06.02.2020 - 18:18 Uhr
VohenstraußOberpfalz

Lang lebe der Landarzt

Die Staatsregierung hat gleich drei Programme aufgelegt, um junge Ärzte in ländliche Räume zu locken. Ob und wann sie wirken, muss sich erst noch zeigen. Eine 22-Jährige aus Oberlind macht schon mal vor, wie es gehen könnte.

Gesundheitsministerin Melanie Huml (rechts) holt für Paula Herrmann eine mit 600 Euro monatlich dosierte Finanzspritze in Form eines Landarzt-Stipendiums aus dem Retro-Doktorenkoffer.
von Friedrich Peterhans Kontakt Profil

Nach Studenten wie Paula Herrmann schleckt sich die Politik derzeit die Finger ab. Gesundheitsministerin Melanie Huml überreichte ihr vor Kurzem persönlich ein Stipendium, denn die Oberlinderin will Landärztin werden. Das ist dem Freistaat 600 Euro monatlich wert. Dafür verpflichtet sich Paula Herrmann, ihre Facharztausbildung in einem ländlichen Raum zu absolvieren und danach mindestens weitere fünf Jahre dort zu praktizieren.

Für die 22-Jährige eine ihrer leichtesten Übungen. "Ich freu mich jedes Mal, wenn ich auf der Autobahn heimfahre und die Schilder Leuchtenberg und Vohenstrauß sehe", sagt die Elly-Heuss-Abiturientin. Eine eigene Praxis in Vohenstrauß könnte sie sich durchaus einmal vorstellen. "Medizin ist mein Traumberuf seit ich in der 10. oder 11. Klasse mal ein Praktikum bei Kinderarzt Dr. Tretter in Altenstadt absolviert habe." Allgemeinmedizin oder Kinderheilkunde wären folglich auch ihre bevorzugten Facharztausbildungen.

Riesenhürde Abiturnote

So klare Vorstellungen hat nicht jeder, weiß die junge Frau. "Viele Kommilitonen wollen sich nicht schon nach dem Physikum festlegen." Auch sie selbst hätte Voraussetzungen für eine internationale Karriere. 2016 gewann sie als Schülerin einen EU-Übersetzerwettbewerb in der Sprache Französisch.

Heimat- und Familienverbundenheit wiegen jedoch stärker. Für Herrmann und die Staatsregierung also eine Win-win-Situation. Die zeichnete sich zunächst gar nicht so eindeutig ab. Der Abiturschnitt von 1,1 reichte der Oberlinderin 2016 erst einmal nicht für einen Studienplatz in Regensburg oder Erlangen. Sie schrieb sich zunächst an einer Privatuni in Nürnberg ein, einer Außenstelle einer Salzburger Universität. Von dort wechselte sie später an die Uni Erlangen, wo sie inzwischen im 6. Semester angekommen ist.

Der strenge Numerus Clausus (NC) von 1,0 ist eine der höchsten Hürden, die Landarzt-Laufbahnen erschweren. Stipendien, wie das für Paula Herrmann, sind einer von drei Wegen, dies zu umgehen. Das Programm wurde 2012 aufgelegt. Bewerben können sich Studenten, die das Physikum gemeistert haben.

Neue Chance für Seiteneinsteiger

Herrmann ist Stipendiatin Nummer 249. Zusammen mit Nummer 250 erhielt sie von Ministerin Huml ihren Bescheid bei einem kleinen Festakt in Bamberg. Unter diesen 250 Landarzt-Aspiranten sind bislang zwei aus dem Kreis Tirschenreuth. Herrmann ist die einzige aus Neustadt/WN, aus Weiden gibt es keinen Stipendiaten.

Die Zahl reicht bei weitem nicht, um den Bedarf künftig zu decken. Daher gibt es seit 1. Februar die Landarztquote in Bayern. Bis Ende des Monats können sich Interessenten online auf einen Medizinstudienplatz bewerben - ganz ohne NC. Das Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) wählt aus, wer zum Zug kommt.

Das funktioniert nach einem Punktesystem, bei dem ein Eignungstest, Ausbildung und Erfahrung in einem Gesundheitsberuf sowie ehrenamtliches Engagement addiert werden. Wer dann noch ein Auswahlgespräch übersteht, darf in den Hörsaal.

Für solche Bewerber hält Bayern 5,8 Prozent aller Medizinstudienplätze frei. Das entspricht etwa 110 Plätzen pro Jahr. Die Gegenleistung: Die Absolventen verpflichten sich, später mindestens zehn Jahre als Hausarzt in einem Raum zu arbeiten, der als unterversorgt gilt. Wie groß der Andrang nach der ersten Bewerbungswoche ist, steht nach Angaben einer Ministeriumssprecherin noch nicht fest. Auch, weil das LGL zurzeit alle Hände voll in Sachen Coronavirus zu tun hat. Die Landarztquote birgt für den Studenten ein Restrisiko. Sollte er es sich später anders überlegen und lieber in der Stadt arbeiten, muss er 250 000 Euro Strafe zahlen. Das kritisieren Studentenvertretungen. Zum Wintersemester 2020 sollen die ersten Landarztquoten-Studenten an den Unis einrücken.

Ein Arzt für 1609 Patienten

Die dritte Säule der Landarzt-Strategie heißt Niederlassungsförderung. Danach lässt der Freistaat für Haus- und Fachärzte sowie Kinder- und Jugendpsychiater bis zu 60 000 Euro springen, falls sie in einer Gegend ihre Zelte aufschlagen, die als "nicht überversorgt" gilt.

Was man darunter zu verstehen hat, legt die Kassenärztliche Vereinigung (KVB) fest. Sie hat Bayern in 204 Planungsbereiche unterteilt. Als überversorgt gilt ein Bereich, dessen Versorgungsgrad bei mindestens 110 Prozent liegt. Dann ist es erst mal nichts mit der Niederlassung. Gute Chancen haben indes junge Menschen, die mit dem Bereich Tirschenreuth liebäugeln. Laut KVB-Versorgungsatlas dürften dort sieben Mediziner anfangen.

Die KVB legt ihren Berechnungen einen Quotienten von einem Hausarzt für 1609 Patienten zugrunde. Das ist eine leichte Verbessrung gegenüber 2019. Da betrug das Verhältnis noch 1:1671.

Sollte es Paula Herrmann wieder in den östlichen Landkreis Neustadt ziehen, sieht es zurzeit dafür gar nicht so rosig aus. Laut KVB-Atlas ist der Planungsbereich Vohenstrauß derzeit mit 22 Ärzten gut bedient. Das entspricht einer Versorgungsquote von 122,64 Prozent.

Bis die Oberlinderin aber voraussichtlich 2023 mit dem Studium fertig ist, kann sich das schon wieder gedreht haben. Denn die Ärzte zwischen Floß und Eslarn sind im Schnitt 57 Jahre alt (Bayern: 54,4), 10 davon sind bereits über 60. Daher könnte es mit der Übererfüllung der Quote bald vorbei sein. "Aber die Bevölkerung auf dem Land hat den gleichen Anspruch auf medizinische Versorgung", gibt Herrmann die Überzeugungstäterin im weißen Kittel. Zukünftige Patienten werden es gerne hören.

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