20.03.2020 - 11:24 Uhr
VohenstraußOberpfalz

Einzelhändler in Vohenstrauß kämpfen sich durch Coronakrise

Im Herzen der Stadt Vohenstrauß ist es seit Mittwoch ruhig. Fast alle Einzelhändler haben ihre Geschäfte geschlossen. Sie hoffen auf eine kurze Unterbrechung und bleiben für ihre Kunden derweil telefonisch oder über das Internet erreichbar.

Die Geschäfte im Stadtzentrum in Vohenstrauß haben bis auf wenige Ausnahmen geschlossen. Über Telefon, ihre Internetseiten oder Facebook bleiben die Unternehmer aber mit ihren Kunden in Verbindung.
von Christine Walbert Kontakt Profil

"Für den Einzelhandel ist das natürlich der absolute Horror", bringt es der Vorsitzende des Mittelständischen Wirtschaftskreises Vohzenstrauß, Jürgen Fuß, auf den Punkt. Vor drei Wochen habe er auch noch gedacht, dass es schon nicht so schlimm werden würde. Verhältnisse wie in China oder Italien seien für den Optiker unvorstellbar gewesen. "Wir alle wissen jetzt hoffentlich, dass ein gewaltiger Orkan über uns hinwegfegen wird, wir wissen nur nicht genau wann und welches Chaos er hinterlassen wird. Deshalb verstehe ich manche Verhaltensweisen überhaupt nicht, wäre sogar für eine Ausgangssperre."

"Betrieblich haben wir letzte Woche schon sofort reagiert, zum Beispiel alle Termine mit älteren Kunden abgesagt und Hygiene-Maßnahmen nochmals verschärft. Ab Montag werden wir nur noch mit Notbelegschaft arbeiten. Da wird es meiner Meinung nach eh recht ruhig. Für Notfälle stehen wir aber selbstverständlich zur Verfügung." Für die Mitarbeiter gelte es erst einmal, mit Urlaub oder Überstundenausgleich die nächste Woche zu überdauern. Dann müsse man gemeinsam planen, wie es weitergehen könne. Fuß ist sicher: "Die angebotenen Soforthilfen sind lebensnotwendig oder vielmehr überlebensnotwendig. Einige MWV-Mitglieder haben sich schon über mögliche Hilfsprogramme ausgetauscht. Es ist natürlich jeder in seiner individuellen Situation am Rotieren."

Für Juliane Lang sei es ein harter Schlag gewesen, als die Unternehmerfamilie aus den Medien erfuhr, dass sie ihre drei Geschäfte schließen muss. "Man fragt sich dann schon, wie das weitergehen soll. Gibt es überhaupt ein Weiter nach der Krise?" Die Juniorchefin versteht die drastische Maßnahme der Regierung: "Da es leider sehr viele verantwortungslose Menschen gibt, die sich nicht an ein paar kleine Vorschriften für eine kurze Zeit halten können, ist eine Ausgangssperre wahrscheinlich bald in Sicht, und es dauert somit immer länger bis wieder Normalität einkehrt. Wenn sich jeder an die Vorschriften halten würde, wäre der Spuk bald vorbei."

Die Folgen im Traditionsbetrieb sind hart: "Wir mussten alle unsere Mitarbeiter auf Kurzarbeit umstellen. In unserem Fall sogar auf 100 Prozent, also aktuell kommt niemand zum Arbeiten. Ich bin selbstverständlich jeden Tag hier. Nehme Anrufe und Anfragen entgegen und kümmere mich um unseren Onlinehandel. Wir bieten auch nach-Hause-Lieferungen an. Im Onlinehandel bleiben derzeit aber auch die Bestellungen aus."

Die junge Unternehmerin hofft auf "ein wenig mehr Unterstützung der Regierung". "Wenn die Schließung über mehrere Monate andauert, helfen uns Kredite und die kleine Sofortmaßnahme nicht viel weiter", erklärt Lang. Bis dahin versucht sie nun, den Telepräsenzroboter "Thorsten" ab nächster Woche schon mal einzusetzen, auch wenn er noch nicht ganz "rund läuft". "Die Kunden müssen sich nur eine Stunde vorher bei uns anmelden, kurz schreiben, an was sie interessiert sind und schon kann's losgehen." Vermutlich werde es technische Probleme mit Thorsten geben, weil das Internet derzeit völlig überlastet sei. Lang: "Der Staat hat diesbezüglich in den vergangenen Jahren so einiges verschlafen, das sich jetzt so richtig bemerkbar macht." Sie hoffe, dass es für alle Unternehmen ein "Weiter" nach der Krise gibt.

