11.07.2019 - 08:08 Uhr
WackersdorfOberpfalz

Blick über Gefängnismauern

„Ich arbeite gerne darin.“ Man mag das auf Anhieb gar nicht glauben. Immerhin ist Volker Dörflein Gefängnispfarrer. Beim Wackersdorf-Treff erzählt der Seelsorger über die Zeit hinter Gittern.

Der Großteil der 562 Häftlinge der Justizvollzugsanstalt Amberg verbüßt im sogenannten „Regelvollzug“ Freiheitsstrafen bis zu sechs Jahren.
von Thomas Dobler, M.A. Kontakt Profil

Der Wackersdorf-Treff der evangelischen Kirchengemeinde nimmt sich vier Mal im Jahr der unterschiedlichsten Themen an. Nachdem bei der letzten Zusammenkunft Referent Arne Langbein mit der Religionsphilosophie von Schleiermacher einen intellektuellen Schwerpunkt setzte, "menschelte" es diesmal. Denn Volker Dörflein gewährte den Zuhörern eine Blick hinter die Mauern des Amberger Gefängnisses, in dem er seit zwölf Jahren als evangelischer Seelsorger arbeitet.

Die Justizvollzugsanstalt in Amberg hat Tradition: Hier sitzen seit immerhin 200 Jahren Häftlinge ein - erwachsene männliche Verurteilte. Der Großteil davon verbüßt im sogenannten "Regelvollzug" Freiheitsstrafen bis zu sechs Jahren. Aus zwei Oberpfälzer Gerichtsbezirken kommen zudem "Lebenslängliche" hierher. Die Amtsgerichte Amberg und Schwandorf schicken auch noch ihre Untersuchungshäftlinge in die Werner-von-Siemens-Straße 2.

Reines Männergefängnis

An die 250 Bedienstete sorgen im Amberger Gefängnis dafür, dass alles läuft, aber keiner wegläuft. Darunter finden sich zwei Exoten: von den beiden Kirchen beauftragte hauptamtliche Seelsorger. Evangelischerseits ist dies seit 2007 Pfarrer Volker Dörflein. "Ich führe viele Gespräche und feiere Gottesdienste", fasste er wichtige Aspekte seiner Tätigkeit zusammen. Der Pfarrer hält Gruppenstunden und Einzelgespräche im Haftraum oder im Büro ab und er unterstützt Häftlinge bei Problemen mit Angehörigen: "Ich nehme mir Zeit, anzuhören, was den Gefangenen belastet: Da schreibt seine Frau nicht, will nichts mehr von ihm wissen. Oder ein naher Angehöriger ist schwer krank, liegt im Sterben. In solchen Fällen nehme ich auch Kontakt zur Familie auf." Im übrigen seien die drei Stunden erlaubter Besuchszeit im Monat nicht genug, wenn es darum gehe, familiäre Spannungen aufzuarbeiten und abzubauen.

"In der JVA müssen wir die Gottesdienste für Gefangene getrennt nach Untersuchungs- und Strafhaft anbieten", erklärte der Seelsorger. Um die 40 Männer kämen zu den Gottesdiensten. "Einige freuen sich, dabei Leute aus den anderen Häusern zu sehen, einige lieben den Anblick der brennenden Kerzen, einige versuchen aber auch, den Gottesdienst als heimlichen Umschlagplatz zu nutzen." Volker Dörflein kennt seine Pappenheimer und lässt sich nicht so schnell hinters Licht führen.

Im Gefängnis in Amberg sitzen nur Männer ein, die schon mindestens zwei Mal zu einer Haftstrafe verurteilt wurden. "Harte Jungs" also, könnte man meinen. "Ja solche gibt es auch, Unbelehrbare", weiß Dörflein. Aber es gibt auch viele, die sich in ihrer Not öffnen für den Dialog mit dem Pfarrer. "Ich rede mit ihnen sehr deutlich, denn sie müssen lernen, Verantwortung für ihr Leben zu übernehmen und nicht die Schuld abzuschieben." Grundsätzlich hat es sich der Pfarrer "abgewöhnt, über Menschen zu urteilen oder schwarz-weiß zu malen" - denn manchmal würden bei Gefangenen das Täter- und das Opfersein ineinander fließen. Auch wenn Dörflein kein Anhänger der Theorie ist, dass die Umstände an allem schuld seien, so sieht er doch, wie einzelne, oft wegen familiärer Missstände in der Kindheit oder wegen Drogen, ungewollt auf die schiefe Ebene geraten. "Im Gefängnis wandeln sich dann manchmal brutale Täter in empfindsame Menschen." In ein und demselben Menschen fänden sich Liebenswürdigkeiten und Abgründe, viele hätten Drogenprobleme oder seien psychisch krank.

