06.10.2019 - 11:13 Uhr
WaidhausOberpfalz

Eine Landschaft wie vor 100 Jahren

In ein Navigationsgerät braucht man den Ortsnamen Wosant gar nicht mehr einzugeben. Das komplett verschwundene Dorf in Westböhmen ist auf aktuellen Karten nirgends mehr zu finden.

Eine mächtige, dreiteilige Holzskulptur markiert die einstige Ortsmitte des gänzlich verschwundenen Dorfes Wosant nur wenige Kilometer von Reichenau entfernt.
von Josef ForsterProfil

Eine traumhafte Lage ganz oben auf dem Böhmerwaldkamm verlieh dem einstigen Ort ein unverwechselbares Erkennungsmerkmal. Noch heute zeugen davon unerwartete Ausblicke weit hinein ins böhmische Becken oder bis zum „Kalten Baum“ in Richtung Westen.

Bažantov lautet die tschechische Bezeichnung des verschwundenen Dorfes in Westböhmen. Es lag auf halber Strecke zwischen Waidhaus und Tachov in der Gemeinde Hoštka (Hesselsdorf) bei Rozvadov. Allmähliches Aussiedeln der gänzlich deutschen Bevölkerung nach 1945 führte zum Erlöschen der Ansiedlung auf einer Hochebene mit 638 Höhenmetern, die wahrscheinlich schon vor 1300 bestand. 1930 umfasste der Ort mit seinem charakteristisch runden Dorfplatz noch 55 Anwesen mit 251 deutschen Siedlern. Heute findet man nur noch Mauerreste. Einzig eine mächtige Linde ist ein Überbleibsel, das sich auch auf alten Postkarten noch findet. Es ist die Wosanter Linde, die in jüngerer Zeit zu einem geschützten Baum erklärt wurde und an derem Fuß Mauerreste an die zerstörte „Semmelkapelle“ erinnern.

Mit Schilf zugewachsene Bereiche lassen sich als die drei Dorfweiher ausmachen, die in den Zeidelbach flossen. Im oberen Bereich der ehemaligen Ortschaft steht eine mächtige dreiteilige Holz-Stein-Skulptur und weiter unten mahnt ein von den Vertriebenen errichtetes Holzkreuz. Hinter dem Dorf auf dem Weg nach Pořejov steht eine weitere Linde, die auch zu einem denkwürdigen Baum erklärt wurde.

Nur noch zu Fuß oder mit dem Fahrrad ist das Areal erreichbar. Eine Anfahrt ist über Roßhaupt, Hesselsdorf und Petlarn nach Purschau sinnvoll. Parkplätze stehen an der Abzweigung nach Sankt Anna zur Verfügung.

Auf dem Weg grüßt unerwartet eine riesige geschützte Linde, die weithin sichtbar auf einer der großen Viehweiden zum Himmel aufragt. Das steinerne Marterl am Fuß des Baumes „1856 gewidmet von Josef und Magdalena Käs aus Purschau“ ist nur noch in Bruchstücken vorhanden.

Kaum weniger Umfang hat eine weitere Linde oben auf der Anhöhe neben der Umfassungsmauer des ehemaligen Friedhofs. Die Linde ist so riesig, dass sich im gebildeten Hohlraum eine ausgewachsene Person aufrecht unterstellen könnte. Die noch vorhandenen Dachreste auf der Ruine des Kirchleins Sankt Anna werden möglicherweise den kommenden Winter nicht mehr überstehen. Eine Rettung dieser alten Wallfahrtskirche ist bis jetzt nicht beabsichtigt. Jedoch wurde der umliegende Friedhof vom tschechischen Verein „Omnium“ schon einmal gerodet und aufgeräumt.

Eine steiniger Weg führt von hier nach Westen zwischen weiten Weideflächen mit großen Viehherden Richtung Wosant. Stellenweise gibt es von den umliegenden Höhen bei günstigem Wetter sogar eine Fernsicht, die bis zum markanten Cerchov (Schwarzkoppe) bei Waldmünchen reicht. Überhaupt erfreut diese Gegend durch viel offenen Wald und Weidelandschaft mit herrlichen Ausblicken, die an das Allgäu erinnern.

Riesige Viehweiden sind das Einzige, was in der menschenleeren Landschaft weitum anzutreffen ist.
Als "Wosanter Linde" wurde ein jahrhunderte alter Baum am ehemaligen Ortsrand in jüngerer Zeit zu einem geschützten Naturdenkmal erklärt.
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