26.08.2020 - 18:24 Uhr
TrausnitzOberpfalz

Kleinste Landschule Bayerns in Gefahr?

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Schlechte Noten gibt Bürgermeister Martin Schwandner der bayerischen Schulpolitik. Die Trausnitzer Kombiklasse 3/4 wird nach Pfreimd ausgelagert. Schwandner befürchtet ein schleichendes "Aus" der Landschule. Das Schulamt hält dagegen.

Die Kombiklasse 3/4 der Grundschule würde gerne in Trausnitz bleiben.
von Claudia Völkl Kontakt Profil

Die schlechte Nachricht kam Pfingsten. Das Staatliche Schulamt Schwandorf informierte die Gemeinde und die betroffenen Erziehungsberechtigten über die geplante Verlegung der Kombiklasse 3/4 – befristet für ein Jahr – an die Grundschule Pfreimd. Der Grund: Die geburtenschwachen Jahrgänge 2007 bis 2012 haben Auswirkungen auf die Schülerzahlen der Trausnitzer Grundschule. Die Folge: Für die Kombiklasse mit nur sechs Schülern wird es keine Lehrkraft geben.

Ein rundes Konzept

Die Entwicklung, dass eine Delle kommen wird, war dem Gemeinderat durchaus schon vor Jahren bekannt. Er handelte. Martin Schwandner verweist auf einen Grundsatzbeschluss aus dem Jahr 2014, "der den Fortbestand, die Weiterentwicklung des Schulstandortes sowie die Bereitschaft zur Investition an der Grundschule beinhaltet". Das war kein Worthülse: Um Schulstandort und Kinderbetreuung zu sichern, legte sich die Gemeinde mächtig ins Zeug. 2015 entwickelte sie ein Konzept, damit aufgrund der geringen Schülerzahlen Lehrerstunden reduziert werden können: Die Gemeinde stellte eine pädagogische Kraft zur Verfügung und trägt die Kosten dafür. Zeitgleich begann man durch Baugebietsausweisung und Leerstand-Offensive mehr Familien nach Trausnitz zu bringen. Die Geburtenzahl erhöhte sich. 2016 folgte dann die Anbindung des Schulstandortes mit schnellem Internet: es gibt einen leistungsfähigen Breitbandanschluss und flächendeckende Versorgung im gesamten Schulgebäude. Hinzu kam vor zwei Jahren der neue Landkindergarten im Schulgebäude mit durchgängiger Kinderbetreuung. Zudem setzt man auf die offene Ganztagsbetreuung der Grundschulkinder mit Mittagsverpflegung. Und erst im letzten Jahr wurde Trausnitz noch die erste Naturparkschule im Landkreis Schwandorf.

Drei Schulwechsel

Das alles kostet: Bürgermeister Schwandner beziffert die Gesamtinvestition 2015 bis 2020 auf rund 800.000 Euro. Mit Blick auf dieses Gesamtpaket und in den nächsten Jahren wieder ansteigender Schülerzahlen appelliert die Gemeinde daran, "die befristete Verlegung der Kombiklasse 3/4 im kommenden Schuljahr nicht zu vollziehen". Es würde laut Schwandner für Schüler der kommenden 3. Jahrgangsstufe innerhalb von drei Jahren drei Schulwechsel bedeuten: "Von Trausnitz nach Pfreimd, von Pfreimd zurück nach Trausnitz und dann von Trausnitz an die weiterführende Schule." Zudem differiere die Aufteilung der Lerninhalte in Lernfächern einer Kombiklasse gegenüber einer "normalen" Klasse. Und gerade in Hinblick auf die Coronasituation könne man heuer "nicht von einem normalen Schuljahr ausgehen". Mehr Kinder in einer großen Einrichtung zu unterrichten, das sei "alles andere als sinnvoll". Auch Pfreimds Bürgermeister Richard Tischler lässt in einem Brief an die Regierung der Oberpfalz anklingen, dass der Pfreimder Hort immer mehr Platz im Schulgebäude beanspruche. Eine Auslagerung der Trausnitzer Kinder nach Pfreimd dürfen das Pfreimder Gesamtbetreuungskonzept nicht beeinträchtigen.

Kleine Schule mit Sonderstatus

Trausnitz

Bürgermeister Martin Schwandner hat wegen der Klassenverlagerung viele Briefe geschrieben: An Regierungsschuldirektor Thomas Unger, an örtliche Bundes- und Landtagsabgeordnete, selbst an Ministerpräsident Markus Söder, Staatssekretärin Anna Stolz und Kultusminister Michael Piazolo. Er appelliert daran, der Trausnitzer Gesamtsituation durch die Zuweisung einer Lehrerstelle für die Kombi-Klasse 3/4 Rechnung zu tragen. Die Kinder untermauerten das Ganze mit einer Unterschriftenaktion.

