Beim Thema Mobilität im ländlichen Raum stehen die Menschen in vielerlei Hinsicht vor einem Dilemma: auf der einen Seite sollen sie aufgrund des Abbaus von Einrichtungen zur Daseinsvorsorge zwingend immer mobiler werden. Auf der anderen Seite ist das Angebot öffentlicher Nahverkehrsangebote alles andere als zufriedenstellend. Flexibilität ist das Zauberwort. Das wurde beim ÖPNV-Bürgerforum des Landkreises im Lehrsaal bei der Feuerwehr deutlich. Bürger sollen bei diesen Foren, die in größeren Orten stattfinden, ihre Meinungen einbringen und den Planern vielleicht auch noch einige Denkanstöße geben.
Doch nur einige wenige Fahrgäste aus der Region wollten sich offensichtlich beteiligen. ÖPNV-Sachgebietsleiterin Andrea Höning vom Landratsamt Neustadt/WN war mit Dr. Thomas Huber, Leiter Innovative Verkehrskonzepte DB Regio Bus, Region Bayern vor Ort, um das vorerst erarbeitete Handlungskonzept aufgrund der im April und Mai durchgeführten Haushaltsbefragungen vorzulegen und sich der Diskussion zu stellen. Es stütze sich nicht auf blanke Analysen sondern man wolle eine umsetzungsorientierte Planung vollziehen mit sinnvollen Vorschlägen die auch wirtschaftlich umsetzbar und nachhaltig sind. Für Huber und seine Mitarbeiter eine herausfordernde Aufgabe, vor allem in einem so großen Landkreis wie diesem. Man wolle deswegen nicht nur Daten sammeln sondern aus verschiedenen Blickwinkeln mit denjenigen reden die den ÖPNV nutzen. Alles was Huber an diesem Abend vorlegte, dient lediglich als Anreiz und Impuls für Gespräche. Im ländlichen Raum soll die Flächenbedienung durch den öffentlichen Personennahverkehr nachhaltig und zügig verbessert werden. In dünn besiedelten Gebieten will man eine angemessene Verkehrsbedienung durch den ÖPNV, beispielsweise mit bedarfsgesteuerten Bedienungsformen sicherstellen. Auch Bürgerbusse kamen an diesem Abend ins Gespräch, denn ein klassischer Linienverkehr ist in den dünn besiedelten Gebieten und Ortschaften nicht möglich und kann nur auf den nachfragestarken Hauptachsen betrieben werden.
Der Landkreis verfüge über ein sehr umfassendes Busliniennetz mit 31 Buslinien, davon 2 Stadtbuslinien in Neustadt und 29 Überlandlinien. Hauptknotenpunkt ist unter anderem Vohenstrauß. Die Frage für Huber ist: „Kann man da noch mehr herausholen?“ Flexible Bedienformen könnten den ÖPNV noch attraktiver gestalten, denn in der klassischen Struktur ist wenig dagegen zu setzen. Neue Schnittstellen könnten Rufbusse, Carsharing-Konzepte oder andere Mobilitätsmöglichkeiten sein. Während in vielen Städten Bus und Bahn fast rund um die Uhr gut erreichbar sind, fühlen sich die Leute auf dem Land abgehängt. Oft besteht der Nahverkehr im ländlichen Raum aus einem auf Schülerverkehr ausgerichteten Busverkehr als unattraktives Restangebot. „Es geht in erster Linie um Vernetzung und Mobilität“, so Huber. Ludwig Beierl brachte es gleich auf den Punkt: „Preis und Fahrplan sind entscheidend“.
Berufstätige die nach Weiden pendeln, hätten nur sehr begrenzte Möglichkeiten den ÖPNV zu nutzen. Beierl vertrat die Meinung, die Fahrpreise könnten subventioniert werden. Einer der Anwesenden stammt aus dem Ruhrgebiet und ist eine ganz andere Infrastruktur gewohnt. Der eingeschränkte Fahr-Takt am Wochenende biete überhaupt keine vernünftige Chancen für eine ÖPNV-Nutzung. „Der Fahrradanhänger am Bus ist eine tolle Idee, aber man kann sie nicht nutzen, da die Verbindung so schlecht ist. Da fehlt jegliche Flexibilität“, kritisierte der zweifach Familienvater. Noch dazu wäre der Bocklradweg vor der Haustür. Eine anderer Zuhörer beschrieb eine Fahrt nach Regensburg: “Man muss der Anschlussverbindung wie ein Jagdhund hinterherrennen.“
Auch von einem Georgenberger kamen Klagen. Wer kurz nach halb acht am Morgen nach Weiden fährt, muss bis Mittag warten, bis er wieder zurückkann. „Wenn ich das Auto abschaffe, möchte ich flexibler sein“, führte eine Pleysteinerin an. Wenn sie von ihrem Wohnort nach Moosbach ins Hallenbad fahren will, müsse sie einen Umweg über Vohenstrauß in Kauf nehmen, obwohl Moosbach nur sechs Kilometer von Pleystein entfernt ist. „Da geht viel Zeit mit Warten verloren und es ist zu teuer“.
