27.07.2021 - 15:46 Uhr
VohenstraußOberpfalz

Stechmücken im Blutrausch: Warum die kleinen Biester uns gerade den Sommer vermiesen

Blutsaugende, winzige Plagegeister erobern derzeit Terrassen und Biergärten. Stiche von Stechmücken sind meist nicht dramatisch – aber ärgerlich. Oberpfalz-Medien befragte Experten, wie sich die Mücken-Invasion erklären lässt.

Diese Mücke hat nicht überlebt: Beim Stechen in die Haut eines Menschen wurde sie erschlagen. Nicht wenige werden es schon gespürt haben – in diesem Sommer wird die Region wieder von weit mehr Mücken heimgesucht als in den vergangenen zwei Jahren.
von Christine Walbert Kontakt Profil

Ein lauschiger Abend auf der Terrasse oder im Biergarten wird schnell zum Alptraum, wenn sich kleine, bissige Biester bemerkbar machen. Allein ihr penetrantes Summen macht die Stechmücke zu einem lästigen Insekt, das einem den Schlaf rauben kann. Derzeit scheinen die winzigen Blutsauger überall zu lauern. Geschichten über heftige körperliche Reaktionen wie Schwellungen und Fieber nach Mückenstichen machen in der Region die Runde. Oberpfalz-Medien hat bei Experten nachgefragt.

Das sagt der Insektenforscher

Für Manfred Ströhle vom Entomologischen Arbeitskreis Nordbayern, gibt es eine einfache Erklärung: „In den letzten beiden extrem heißen Sommern 2019 und 2020 gab es keine Mückenplage. Heuer ist es verregnet, überall steht das Wasser in den Pfützen. Da können sich die Mücken stärker vermehren.“ Der Insektenkundler aus Weiden stellt ein Rechenbeispiel an: Aus einem Mückenpärchen entstehen rund 200 bis 300 neue Mücken. Bis zum Oktober vermehren sich die Tiere ums Tausendfache.

Der Lebenszyklus der Gemeinen Stechmücke.

An stärkere körperliche Reaktionen nach einem Mückenstich glaubt Ströhle nicht: „Die Mücken sind nicht aggressiver und wir Menschen nicht sensibler. Es liegt einfach an der Zahl der Stechmücken.“ Er selbst mache sich kaum mehr was aus einen Stich, weil er schon sehr oft gestochen worden sei.

Der Experte setzt beim Mückenschutz auf Fenstergitter oder Vorhänge. „Ich halte nichts von chemischen Mitteln. Das will ich in meiner Wohnung nicht haben.“ Zudem würden die Viecher drinnen nicht lange überleben, wenn man ihnen das Wasser abgräbt. Quält ihn nach einem Stich der Juckreiz, reibt er die Stelle mit kühlender Salbe ein.

Das Thema Corona macht auch vor Insekten nicht Halt. Ströhle kennt die (Verschwörungs-)Theorie, nach der Corona-Geimpfte auf Mückenstiche viel heftiger reagieren würden als vor der Impfung, weil das Immunsystem geschwächt sei. „Alles Quatsch“, schimpft Ströhle. „Das hat mit der Corona-Impfung überhaupt nichts zu tun.“ Auch gebe es in der Oberpfalz bislang keine Mückenarten, die Krankheiten übertragen. Allerdings, so schränkt er ein, sei er selbst vor drei Jahren nach einem Stich einer Regenbremse schwer an Borreliose erkrankt.

Das sagt der Apotheker

Apotheker Martin Wolf aus Vohenstrauß hat derzeit gut zu tun mit Kunden, die nach einem Insektenstich mit starkem Juckreiz, Schwellungen oder roten Pusteln nach einem Heilmittel fragen. Neben den üblichen Antihistaminika-Salben gebe es auch elektronische Stichheiler, die den Juckreiz durch lokale Wärme mindern würden. „Damit haben wir durchaus positive Erfahrungen gemacht“, informiert Wolf.

Auch er habe sich mit der Frage beschäftigt, warum manche Menschen offenbar öfter von den blutsaugenden Plagegeistern gestochen werden als andere: „Körpergeruch, Körpertemperatur und – auch wenn das wissenschaftlich noch nicht belegt ist – spielt wohl auch die Ernährung eine Rolle.“ Ganz bestimmt nicht zutreffend sei die oft ins Spiel gebrachte Theorie, Mücken würden auf Menschen mit „süßem Blut“ fliegen.

Obgleich die allergischen Reaktionen insgesamt zunehmen würden, denkt der Apotheker nicht, dass Stiche von Stechmücken außerordentlich schlimmere Verläufe verursachen. „Da muss man sich mehr Gedanken machen, was passieren wird, wenn durch den Klimawandel und den internationalen Reiseverkehr in unseren Regionen immer mehr neuartige Mückenarten heimisch werden.“ Als Beispiel nennt Wolf die asiatische Buschmücke. Er sei überzeugt, diese invasiven Mückenarten werden durch die Übertragung von Krankheiten größere Probleme mit sich bringen.

"Oft erkennt man nicht auf den ersten Blick, von welchem Insekt der Kunde gestochen worden ist." Zum Beispiel stelle der Eichenprozessionsspinner eine ernsthaftere Gefahr dar. Bei Kontakt mit den Brennhaaren reagiert der Körper mit allergieähnlichen Symptomen: Es kann zu einem Hautausschlag kommen, der sich mit Rötungen, Quaddeln, Bläschen und starkem Juckreiz äußert. "Es kommt schon vor, vor allem wenn auch noch Fieber auftritt, dass wir diese Personen dann zum Arzt schicken", erklärt der Apotheker.

