Es ist so unglaublich still hier. Hatte Sigmund Gilch nicht am Telefon gesagt, er sei vollbelegt? Besucht man ein Tierheim, empfängt einen grundsätzlich Hundebellen. Und eine Hundepension ist doch eine Art Tierheim auf Zeit. Warum bellt hier keiner?
Sigmund Gilch steht in der Tür und lacht. Tierheim auf Zeit. Was für eine Vorstellung! Wer seinen Hund oder seine Katze in der "Villa Vista" kurz vor dem ehemaligen Grenzübergang bei Waidhaus abgibt, weil er das Tier nicht mit in den Urlaub nehmen kann oder will, ermöglicht ihm in der Regel erholsame Tage vom gewohnten Zuhause. Im besten Fall holt man das Tier ab und wundert sich, dass es eine unliebsame Macke abgelegt hat - ohne jedes Training. "Unsere Tiere sind vollkommen entspannt", sagt Gilch, "bei uns gibt's kein hysterisches Gebell."
Kein Hinterherjaulen
Den Hund 14 Tage zurücklassen? Kann man das guten Gewissens überhaupt? Wird der Hund sich nicht verzehren vor Sehnsucht? Gilch muss wieder schmunzeln. "Das mag man nicht so gern hören, aber sowie die Halter sich verabschiedet haben und ich mit dem Hund zu den Zwingern gehe, gibt es kein Hinterherjaulen oder so was." Die Hunde seien sofort von den vielen Artgenossen rundherum in Beschlag genommen. Was nicht bedeutet, dass Gilch den Hund in ein ihm fremdes Rudel entlässt. Im Gegenteil: Gilch beherbergt seine Gäste ausschließlich in Einzelhaltung. In Zwingern, nicht im privaten Wohnzimmer.
Nach Temperament
In Zwingern? Also doch Tierheim auf Zeit. Der Hundetrainer - den Begriff "Hundeflüsterer" mag er nicht ("man muss mit dem Hund reden, nicht flüstern") - winkt ab. Die Hunde würden nach Charakter und Temperament nebeneinander angeordnet; das sei für die Tiere einfach nur spannend und hochinteressant. Gilch betreibt Hundeschule und Tierpension seit mehr als 20 Jahren hauptberuflich. Er ist Übungsleiter im Schäferhundeverband und Ausbilder für den Hundeführerschein des Verbandes für das deutsche Hundewesen (VDH). Eine Beherbergung von fremden Hunden und Katzen in Privatwohnungen, wie häufig angeboten und auf den ersten Blick für das besorgte Herrchen und Frauchen attraktiver als Gilchs Zwinger, hält er für unrealistisch. "Die Wohnungen möchte ich sehen", sagt er.
"Sehr viel Arbeit"
Seine große Anlage - er hatte zu Zeiten 70 Hunde hier, als er noch für die US-Streitkräfte ausbildete - ist extrem gepflegt, an allen Ecken blüht es, Gilchs zweites Hobby. Inzwischen hat er die Pension auf acht Zwinger verkleinert, denn eigentlich möchte er sich zur Ruhe setzen, wenn er einen geeigneten Pächter oder Nachfolger "mit Herz" fände. Denn Tochter Andrea hat sich trotz großen Talents für den Umgang mit Tieren und umfangreicher Ausbildung für die Musik und gegen die Hundeschule im Hauptberuf entschieden. Was er bedauert, aber auch verstehen kann, denn es sei schon "sehr viel Arbeit".
Aber wie läuft es denn nun ab, wenn man seinen Hund oder seine Katze vorübergehend in einer Pension wie der Gilchs unterbringen will? Nach dem ersten Anruf, ob überhaupt ein Platz frei ist, verschickt Gilch einen sehr umfangreichen Fragebogen. Denn es muss vieles vorab geklärt werden. Das sind zum einen formale Voraussetzungen (Hunde müssen etwa zwingend geimpft und entwurmt sein), es geht aber auch um das Abklären von Vorlieben des Tieres, von Macken, von Empfindlichkeiten, Allergien, Fütterungs- und Futtergewohnheiten. Erst wenn solche und viele andere Fragen bis ins Detail geklärt sind, kann die Anreise erfolgen.
Dem Tier können dann selbstverständlich das Lieblingsspielzeug oder die Lieblingsdecke mitgegeben werden, aber Gilch hat die Erfahrung gemacht, dass die Tiere derlei gar nicht brauchen, auch wenn die Halter davon überzeugt sind. "Die schauen das meistens gar nicht mehr an."
Abschied im Haupthaus
Verabschieden sollen sich die Halter nach Möglichkeit schon im Haupthaus und gar nicht mit zu den Zwingern gehen. Das bringe Ruhe in das Geschehen, sagt er. Der Abschied sei ohnehin für die Halter meist schwerer als für die Hunde.
Und wie werden Waldi und Bello in der "Villa Vista" behandelt? Wie gute Gäste, sagt Gilch. Der erfahrene Trainer, der in seiner Hundeschule ausschließlich auf positive Verstärkung setzt, schafft es aber auch, dass Waldi und Bello nach Hause kommen und ausgerechnet die eine unangenehme Macke abgelegt haben, die ihre Halter schon zur Verzweiflung getrieben hat. Ohne jedes bewusste Training, einfach nur durch den natürlichen Umgang mit dem Hund aus der Position eines erfahrenen Rudelführers heraus. (eig)














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