Die Mitarbeiter der Buchhandlung Rupprecht hoffen laut einer Information, die an der verschlossenen Tür zu lesen ist, dass sie bald wieder öffnen können. Das Team sei zu den üblichen Öffnungszeiten telefonisch erreichbar. Bestellungen würden persönlich oder per Post geliefert. Nach wie vor könne man auf der Internetseite des Unternehmens Bücher bestellen.

Auch Klaus Ringholz hat seinen Betrieb "Uhren Schmuck Bauer" geschlossen. Er beschreibt seine Situation folgendermaßen: "Ich habe noch Uhren und Schmuckreparaturen, die ich noch abarbeiten kann. Da man ja nicht weiß, wie lange der Zustand dauern wird, wäre es vielleicht nicht schlecht, wenn alle Einzelhändler ein bis zwei Tage in der Woche zumindest nachmittags öffnen dürften. Es wäre ja auch möglich, immer nur maximal zwei Personen in den Laden zu lassen. Langfristig müssen Möglichkeiten gefunden werden, wieder Umsätze zu generieren, da ja jeder Betrieb auch laufende Kosten verursacht, die gedeckt werden müssen. Sonst werden es viele Einzelhändler nicht über die Krise schaffen.

Gerhard Stahl hat ebenfalls ein Schild an die Tür seines Haushaltswarengeschäfts angebracht, auf dem zu lesen steht, dass er seinen Kunden per Facebook jeden Tag ein Angebot aus seinem Sortiment präsentieren wird. Er sei jederzeit telefonisch erreichbar und liefert Waren persönlich aus.

Erst vor fünf Wochen hatte sich Christian Frischholz mit der Eröffnung des "Freiraums" seinen Lebenstraum erfüllt. Die Geschäfte rund um den Dekorations- und Blumenladen liefen vom ersten Tag an sehr erfolgreich. Mit der Schließung habe er nun wie jeder Unternehmer "Horrorgedanken im Kopf".

Seit Mittwoch hat er seinen Laden geschlossen: "In einer kleinen Stadt wie Vohenstrauß habe ich mich trotzdem dazu entschlossen, geschlossen zu lassen. Die Gesundheit geht vor." Der Solo-Unternehmer hat Soforthilfe beantragt. Für seine Kunden bietet er einen Lieferservice an. "Je schneller sich alle Bürger an die Situation halten, umso schneller können wir alle wieder starten", hofft Frischholz. Er bleibt optimistisch: "Freuen wir uns, in ein paar Wochen auf der Sonnenseite von Vohenstrauß im Freiraum zu verweilen."

Jürgen Fuß, Vorsitzender des Mittelständischen Wirtschaftskreises Vohenstrauß, bezeichnet die derzeitige Lage inmitten der Coronakrise als "absoluten Horror für den Einzelhandel".
Info:

Reisebüros im Krisenmodus

Nico Koller vom Reisebüro Koller bezeichnet die Situation als "extrem schwierig". "Wir arbeiten momentan mit Hochdruck daran, alle verbleibenden Kunden im Ausland zurückzuholen. Dies ist uns bis jetzt durch die Hilfe von Staat, Condor und Lufthansa sehr gut gelungen. Meine Kollegen und ich arbeiten jeden Tag daran, das Bestmögliche für unsere Kunden herauszuholen, sie umzubuchen beziehungsweise zu stornieren."

"Das Problem an der Sache ist: Wir haben nicht nur den Ausfall, weil keine Kunden aktuell Urlaub buchen, sondern auch den Ausfall der Stornos. An den Stornos verdienen wir leider keinen Cent. Erschwerend dazu kommt, dass bereits erhaltenen Provisionen der vergangenen Monate jetzt an den Reiseveranstalter zurückgezahlt werden müssen. Das setzt die ganze Branche unter erhebliche Liquiditätsprobleme", erklärt Koller.

Die Soforthilfen vom Bayerischen Staat und der erleichterte Kurzarbeiterantrag würden da sicher etwas weiterhelfen. Wenn diese Situation noch viel länger andauere, würden Hilfen vom Staat höchstwahrscheinlich unverzichtbar. "Durch die Schließung der Ladengeschäfte durch die Regierung sind wir jetzt leider nur noch eingeschränkt erreichbar, unsere Kunden bringen derzeit auch viel Verständnis und Geduld für die Situation auf. Ich denke, nur wir alle gemeinsam können das schaffen. Damit meine ich die Stadt, Regierung, Kunden, Firmeninhaber und die ganze Bevölkerung. Wenn jeder seinen Beitrag leistet, können wir alle in die positiv in die Zukunft schauen."

Für Sie empfohlen

 

 

Videos aus der Region

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.