17.05.2019 - 11:11 Uhr
VohenstraußOberpfalz

Ein Camper ist selten allein

„Leg’ dich nicht mit einem Camper an. Er kennt Orte, an denen dich niemand findet.“ Was fast gefährlich klingt, beschreibt einen Reisetrend, der kräftig boomt. Das zeigt sich auch auf dem Wohnmobil-Stellplatz in Vohenstrauß.

Das Ehepaar Franz (links) und Rosa hat auf dem Wohnmobilstellplatz in Vohenstrauß Freundschaft geschlossen mit Günter Ludwig aus Bad Griesbach (Zweiter von links) und dem Rosenheimer Frank Ralph.
von Christine Walbert Kontakt Profil

Ehepaar Rosa und Franz hat keine weite Anreise. Die beiden wohnen nur rund 20 Kilometer entfernt und steuern seit Jahren immer wieder gerne für ein paar Tage den Vohenstraußer Stellplatz an der Stadthalle an. Sieben Monate am Stück sind sie mit ihrem Hymer unterwegs - kreuz und quer durch halb Europa. Jeweils nach vier Wochen sehen sie zu Hause kurz nach dem rechten. Franz schläft sogar daheim lieber im Wohnmobil, das im Garten parkt. Das Fernweh lässt sich hier aber nur ein paar Tage unterdrücken. Dann düsen die beiden Rentner wieder los.

In Vohenstrauß fühlen sie sich pudelwohl: "Der Platz ist sehr schön. Und er ist kostenlos", schwärmt die rothaarige Rosa. Sie trommelt schnell ihre Nachbarn zusammen, denn: Ein Camper ist selten allein. Das bunte Grüppchen tauscht sich aus, plaudert über das viel zu kalte Wetter und über mögliche Reiseziele der nächsten Tage. Alle sind sich einig, dass die Stellflächen und die Ausstattung mit kostenlosem Strom und Wasser hier wirklich ausgezeichnet sind. Nur eins sei verbesserungswürdig, meint Rosa: "Man sollte zwei Wassersäulen anbringen, eine für das Frischwasser und eine für das Spülwasser."

Alle Buchten besetzt

"Der Platz hier boomt. Es gibt Zeiten, da sind alle Buchten besetzt. Dann müssen wir eben weiterfahren nach Moosbach, Eslarn, Schönsee oder Oberviechtach", erklärt Franz. Das Ehepaar hat die Fahrräder an Bord, um vor Ort flexibel zu sein oder auf dem Bocklweg die Gegend zu erkunden. Geschäfte, Läden und Lokale der Stadt stehen bei den Kurzurlaubern hoch im Kurs. "Wir wollten eigentlich in den Bayerischen Wald weiter", erzählt die erfahrene Camperin. "Aber das lassen wir jetzt bei den kühlen Temperaturen sein." Ein Wohnmobilist hat immer einen Plan B - oder eben gar keinen Plan.

Rosa und Franz haben während ihrer Trips mit dem Hymer so manchen Paradiesvogel kennengelernt. Die quirlige, ältere Dame hält ihre Erlebnisse fein säuberlich in einem Reisetagebuch fest. Egal, wo sie für ein paar Tage landen, die Grundregel lautet überall: "Als Camper bist du nie allein. Man hilft sich." Mit manchen Bekanntschaften verbindet das Ehepaar eine lange Brieffreundschaft. Der Trend zum Wohnmobil sei unübersehbar. Nicht nur Senioren würden auf diese Weise Freiheit mit individuellem Reisekomfort verknüpfen. Immer häufiger würden sich alleinstehende Frauen hinters Steuer eines Wohnmobils setzen.

Der 75-jährige Günter Ludwig aus Bad Griesbach ist ebenfalls regelmäßiger Gast in Vohenstrauß. Aus vielen Gesprächen von Camper zu Camper weiß er: "Wenn die Rente nicht mehr reicht, verkaufen manche ihr Haus und leben dann im Wohnmobil."

50 Jahre Camper

Er selbst ist auf dem Gebiet ein alter Hase: "Ich bin schon 50 Jahre Camper. Früher mit dem Wohnwagen, seit 11 Jahren mit dem Wohnmobil." Seine Tochter lernte auf dem Campingplatz am Monte Kaolino ihren späteren Mann kennen. "Hat man Kinder, sollte man lieber mit dem Wohnwagen an einem Ort bleiben. Später ist dann das Wohnmobil besser. Ich selbst möchte nicht mehr stationsgebunden sein", schmunzelt Ludwig. Der 75-Jährige bringt die Vorteile des Vohenstraußer Platzes auf den Punkt: "Er liegt günstig, und er ist günstig."

