich gegen Deutschland Fußball spielt, halt’ ich schon zu den Österreichern.

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Serie: Zugroast:

In der Kolumne „Zugroast“ stellen wir jede Woche Menschen vor, die aus Hamburg, aus dem Ruhrpott oder aus Kasachstan in die Oberpfalz gezogen sind – und hier eine neue Heimat gefunden haben.

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