05.04.2020 - 11:11 Uhr
VohenstraußOberpfalz

Coronavirus macht Philippinen-Urlaub zu Horrortrip

Touristen ohne Bleibe, Militär stoppt die Fährverbindungen, Essen wird rationiert: Der Corona-Ausbruch verwandelt den Philippinen-Urlaub von Tanja E. aus Vohenstrauß in eine Tortur. Bei der Heimreise explodiert auch noch ein Flugzeug.

Zu Beginn ihres Urlaubs auf den Philippinen hat Tanja E. noch gut lachen. Noch weiß sie nicht, welche Tortur ihr bevorsteht. Der Kontakt zu einem bekannten Einheimischen half ihr zumindest, eine Notunterkunft zu finden.
von Tobias Gräf Kontakt Profil

Tanja E. (vollständiger Name der Redaktion bekannt) aus Vohenstrauß und ihre österreichische Freundin haben ab Ende Februar einen dreiwöchigen Urlaub auf den Philippinen verbracht. Die beiden besuchten mehrere Inseln des südostasiatischen Landes und verbrachten dort eine schöne Zeit. Am 13. März wollte die Fachärztin für Laboratoriumsmedizin zurück in Deutschland sein. Doch aus der geplanten Rückkehr an ihren Arbeitsplatz im Synlab-Labor in München wurde nichts. Jeglicher Erholungseffekt verwandelte sich für die Oberpfälzerin über Nacht in das schiere Gegenteil, als durch den Ausbruch der Corona-Pandemie tausende Touristen auf den philippinischen Inseln festsaßen und eine Ausreise unmöglich wurde.

Zwar habe es auf Bohol, der Urlaubsinsel der beiden Freundinnen, nur einen Corona-Fall gegeben, aber: "Man hat sofort harte Maßnahmen ergriffen, alles wurde dicht gemacht. Sogar die Hotels haben geschlossen." Weil auch die Fährverbindungen gekappt wurden, sitzen die Urlauberinnen auf der Insel fest – ohne eine Unterkunft. "Wir standen mit gepackten Koffern am Fährhafen. Das Militär hatte alles abgeriegelt. Es gab keinerlei Informationen, wie es weitergeht", beschreibt die 39-Jährige die Situation.

Eine Woche im Geisterhotel

E. hat Glück im Unglück: Ein philippinischer Bekannter vermittelt den gestrandeten Frauen ein Hotelzimmer. Die beiden verbringen in dem leeren Geisterhotel eine ganze Woche. "Restaurants, Geschäfte, alles hatte geschlossen, nur noch Supermärkte hatten geöffnet", berichtet E. Als am 22. März wieder vereinzelt Fähren fahren, um Touristen auf die größere Nachbarinsel Cebu mit einem kleinen Flughafen zu bringen, bucht die Labormedizinerin einen Flug.

"Auf die Fähre durfte nur, wer ein Flugticket vorzeigte und innerhalb von 24 Stunden ausreiste." Vom Regionalflughafen auf Cebu sollte es in die philippinische Hauptstadt Manila und von dort über Abu Dhabi zurück nach Deutschland gehen.

Es war wie in einem schlechten Film, ich konnte das gar nicht begreifen.

Tanja E. (39)

Tanja E. (39)

Doch kurz nach ihrer Ankunft auf Cebu ereilt die Freundinnen der nächste Schock: "Unser Emirates-Flug wurde abrupt gecancelt. Das haben wir per E-Mail erfahren", empört sich die Fachärztin. E. und die besorgte Familie in Deutschland versuchen, die Fluggesellschaft und den Reiseveranstalter zu erreichen. "Es gab keinerlei Reaktion, weder über das Telefon, noch per E-Mail. Die Büros waren nicht besetzt. Bis heute habe ich keinen erreicht", zeigt sich die 39-Jährige entsetzt über den schlechten Service.