Sein Stellplatz-Nachbar Frank Ralph aus Rosenheim ist nicht aus purem Vergnügen vor Ort. Er muss ein paar Tage in der Gegend arbeiten, und das nicht zum ersten Mal. Er ist hier vollauf zufrieden und findet den Standort "sehr ruhig", auch wenn die Umgehungsstraße hin zur A 6 gleich am Gelände vorbeiführt. Dem gebürtigen Kieler gefällt es hier so prächtig, dass er am liebsten ganz in die Pfalzgrafenstadt ziehen würde. Seine Frau sei bereits auf Arbeitssuche. "Wenn das klappt, dann mieten wir uns in Vohenstrauß eine Wohnung."

Sperrmülltourismus:

Für Unmut bei den Campern sorgte am vergangenen Wochenende eine Gruppe von Tschechen und Polen, die auf dem Volksfestplatz eine Art Zwischenlager für ihr aufgesammeltes Sperrmüllgut errichtete und bis spät in die Nacht nicht ruhig wurde. Die Leute, die in ihren Autos nächtigten, hatten offenbar einen Kampfhund dabei. Urlauberin Rosa ist noch Tage später entsetzt: „Wenn die Stadt das schon duldet, dann sollte man den Leuten aber auch den Zugang zu Dusche und Toiletten ermöglichen. So mussten sie ringsherum in die Büsche gehen. Das geht gar nicht.“ Den Schlüssel für die sanitären Anlagen auf dem Platz bekommt man grundsätzlich im Rathaus gegen eine Kaution von 50 Euro. Pro Tag fallen 5 Euro Gebühr an.

Geschäftsleiter Alfons Sier kennt das Problem seit einigen Jahren. Die Stadt werde aber auch weiterhin davon absehen, die sanitären Anlagen auf dem Wohnmobil-Stellplatz in Zeiten der Sperrmüllabfuhr zu öffnen.

Gut und günstig:

Christoph Maier, Leiter des Tourismusbüros, schätzt, dass jährlich etwa 200 Wohnmobile die 8 gebührenfreien Stellplätze auf dem Festplatz (Neuwirtshauser Weg 11) neben der Stadthalle nutzen. Da sich die Kurzurlauber im Rathaus nicht anmelden müssen, könne er nicht mit genauen Zahlen aufwarten. "Es werden jedoch eindeutig immer mehr", meint Maier. Die Rückmeldungen der Wohnmobilisten seien bis auf wenige Ausnahmen sehr positiv. Es gebe keine speziellen Regeln, die zum Beispiel die Benutzung von Markisen oder das Grillen auf dem Platz betreffen. Auch wenn einzelne Fahrzeuge das eine oder andere Mal länger als drei Tage stehenbleiben, schreite die Stadt nicht sofort ein.

Die Stadt wirbt mit der guten Anbindung an die A 6. Die Stellplätze sind gut von den Ausfahrten Vohenstrauß-West und -Ost zu erreichen. Die Strecke bis zur Stadtmitte beträgt etwa 600 Meter. 300 Meter sind es bis zur nächsten Einkaufsmöglichkeit. Auch die beiden Tankstellen sind ein Standortvorteil. „Wir werden immer wieder mal gefragt, weshalb wir die Wohnmobil-Stellflächen samt Strom und Wasser kostenlos anbieten. Man muss da schon auch den Nutzen für die Stadt sehen, weil die Camper gehen in unsere Geschäfte und Wirtshäuser.“ Die Erhebung von Gebühren sei außerdem mit nicht unerheblichen (Personal-)Kosten verbunden.

Rosa liebt die Freiheit, die ihr Reisen mit dem Wohnmobil bieten. Mit ihrem Rad erkundet die Rentnerin zusammen mit ihrem Mann Franz die Umgebung.
Er hat es sich seinem Hymer schnuckelig eingerichtet: Sieben Monate im Jahr ist Franz mit seiner Frau Rosa im Wohnmobil unterwegs. Er kennt sich aus auf den Stellplätzen der näheren und weiteren Umgebung. Ungarn, Frankreich oder Bulgarien - das Reisetagebuch der beiden füllt sich zusehends.
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