21.06.2020 - 13:49 Uhr
WaidhausOberpfalz

Marktrat stimmt gegen Badesaison in Coronazeiten

Eine Baustelle ist die Freizeitanlage „Bäckeröd“ sowieso noch mehrere Wochen. Im Marktrat entsteht eine leidenschaftliche Diskussion zu einer Öffnung während der wenigen verbleibenden Sommertage danach.

Auch nach dem Ende der Baustelle bleibt das Tor zur überregional beliebten Freizeitanlage "Bäckeröd" geschlossen. Einzig der Vitalpark und der Kinderspielplatz sollen zu späterer Zeit zugänglich sein.
von Josef ForsterProfil

Als „wichtigen und umfangreichen Punkt“ trägt Bürgermeister Markus Bauriedl das Thema in das Gremium. Während er mit einer Dauer der aufwändigen Umbauarbeiten voraussichtlich noch bis Mitte Juli rechnete, geht die Gemeindeverwaltung zwischenzeitlich von Ende Juli aus. Damit sei es aber noch nicht getan.

Im Anschluss verlange das Gesundheitsamt einen gemeinsam durchzuführenden Durchströmungsversuch, wofür bislang nicht einmal ein Termin feststehe. Auch ohne der aktuellen Krise benötige die Kommune darüber hinaus ein gänzlich neues Sicherheitskonzept. Mit dessen Fertigstellung rechnete Bauriedl zwar bis Anfang Juli. Dieses regle aber nur den Normalbetrieb und habe wenig bis gar nichts mit den derzeit zusätzlichen Hygieneanforderungen zu tun.

Für Freibäder im Freistaat würden erhebliche Zusatzauflagen gefordert, obwohl eine Infektion durch das Badewasser nahezu ausgeschlossen wäre. Waidhaus benötige deshalb für die Freizeitanlage ein Standort-Hygienekonzept für dessen Einhaltung in erster Linie der Markt zuständig sei. Dieses müsse obendrein abgestimmt werden und bedürfe ebenso einer rechtlichen Überprüfung.

Unter anderem nannte Bauriedl die Notwendigkeit von Abstandsregelungen auf dem gesamten Areal, bis hinein in die Liegewiesen und den See selbst. Hinzu kämen fortlaufende und beständige Kontrollen. Weiter wären Beschilderungen und Absperrbänder erforderlich und pro 10 Quadratmeter Wasserfläche dürfe sich nur ein Badegast aufhalten. Auf der Liegewiese betrage die bereitzustellende Fläche pro Person oder Familie 15 Quadratmeter. Allein dies stelle für die Kontrollpersonen einen enormen Aufwand dar. Rechnerisch dürften sich zudem maximal 383 Personen in der Anlage befinden.

Damit entstünde ein weiterer Aufwand für eine Kontrolle der Belegung mittels Zeittickets. Im Mutter-Kind-Becken müsse eine Kontrolle gar noch enger gehandhabt werden und Kinder unter 14 Jahre dürften sich zudem nur in Begleitung eines Erwachsenen bewegen. Alle Gäste müssten zudem generell erfasst werden. Dazu geselle sich die Erfordernis von Onlinetickets, eine penible Dokumentation sämtlicher Desinfektionsmaßnahmen, die Erhöhung der Reinigungsintervalle, eine Verdoppelung des Kassenpersonals „und noch vieles, vieles mehr“. Darüber hinaus gelte für den Bereich des Vitalparks sowie die Basket- und Beachvolleyballflächen dasselbe. Auch die Parkplätze bräuchten ein zusätzliches Konzept. Für die Gaststätte kämen weitere Vorschriften aus dem gastronomischen Bereich hinzu.

Nach ersten Überlegungen sei zudem ein Zweischichtbetrieb für das Personal mit je 8 Personen empfehlenswert. Alles zusammen führe aber zu wesentlichen Mehrausgaben. Während in den Vorjahren je Betriebsmonat 60.054 Euro an Kosten angefallen wären, ergebe eine Hochrechnung nun 70.017 Euro netto. Generell sei „mit deutlich mehr Ausgaben und deutlich weniger Einnahmen sei zu rechnen“.

Bei all den umfassenden Argumenten wagte es SPD-Fraktionssprecher Johannes Zeug dennoch, auch die andere Seite der Medaille aufzuzeigen: „Das hört sich auf den ersten Moment hart an. Aber wenn die Familien heuer nicht in den Urlaub fahren können oder wollen, wäre es sinnvoll die Freizeitanlage unbedingt zu öffnen.“ Zugleich stellte er den Bedarf eines Zweischichtbetriebs in Frage und sprach sich stattdessen für eine Verkürzung der Öffnungszeiten aus. Die von Bauriedl vorgebrachte Parkplatzbeaufsichtigung sah Zeug gar nicht für geboten und resümierte: „Somit müsste das Personal reichen, welches vorhanden ist und das Defizit wäre tragbar. Wir sollten versuchen, dieses Bad aufzusperren, sofern nicht Probleme durch den Umbau auftreten. Zumal die ganzen Bäder im Umkreis nicht aufmachen oder nur sehr begrenzt. Damit wenigstens ein bisschen etwas offen ist.“ Zusätzlich regte Zeug eine laufende Bekanntgabe der Besucherzahlen auf der Internetseite der Marktgemeinde an, um unnötige Anfahrten Interessierter zu vermeiden.

