21.11.2018 - 08:20 Uhr
WaidhausOberpfalz

Hoch hinauf in alter Zeit

Auf der Suche nach Anekdoten und Begebenheiten für den 11. Band der „Waidhauser Geschichte(n)“ stößt Heimatkundlerin Anja Puff auf eine waghalsige Konstruktion.

Ein kühnes Bauwerk krönte einst den Gipfel des Waidhauser Sulzbergs, das jedoch noch allerhand Rätsel aufwirft.
von Josef ForsterProfil

Unübersehbar erhebt sich der Sulzberg im Norden über den Grenzmarkt. Spätestens seit der bayerischen Uraufnahme im Jahr 1837 erhielt die weitläufige Erhöhung mit ihrem Doppelgipfel amtliche Bezeichnungen. Obwohl sich das gesamte Hügelmassiv auf Waidhauser Gemeindegebiet befindet, kam es für die höchste Erhebung in der Waldabteilung „Kirchenschlag“ zum Namen „Pleysteiner Sulzberg“. Gegenüber den 756 Höhenmetern nimmt sich das weiter östlich liegende Plateau in der Flur „Marxenöd“ mit nur noch 640 Metern optisch relativ bescheidener aus. Trotzdem wurde hierfür die Bezeichnung „Waidhauser Sulzberg“ gewählt.

Dicht bewaldet gibt sich die gesamte Topographie der Landschaft um beide Doppelgipfel. An vielen Stellen entlang der Waldräder ergeben sich immer wieder weite Ausblicke, vor allem in südliche und südöstliche Richtungen. Einen richtigen Aussichtsturm sucht man allerdings weit und breit trotz der enormen Fernsicht vergeblich. Generell ist die Oberpfälzer Grenzregion im Gegensatz zu anderen Gebieten arm an derartigen Attraktionen. Die wenigen Aussichtstürme hier vereinen zudem lange Anmärsche und Standorte mitten im Wald.

Eine einzige Ausnahme findet sich in Brand (Milíře), wobei es sich jedoch bereits um eine kleine Ortschaft der Gemeinde Rozvadov in Böhmen handelt. Vom dortigen Aussichtsturm bietet sich eine geniale Aussicht auf die umliegende Landschaft. Der Aussichtsturm wurde von einem der Handy-Provider gebaut. Er ist rund 30 Meter hoch und ohne Eintritt frei zugänglich. Zum Aussichtsplateau führen 126 Stufen und man kann mit einem Auto bis zu dem Turm fahren. Der Handy-Provider wollte aufgrund der günstigen Lage auf der Anhöhe unbedingt einen Funkmasten errichten. Das fand zunächst wenig Gefallen im Gemeinderat von Rozvadov. Mit der Zeit entstand durch Verhandlungen jener Kompromiss, welcher in die Kombination aus Funkmast und Aussichtsturm mündete. Der von der Gemeinde seitdem betriebene Turm des Eurotel-Netzes steht auf dem 631 Meter hohen Tomaska-Hügel.

Frühere Generationen konnten auch im Oberpfälzer Wald einen wahrscheinlich noch mitreißenden Ausblick genießen. Bis ungefähr 1880 stand der Kirchturm auf dem Fahrenberg Besuchern offen. Beinahe ein Jahrhundert lang ging von den hölzernen Läden aus der Blick selbst über das Kirchendach hinweg nach allen vier Himmelsrichtungen in stattliche Entfernungen. Bis zum Ochsenkopf im Norden, der Hohen Zant bei Hersbruck im Westen, sowie Arber und Pfraumberg sowieso im Süden und Osten, reichte die Fernsicht damals bei günstiger Witterung.

Nur wenig geringer muss sich den wagemutigen Kletterern ein vergleichbarer Eindruck einst vom Gipfel der Pleysteiner Sulzbergs gezeigt haben. Zwar gelang Gründungsmitglied Puff in der Kürze der Zeit noch keine restlose Aufklärung, doch stehen wesentliche Details des bislang in der Bevölkerung völlig vergessenen Turms nicht mehr in Frage. Ein Blick auf die waghalsige Konstruktion offenbart vor allem Eines: Eine Freigabe von Statikern, Brandschutz- oder Baubehörden würde es dafür heutzutage wohl kaum mehr geben.

Gesichert ist dessen Existenz bislang lediglich für den kurzen Zeitraum von zehn Jahren zwischen 1936 und 1946. In einer von Puff ausfindig gemachten Quelle heiße es: „In den Jahren 1936 bis 1937 wurde auf dem höchsten Punkt des Sulzbergs durch Pioniere ein Holzturm erbaut. Er war höher als alle Baumwipfel und so konnte man weit ins Böhmen und ins Land hineinschauen.“ An anderer Stelle stehe hingegen geschrieben: „1946 sei der Turm bereits baufällig gewesen und habe etwa schon 50 Jahre gestanden.“ Fest steht einzig, wer hinauf wollte, musste dazu die im Zick-Zack-Kurs angeordneten Leitern nutzen. Wann die Holzkonstruktion abgerissen wurde oder gar eingestürzt ist, konnte Puff bis jetzt nicht in Erfahrung bringen.

Letztlich hängt auch die Vermutung im Raum, dass es sich um einen so genannten „trigonometrischen Punkt“ handelte, dem auch der Turm der Fahrenbergkirche seine beschränkte Nutzung als Observatorium im 19. Jahrhundert verdankte. Hoch droben im zwischenzeitlich zum Naturreservat mit Betretungsverbot erhobenen Sulzberg-Areal lässt sich jedenfalls keine Spur von dem einzigen Bauwerk mehr finden.

Weit reicht der Blick über das böhmisch-bayerische Grenzgebirge vom 756 Meter hohen Sulzberg, der sich über dem Weiler Berghaus als waldreicher Hügel heraushebt.
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