Flüge ersatzlos gestrichen

Zu diesem Zeitpunkt sollten die Freundinnen bereits seit einer Woche zurück in Deutschland sein. "Es war eine Katastrophe. Wir wussten nicht mehr, was wir machen sollten", erinnert sich E. Besonders ärgerlich: Für den ersatzlos gestrichenen Emirates-Flug hatte die Labormedizinerin bereits über 1000 Euro bezahlt – die gleiche Summe für ihre 31-jährige Freundin, die ohne Kreditkarte unterwegs war. "Wir waren hilflos und kamen uns auch etwas verarscht vor, weil man eine gewisse Unterstützung einfach erwartet", sagt E. "Das Geld haben wir nicht zurückbekommen."

Baden im Pazifik, lange Sandstrände, Sonnenuntergänge und Palmen: Was sich für viele Touristen nach einem Urlaub im Paradies anhört, entwickelte sich für Tanja E. zu einem Alptraum – sie saß drei Wochen länger auf den Philippinen fest als ursprünglich geplant.

Die Oberpfälzerin meldet sich bei "Elephant" an, einer Online-Registrierungsplattform des Auswärtigen Amtes für im Ausland festsitzende Deutsche. Zudem erfährt sie vom Rückholprogramm der Bundesregierung für deutsche Touristen. Doch die Organisation der deutschen Behörden beschreibt E. als schlecht. "Auf Cebu waren zu diesem Zeitpunkt weit über eintausend deutsche Touristen und noch mehr andere Europäer." Zwar hätten die Deutschen sehr früh begonnen, ihr Rückholprogramm medial anzukündigen, aber: "Es ist nichts passiert. Die anderen Nationen haben ihre Leute viel schneller rausgeholt. Die Russen haben ihre Staatsbürger sogar mit Bussen abgeholt und zum Flughafen gefahren. Du als Deutsche sitzt da, schaust zu, wie alle geholt werden, und denkst dir: 'Um uns kümmerst sich keiner.'"

Am Flughafen Cebu herrschte das reinste Chaos – auch verursacht durch deutsches Missmanagment. "Wir sollten zum Flughafen kommen. Mit Glück hat man dann ein Ticket bekommen – oder eben nicht. Jeder wollte in den Flieger rein, die Leute sind aggressiv geworden. Hauptsache raus." Doch auch dieser deutsche Rückkehrer-Flug wird kurzfristig abgesagt. Es ist inzwischen der 25. März – 12 Tage nach der geplanten Rückkehr.

Botschaft reagiert unsolidarisch

Als weiteres Problem kommen diplomatische Spitzfindigkeiten hinzu. Die deutsche Botschaft lehnt E´s österreichische Freundin als Begleitperson ab. Sie solle sich an die österreichische Botschaft wenden, antwortet das deutsche Konsulat auf Cebu. Das war "total unsolidarisch. Meine Freundin arbeitet wie ich seit sechs Jahren in München. Andere Staaten haben in ihren Rückholflügen auch Deutsche mitgenommen", kritisiert sie die fehlende Nothilfe.

Zurück nach Deutschland schafft es E. letztlich auch nicht durch deutsche Behörden – sondern mit österreichischer Hilfe. "Meine Freundin hat sich bei ihrer Botschaft gemeldet. Und die haben sofort persönlich geantwortet, uns einen Zubringer-Flug nach Manila organisiert und ein Hotel gleich neben dem Flughafen." E. war erleichtert: "Da hatte ich das erste Mal Hoffnung, wieder nach Hause zu kommen."

Quarantäne im Luxushotel

Als die Vohenstraußerin am 27. März in Manila landet, macht sich wieder Zuversicht breit. Die österreichische Botschaft hatte beiden Frauen die Unterkunft in einem Hilton-Hotel gebucht. E. weiß, dass dies missverstanden werden könnte. Sie sagt: "Das war keine Erholung. Wir standen unter Quarantäne, durften unser Zimmer nicht verlassen. Wir haben da nicht am Pool gelegen." Beide Frauen bekommen im Hotel nur rationierte Portionen. Einfache Küche, die normal nicht für Touristen vorgesehen ist. "Das Essen war wirklich schlecht." Auch das schönste Hotel fühle sich unter solchen Bedingungen wie ein Gefängnis an, berichtet E.