Will sie den Radlbus nutzen, muss sie mit dem Rad erst nach Vohenstrauß treten. Weiter regten die Teilnehmer an, die bestehenden Haltestellen zu hinterfragen. Waidhaus‘ Bürgermeisterin Margit Kirzinger zeichnete verschiedene Szenarien mit Auszubildenden nach die aus ihrer Gemeinde zur Ausbildungsstelle nach Weiherhammer oder in andere entfernt liegende Orte fahren. „Mit dem ÖPNV ist es für die Lehrlinge fast unmöglich an den Arbeitsplatz zu kommen“. Bürgermeister Andreas Wutzlhofer will beim Ausbau des Hütbrunnenwegs eventuell auch eine Haltestelle im Gewerbegebiet einrichten, um wenigstens den Auszubildenden in den dort ansässigen Firmen eine Möglichkeit zum Ein- und Aussteigen mit kurzen Fußwegen anzubieten. Aus Richtung Weiden wurde auch eine Art „Lumpensammlerbus“ ins Gespräch gebracht, um abends Konzert- und Theaterbesuche in Nürnberg, Regensburg oder Weiden zu ermöglichen. Erich Kellner aus Waldthurn, der selbst als Busfahrer in der Region unterwegs ist, sieht in einem festen und rollstuhlgerechten Transportfahrzeug für den Altlandkreis die Lösung. „So etwas hätte Zukunft.“ Wünschenswert wären ebenso Radständer an den größeren Bushaltestellen, um die Einkäufe zumindest vom Bus aus dann bequem nach Hause transportieren zu können, meinte die Pleysteinerin, die auch die Busse mit einem „furchtbar hohen Einstieg und wenig Platz für Gepäck in den engen Gängen“ anprangerte. „Das ist einfach beschwerlich.“ Herbert Kick aus Waldthurn sieht in der Preisgestaltung ein großes Handicap. Senioren mit einer kleinen Rente müssen von Waldthurn nach Weiden zu einem Arztbesuch hin und zurück zehn Euro bezahlen. „Da muss man sich Gedanken machen.“ Dem pflichtete auch Beierl bei. Um den ÖPNV unter den Leuten beliebter zu machen braucht es dringend Werbung und „für die Nutzung muss es einen Knallerpreis geben.“ Vohenstrauß gilt als der digitale Vorreiter bei den abgegebenen Fragebögen. „Noch nie wurden so viele Formulare online abgegeben“. 7,29 Prozent der Bürger beteiligten sich an der Umfrage. In Waidhaus lediglich 4,6 Prozent. Kirzinger zeigte sich schon etwas enttäuscht über das schlechte Ergebnis, denn immerhin habe sie bei allen Versammlungen Werbung für die Beantwortung der Fragebögen gemacht. Ein Drittel aller Fragebögen wurden von 51 bis 65-Jährigen ausgefüllt. Huber beleuchtete auch die Mobilitätsströme.
Ein verbessertes Angebot wünschen 32,5 Prozent und Veränderungen im Takt 36 Prozent der Teilnehmer. Für eine Preisanpassung stimmten 23,8 Prozent und 23,1 Prozent gaben an, auch zukünftig keine ÖPNV-Nutzung zu beanspruchen. Die größten Recherchen finden bezüglich Verbindungen im Internet statt, teilte Huber außerdem mit. Von den insgesamt 4272 Antwortbögen die bei der ÖPNV-Umfrage des Landkreises zurückgesandt wurden, gaben 2533 an im Internet nach einer geeigneten Verbindung zu suchen, 1286 verlassen sich auf den Fahrplan und 395 nutzen eine App.
Noch nie wurden so viele Formulare online abgegeben.













Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.
Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.