Fakten über Mücken

Das sagt das Klinikum

Die Nachfrage beim Pressesprecher der Kliniken Nordoberpfalz AG, Michael Reindl, gibt Aufschluss darüber, ob es sich derzeit tatsächlich um eine Plage handelt: "In der Notaufnahme am Klinikum Weiden hatten wir in den vergangenen Wochen keine auffällig hohe Zahl an heftigen Reaktionen oder allergischen Schocks. Es gibt bei uns also weder häufigere noch schwere Behandlungen nach Mückenstichen."

Das sagt der Förster

Revierförster Martin Gottsche, der in den Wäldern in Eschenbach, Grafenwöhr und Pressath unterwegs ist, erklärt, nach zwei relativ entspannten Jahren seien heuer tatsächlich viel mehr der lästigen Tierchen unterwegs. „Durch das Mehr an Feuchte hatten sie optimale Bedingungen zur Fortpflanzung.“ Der 50-Jährige macht täglich seine ganz persönlichen Erfahrungen damit: „Erst gestern hätten sie mich auf dem Hochsitz beinah aufgefressen“, meint der Förster und lacht dazu. Im Wald schützt er sich durch entsprechende Kleidung: lange Hose, langes T-Shirt. Vorsicht sei geboten vor der Kriebelmücke. Die kleine, buckelige Fliege habe ihm bereits zwei Mal gehörigen Respekt eingeflößt. In beiden Fällen habe er nach ihrem Biss mit einer Blutvergiftung zu kämpfen gehabt. Der Forstexperte hat eine Theorie: „Die Leute haben wegen Corona ihr Verhalten geändert. Sie sitzen mehr im Freien. Den Urlaub verbringen sie zu Hause auf der Terrasse, man ist öfter im Biergarten. Man versucht, das Leben mehr nach draußen zu verlegen. Und so setzt man sich den Mücken mehr aus.“ Fakt sei für ihn, beim Thema Stechmücken sei der eine Mensch disponierter als der andere. Nach langen Jahren Erfahrung habe er jedenfalls keine Immunität gegen Mücken erreicht. Er werde noch immer gestochen.

Stechmücken als Krankheitsüberträger

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So wird man Stechmücken los

  • Weg mit Wasserstellen: Stechmücken sollten es erst gar nicht ins Schlafzimmer oder auf die Terrasse schaffen. Dafür sollten im Garten Wasserstellen oder Gefäße mit Wasserresten vermieden werden. Mücken verwenden diese, um ihre Eier abzulegen.
  • Auf Körperhygiene achten: Stechmücken lockt Schweiß- und Körpergeruch an. Übermäßiger Deo-Gebrauch hat denselben Effekt. Das Deo sollte geruchsneutral sein, ein Parfüm nicht süßlich riechen.
  • Gute Hausmittel: Das sind unter anderem Gewürzpflanzen wie Minze, Basilikum, Eukalyptus, Zitronenmelisse, Thymian, Rosmarin und Lavendel oder auch Tomaten und Durfpelargonien. Ihr Geruch soll die Blutsauger abschrecken.
  • Sprays und Lotionen: Mückenschutz-Sprays und Lotionen aus Apotheken sollten möglichst flächendeckend auf die Haut aufgetragen werden. Neben DEET hat sich der Wirkstoff Icaridin als feste Größe beim Insektenschutz etabliert.
  • Regentonne präparieren: Der Wirkstoff Bacillus thuringensis israelensis (Bti) wird als Tablette für die Regentonne benutzt. Bti gibt es auch in flüssiger Form. Der Wirkstoff wurde nur gegen bestimmte Mückenarten entwickelt, er ist für Menschen und andere Tiere unbedenklich.
  • Mückennetze: Besonders effektiv für Schlaf- oder Wohnzimmer
  • Kleidung anpassen: lange Hosen, langärmliche Shirts. Helle Kleidung schützt besser als dunkle.

 

 

Kommentare

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Ulla Britta Baumer

Mit Stechmücken leben ist gar nicht schwer
Ich erinnere mich an Urlaube, da wurden wir in Skandinavien regelrecht umschwärmt von Stechmücken. Wir nahmen auf unsere Reisen biologische Anti-Mückenmittel mit, wie sie Globetrotter verwenden. Teilweise stinken diese zwar etwas seltsam. Aber sie helfen, und damit überleben wir weitgehend mückenstichfrei die Mückenplagen im Urlaub ud daheim. Mücken gehören zur Biodiversität wie Schmetterlinge, Bienen und Hummeln. Singvögel und Fledermäuse brauchen sie als Nahrung. Wasserstellen aus dem Garten wegen ein paar "Moskitos" entfernen und die Mückenbrut mit der chemischen Keule gleich in der Regentonne vernichten, wie im Bericht vorgeschlagen, halte ich für keine guten Ratschläge. Offene Wasserstellen im Garten wie kleine Teiche sind unheimlich wichtig für Vögel, Tiere und Insekten. Predigen wir nicht täglich die chemiefreie Natur und Naturbewirtschaftung? Also bitte Finger weg von jeglicher Chemie zur Mückenbekämpfung im Garten, das ist völlig übertrieben! Das Kinderfoto zum Bericht mit vielen Mückenstichen am Rücken schaut natürlich "brutal" aus, ist aber nicht die Regel. Einmal gestochen, na und? Gegen den Juckreiz hilft als schnelles Mittel Huflattich, der überall wächst. Und mal ganz ehrlich: Ein paar Mückenstiche haben bisher noch niemanden "umgebracht".

29.07.2021