Der 21. Wackersdorf-Treff bot einen spannenden Einblick in ein „Paralleluniversum“ – den Strafvollzug. Der Amberger Gefängnispfarrer Volker Dörflein (links) berichtete von seiner Arbeit hinter Gittern und musste viele Fragen beantworten. Pfarrer Alfredo Malikoski (rechts) moderierte den Abend mit.

562 Haftplätze

562 Haftplätze gibt es in Amberg. Früher waren schon mal über 600 Männer inhaftiert, "aber das hat sich jetzt wieder entspannt", informierte der Pfarrer. Für die Gefangenen bietet die Anstalt rund 350 Arbeitsplätze in 16 Betrieben an - von der Bäckerei über den Kfz-Betrieb bis zur Wäscherei. Außerdem haben Unternehmen wie Siemens im Gefängnis eigene Produktionsstätten errichtet, quasi als "verlängerte Werkbank", an der die Häftlinge eingesetzt werden können. "Sie verdienen sich damit auch etwas Geld für den kleinen Konsum, etwa Zigaretten", so Dörflein.

Vier große Themen kristallisierten sich bei Dörfleins Gesprächen mit Gefangenen immer wieder heraus - die fehlende Freiheit, die Isolation, Sinn oder Sinnlosigkeit des Lebens und der Tod. Wenn "draußen" ein Angehöriger stirbt, kollidieren das Sicherheitsinteresse der Anstalt und ihr sozialer Auftrag. "Wenn ich jemand zu einer Beerdigung begleite, dann muss er die ganze Zeit Handfesseln tragen." Das sei zwar entwürdigend für den Betroffenen und seine Familie, "aber stellen Sie sich vor, es passiert etwas, der Gefangene rastet aus, das wäre schlimm".

Auch Opfer im Blick

Grundsätzlich ist es Dörflein wichtig, die Opfer der Inhaftierten nicht außer Acht zu lassen. "Was die Opfer erlebt haben, das sind oft dramatische Geschichten", weiß er. Er würde sich mehr Wiedergutmachung statt reinem Strafvollzug wünschen, etwa in Richtung Täter-Opfer-Ausgleich. Einmal hat er das erlebt, dass ein Mann ein Gespräch mit seinem Peiniger im Gefängnis wollte. "Das hat dem Opfer gut getan, man hat gemerkt, wie er gewachsen ist und die Stimme fester wurde. Da hat sich die Situation umgedreht und der Täter musste anhören, was er verbrochen hatte."

Blick in die arbeitstherapeutische Abteilung in der JVA Amberg.
Zwölf Jahre im "Knast":

Pfarrer Volker Dörflein ist Jahrgang 1967 und stammt aus der Nähe von Schweinfurt. Er ist verheiratet und hat drei Kinder. Dörflein studierte in Erlangen und Marburg evangelische Theologie und war in Fürth und Ellingen als Seelsorger tätig. Seit 1. Juni 2007 ist er in der JVA Amberg tätig. Für die Stelle hatte er sich beworben und ist dafür von seiner Landeskirche beurlaubt worden. Bei seinem Vorgänger, Pfarrer Schmitz, hat er bereits 1991 ein Praktikum gemacht. "Was mich an dieser Arbeit reizt? In der Welt des Strafvollzugs werden große theologische Begriffe plötzlich sehr klein. Und vieles von dem, was im Evangelium wichtig ist, erfährt man wie unter einem Brennglas."

Ich rede mit ihnen sehr deutlich, denn sie müssen lernen, Verantwortung für ihr Leben zu übernehmen und nicht die Schuld abzuschieben.

Gefängnispfarrer Volker Dörflein

Gefängnispfarrer Volker Dörflein

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