Vorausschauend bat der SPD-Sprecher um weitere Gedankenspiele: „Sperren wir dann auch nächstes Jahr nicht auf?“ Die Situation könne fortdauern, weshalb er um ein sofortigen Handeln nachsuchte: „Dann müssen wir uns halt Gedanken machen, das umsetzen und uns trauen.“ In seiner Antwort ging der Bürgermeister zunächst auf die Einteilung des Personals in Schichten ein. Diese sah er nicht in der Öffnungszeit begründet, sondern wegen möglicher Infektion bei den Beschäftigten. Der Schichtbetrieb habe sich bei den Bauhofmitarbeitern bewährt. Die Parkplatzbewachung entstamme der Vorgabe für das Konzept und das Defizit gründe in der Gesamtschau für ein Jahr.

Unterstützung erhielt der Bürgermeister von seinem Stellvertreter Josef Schmucker (UWG), der den ungewissen Zeitpunkt für den Abschluss der Sanierungsmaßnahmen als Problem beurteilte: „Allein wenn es eine Woche oder 14 Tage länger dauert, sind wir bei Mitte August. Dann ist der ganze Aufwand, auch für das Personal, fraglich.“ Dazu gesellten sich die extra Corona-Regelungen und die Ungewissheit, woher das zusätzliche Personal zu nehmen sei. Freilich sehe er ebenso die Notwendigkeit, dass „auf alle Fälle etwas für die Familien gemacht wird“, wozu er die Freigabe des Vitalparks als „Muss“ ins Spiel brachte. Für alles andere gelte jedoch: „Wir sehen das als nicht durchführbar“ und Schmucker fragte sich „ob es denn Leuten überhaupt Spaß macht, bei so vielen Kontrollen und so vielen Vorgaben, wie Mundschutz und dergleichen.“

Schmuckers Fraktionskollegin Erika Grötsch ergänzte: „Mir blutet das Herz, wenn ich heuer nicht schwimmen kann. Aber dieses Jahr macht das keinen Sinn.“ Ebenso gab die Markträtin zu bedenken: „Wie soll ich einem Kind erklären, dass es jetzt wieder raus muss, damit andere rein können. Ich weiß nicht, ob wir da nicht mehr Unfrieden stiften, als wir gut machen. Zu so fortgeschrittener Sommerszeit ist es auch nicht mehr der Badebetrieb.“ Dazu brachte sie die beträchtliche Zahl „auswärtiger Kundschaft“ bis aus Tschechien und Weiden ins Spiel: „Weil wir so ein super schönes Bad haben.“ Nächstes Jahr könne eine Öffnung bereits ab Mitte Mai geschehen. „Es ist dieses Jahr nicht der Platz für uns alle da.“

Für die CSU-Fraktion ergänzte Sprecherin Nicole Hoch: „Auch wir haben lange diskutiert, aber sind gemeinsam zu dem Entschluss gekommen, dass eine Öffnung nicht im Verhältnis zu dem Aufwand steht, der betrieben werden müsste. Mit Sicherheit würden wir auch ein Defizit machen. Es kommt eh eine schwierige Zeit“, weshalb sie generell ein Minus ablehne.

Neue Gegenargumente brachte Vera Stahl (SPD): „Jetzt ist uns durch die Pandemie schon so viel an Lebensfreude genommen und so viel beschnitten worden. Wir sind doch eine solvente Kommune und können es uns leisten.“ Zudem verursache die Anlage Fixkosten auch ohne Öffnung. Das „Mehr“ an Defizit könne nicht so groß sein, was sie auch durchgerechnet habe.

Ewald Zetzl (CSU) hielt dagegen: „Was machen wir, wenn durch viele Auswärtige die Besucherhöchstzahl erreicht ist und wir die eigene Bevölkerung dann am Nachmittag wegschicken müssen?“ Auch rechnete der dritte Bürgermeister, dass der junge Rasen ohne Grasnarbe dazu führe, dass viel Erdreich in das Becken mit den Füßen eingetragen werde. „In diesem Becken bringen wir es auch nicht zusammen, die Badenden auseinander zu halten. Dann sind wir dran und haftbar.“ Sein Fraktionskollege Josef Kleber bat deshalb um die Planung von Ausweichaktionen für die Kinder über die Gemeinde und außergewöhnliche Aktionen.

„Bei einem Defizit reden wir über einen überschaubaren Zeitraum von 4 bis 6 Wochen. Das ist nicht gleich, wie wenn wir die ganze Saison so über die Bühne bringen müssen“, entflammte Andreas Ringholz (SPD) erneut die Debatte. Er fürchtete sogar eine „Rebellion“ in der Bevölkerung, wenn es mehr als 30 Grad heiß werde und das Bad bleibe geschlossen.

Hierauf entgegnete der Bürgermeister: „Wenn nur Wenige ins Wasser können, dann bleiben trotzdem Viele draußen.“ Weil der Naturbadesee zudem nicht als Viereck gebaut sei, müsse stets jemand dortstehen und beobachten, dass alle im Kreis schwimmen müssen.

„Außergewöhnliche Zeiten bedingen außergewöhnliche Maßnahmen“, hielt Zeug dagegen. Deshalb plädierte der SPD-Sprecher für einen Öffnungsbeschluss im Marktrat, um eine weitere Sitzung zur Thematik mit dem Ergebnis: Jetzt ist es zu spät, zu vermeiden. Bürgermeister Bauriedl warf daraufhin die nicht mögliche Ausbildung der interessierten Freiwilligen für eine Wasserwacht noch in die Waagschale.

Nachdem Ludwig Janisch (UWG) eine ergebnisorientierte Diskussion erst nach Behandlung der im nichtöffentlichen Teil im Zusammenhang stehenden Punkte für möglich erachtete, brach der Bürgermeister die Diskussion auf Anraten von Geschäftsleiterin Kerstin Wilka-Dierl ab und ließ abstimmen. Dabei zeigte sich, dass die 5 Stimmen der SPD-Fraktion nicht für eine Öffnung reichten, da sich alle anderen 10 Sitzungsteilnehmer dagegen aussprachen.

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