26.11.2018 - 15:42 Uhr
WaldershofOberpfalz

„Ich reime, also bin ich“

Die Tücken der Technik zögern den Start ein wenig hinaus. Letztlich müssen die Akteure ohne Mikro auskommen. Im "Schaffnerlos" ist Poetry-Slam angesagt. Überraschungen sind vorprogrammiert.

Die Jury hat es nicht leicht. Die Mitglieder werten mit Punktetafeln von eins bis zehn.
von Oswald ZintlProfil

Harald Fritsch begrüßt für den Kultourismusverein Waldershof die Zuschauer und Akteure im Musikbahnhof "Schaffnerlos". Simone Bilz, als Slammasterin in der Kulmbacher Kommunbräu als "Monchen" bekannt, hatte am Vorabend ihres eigenen Slams alles vorbereitet. Sie führt durch den Abend.

Ein Gastslammer liefert einen sogenannten Opfertext, um die Zuschauer einzustimmen. An diesem Abend ist es Wehwalt Koslowsky. Aus Husum kam der Hamburger mit dem Zug. Er berichtet davon, was ihn zum Slammen bewegt: „Ich reime, also bin ich“. Mit einem Stakkato an Begriffen führt er abwechslungsreich in den Slam ein und schließt damit, dass der Worte schönster Lohn die folgende Tat sei. Aus Dresden kommt der ehemalige Erzieher und jetzige Kampfmittelräumer Konstantin Turre: „Warum ich keine Karriere machte oder ich stehe hier und singe II!“ Später geht es um den Streit, ob Espresso oder Espressi die Mehrzahl des Heißgetränkes bezeichnen. Da wird philosophiert über das asoziale Gebiet eines Wellnesstempels, das Spa-Ghetto, die Einzahl der Nudel. Kalauer seien wohl erlaubt, hängt doch ein Schild mit dieser Bezeichnung über der Theke.

Michael Goehre aus Essen gibt einen Abriss über die Gefahren des Lebens, die vielen ersten Male, bis hin zum letzten Geleit. Das alles mit vielen Variationen und viel Witz. Dies bringt dem 41-Jährigen 21 Punkte. Rita Apel aus Bremen, die Seniorin im Teilnehmerfeld, rät: „Gutes tun mit schlechter Laune.“ Konrad Gerber ist aus Dresden angereist. „Runsbert von Giselberg“, der Auswuchs einiger angeheiterter Slamer nach dem dritten Kasten Bier steht in seinem Notizbüchlein. Nach der Pause liefert Gerber seinen zweiten Text: „Bombe“. Er beginnt mit einer Bombenwarnung. Dann wird die verheerende Wirkung einer Explosion geschildert. Er wechselt in seinem Vortrag über Toleranz von Wilhelm Busch zu Friedrich Nietzsche und Ambrose Gwinnett Bierce.

Rita Apel widmet sich dem Thema „Ticket to Heaven“, Reise zum Himmel. Auch wenn die Bahnauskunft einen da nach Bremerhaven schicke, für Apel völlig unverständlich. Rund um Fahren, Wege, Züge und Bahnen hangelt sich ihr Text. Wie auf Kommando fährt ein Zug vorbei und sorgt für schallendes Gelächter. 28 Punkte erhält sie. Michael Goehre beginnt mit einem gesungenen Zitat und steigt dann in die Welt der gewählten Volksvertreter. Es folgt ein flammendes Statement für Europa. 25 Punkte sind sein Lohn für etwas ernstere Gedanken. Pascal Simon schwenkt zum Lyrischen. Ein Freund, der Instrumentalmusik komponiert, nannte sein Stück „Erster Schnee“. Als Kontrast zu den Prosatexten kein leichtes Vorhaben, doch die Jury gesteht ihm 24 Punkte zu.

Das Finale leitet dann wieder Wehwalt Koslowsky ein. Da das Publikum sich nicht entscheiden kann zwischen Porno, Drama und Tiefe, wählt er den „deepen“ Text. Rita Apel erzählt die Geschichte von der Idee eines Großelternbuches. Da aber die Großeltern teilweise schon mehrfach verheiratet waren oder sind und die Patchworkfamilie auch in der Elterngeneration nicht fremd ist, wird dies ein schier unmögliches Unterfangen. Rita Apel überzeugt und siegt.

Hintergrund:

Hobbyautoren, von denen es manche auch zu einigem Können bringen, tragen beim Poetry-Slam ihre eigenen Texte vor. Requisiten sind nicht erlaubt, nur das Textblatt, der Mikrofonständer und der Körper des Autors. Jeder Vortrag hat ein Zeitlimit von sechs Minuten. Gewertet wird mit Punktetafeln. Fünf Besucher wurden in Waldershof als Jury ausgewählt, die mit Punktetafeln von eins bis zehn werten dürfen. Die beste und die schlechteste Wertung werden gestrichen. Maximal gibt’s 30 Punkte. (fpoz)

Moderatorin Simone Bilz, alias "Monchen".
Rita Apel siegt beim Poetry Slam im Musikbahnhof "Schaffnerlos".

 

 

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