Ich musste weinen, weil ich zu diesem Zeitpunkt tatsächlich dachte, ich komme nicht mehr heim.

Tanja E. (39)

Nach vier Tagen im Hilton werden die Freundinnen am 30. März zum Flughafen gebracht. Beide sind angespannt und hoffen auf eine zügige Ausreise. Österreichisches Botschaftspersonal ist vor Ort und hilft beim Einchecken. Alles scheint endlich gut zu laufen. Dann passiert das Unvorstellbare: "Wir hatten unser Reisegepäck schon aufgegeben und standen im Wartebereich bereit zum Boarding. Plötzlich haben wir über die sozialen Medien erfahren, dass soeben ein Flugzeug explodiert ist."

Schock nach Flugzeug-Explosion

Kurz bevor E´s Maschine starten sollte, fing ein kleiner Jet beim Abheben Feuer und stürzte ab, acht Menschen starben. Bei dem Flug handelte es sich um eine medizinische Evakierungsmission mit Corona-Patienten an Bord, die zur Behandlung nach Japan gebracht werden sollten. Die Behörden sagen alle weiteren Flüge ab und beginnen mit Untersuchungen.

Als die beiden Frauen kurz darauf geschockt zurück ins Hilton-Hotel gebracht werden, ist E. nervlich am Ende und völlig perspektivlos. Der ursprüngliche Traumurlaub hatte sich zu einem Horrortrip entwickelt – und ein Ende war nicht absehbar. "Es war wie in einem schlechten Film, ich konnte das gar nicht begreifen", sagt E. rückblickend.

Als die 39-Jährige schon alle Hoffnungen auf eine Rückkehr aufgegeben hatte, geht es doch noch schnell. Am nächsten Tag startet ein weiterer Flug der Austrian Airlines (AOA) – E. und ihre Freundin sind mit an Bord. Als die Maschine abhebt, bricht es aus der Labormedizinerin heraus: "Ich musste weinen, weil ich zu diesem Zeitpunkt tatsächlich dachte, ich komme nicht mehr heim."

Enorme Extra-Kosten

Als E. am 31. März in Wien landet und anschließend mit dem Zug zurück nach München fährt, hat sie 36 Tage auf den Philippinen verbracht – knapp drei Wochen länger als ursprünglich geplant. Dieser erzwungene Extra-Aufenthalt war für die Oberpfälzerin nicht nur eine psychische Tortur, sondern auch eine finanziell große Belastung.

Die Vohenstraußerin Tanja E. hatte viel Kontakt zu den philippinischen Einwohnern. Am Ende aber wünschte sie sich nichts mehr die Rückkehr nach Deutschland.

Weil der eigentliche Rückflug ausfiel, buchte E. mehrmals Flüge auf eigene Kosten: Zubringer-Flüge von der Urlaubsinsel Cebu nach Manila. Von dort über Abu Dhabi nach Frankfurt. All diese Flüge bezahlte sie auch für ihre Freundin, die ohne Kreditkarte reiste. Auch den Aufenthalt im Hilton-Hotel mussten die Frauen teils selbst bezahlen.

Schmerzhafte Gehaltseinbußen

Allein für die gebuchten aber ausgefallenen Flüge summieren sich die Kosten auf rund 3600 Euro. Geld, das E. wahrscheinlich nie wieder sieht. "Ich habe bis heute keine Rückmeldung bekommen und rechne bestenfalls damit, Gutscheine zu erhalten." Weil sie drei Wochen außerplanmäßig nicht an ihrem Arbeitsplatz im Münchener Synlab-Labor sein konnte, fehlt E. auch das Gehalt. "Das zählt als unbezahlter Urlaub", erklärt sie.

Dennoch ist die Fachärztin "überglücklich, wieder zu Hause zu sein". Auf die Frage, ob sie schon die nächste Reise geplant habe, antwortet E. nur: "Oh Gott! Ich glaube, so schnell fliege ich erst Mal nicht mehr so weit weg. Das war mir ein Denkzettel. In solchen Situationen merkt man erst, wie hilflose man in der Ferne ist."

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