Vergebliche Vorstöße

Die Bemühungen hatten keinen Erfolg: "Die Regierung der Oberpfalz hat uns keine zusätzlichen Lehrerstunden zugeteilt, sondern die Zuständigkeit an das Schulamt übertragen", berichtet Schwandner. Nach der Lehrerzuteilung steht hier die Entscheidung: Eine Lehrerin für die Kombi-Klasse 1/2, Auslagerung der Klasse 3/4 nach Pfreimd.

Man zählt den Schulstandort praktisch an.

Bürgermeister Martin Schwandner

Bürgermeister Martin Schwandner

Für Schulamtsdirektor Georg Kick kann keine andere Variante in Frage kommen: "Das ist eine Sache der Bildungsgerechtigkeit". Er könne nicht für sechs Kinder eine Klasse einrichten, wenn andernorts Klassen mit bis zu 28 Kindern unterrichtet werden müssten. Wenn die Schülermindestzahl in der Kombiklasse 3/4 der Landschule um mehr als 50 Prozent unterschritten werde, sei das nicht mehr vertretbar. Die Schule werde ja nicht geschlossen, die Kombiklasse 3/4 sei sozusagen inaktiv. Bei rund 700 Lehrern und rund 5000 Schülern habe das Schulamt auch mobile Reserven, Schwangerschaftsvertretungen und Krankheitsfälle zu berücksichtigen. Eine Lehrkraft für eine so kleine Kombiklasse wie in Trausnitz binden, das könne er mit Blick auf die gesamte Schullandschaft des Landkreises nicht verantworten.

Wie geht es weiter? Bürgermeister Martin Schwandner hat in der nächsten Woche einen Gesprächstermin bei Kultusminister Michael Piazolo.

Info:

Prognose

Die Gemeinde geht von folgenden Einschulungszahlen aus: 2020/2021 neun, 2021/2022 fünf, 2022/2023 dann 16, 2023/2014 sieben und 2024/2025 zwölf Kinder.

Info:

Zwei Standpunkte

  • Im Schreiben aus dem Ministerialbüro von Staatssekretärin Anna Stolz werden die Mindestschülerzahl 13 und die Höchstschülerzahl 28 genannt. Die Zuweisung der Lehrer an die Schulämter erfolge auf der Grundlage der im Landkreis vorhanden Schülerzahlen. Aufgabe der Schulämter sei es, vergleichbare Rahmenbedingungen beim Personaleinsatz zu schaffen und große Unterschiede bei den Klassenstärken soweit möglich zu vermeiden. Die Planungen hätten für die Kombiklasse 1/2 insgesamt 14 Schüler, für die Klasse 3/4 sechs Schüler vorgesehen. Aufgrund dieser geringen Zahl sehe das Schulamt vor, diese Kinder im Nachbarort Pfreimd zu beschulen. Damit ergäben sich in Pfreimd "pädagogisch sehr gut zu vertretende Klassenstärken": 3a: 22 Schüler, 3 b: 23 Schüler, 4a 19 und 4b 22 Schüler. Als erfreulich wird die Tatsache gewertet, dass mittelfristig in Trausnitz wieder höhere Schülerzahlen zu erwarten sind, so dass möglicherweise bereits zum Schuljahr 2021/2022 wieder zwei Klassen an der Grundschule Trausnitz eingerichtet werden können. "Seien sie versichert, dass die geplante Maßnahme weder den Erhalt der Schule in Frage stellt, noch die Auflösung der Schule in Erwägung gezogen wird", heißt es aus dem Ministerialbüro.
  • Bürgermeister Martin Schwandner zeigt sich in seinem Antwortschreiben enttäuscht. "Ich habe eine Entscheidung zugunsten gleichwertiger Lebensverhältnisse am Land erwartet. Als Bürgermeister einer Landgemeinde mit 1000 Einwohnern und als Sachaufwandsträger einer kleinen Dorfschule stelle ich fest, dass im Moment für alles Geld da ist in Bayern, nur nicht für Schulkinder am Land. Hier streicht man 24 Lehrerstunden, zählt den Schulstandort praktisch an und mutet den Kindern drei Schulwechsel innerhalb von drei Jahren zu".
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