28.11.2019 - 17:53 Uhr
WaldsassenOberpfalz

Austausch-Studentin kehrt vorzeitig aus Hongkong zurück

Es war der Wunsch ihrer Eltern, dass Annika Schmeller früher als zunächst geplant nach Hause geflogen ist. Jetzt, noch etwas geschlaucht vom Jetlag, sitzt sie daheim in Waldsassen am Esstisch, im schwarzen Pulli mit der Aufschrift "HKUST".

von Paul Zrenner Kontakt Profil

"Hongkong University of Science and Technology" bedeutet die Abkürzung. In der chinesischen Sonderverwaltungszone kommt es seit Monaten immer wieder zu Zusammenstößen zwischen Anhängern der Demokratiebewegung und der Polizei. Dort, wo in Teilen der Metropole immer wieder Chaos herrscht, hat die Waldsassenerin seit Ende August ein Auslandssemester belegt. Annika wollte bis Ende Dezember in Asien bleiben. Doch dann kam es anders. Die Proteste und Ausschreitungen hatten auch die Uni der angehenden Wirtschaftsstudentin erreicht. "Es gab keinen Unterricht mehr, keine Abschlussprüfungen."

Dabei war es ruhig gewesen an der Universität, wo rund 15.000 Studierende eingeschrieben sind. Geändert hatte sich dies in der ersten November-Woche. In der Folge der Ausschreitungen starb im Krankenhaus ein Student aus Annikas Uni - genau an jenem Morgen, als dort die "Graduation" gefeiert werden sollte, der Abschluss von Absolventen. Der Tod des jungen Mannes aus ihren Reihen habe sich schnell herumgesprochen, erzählt Annika. Wenig später hätten Studenten im Veranstaltungssaal die Bühne gestürmt, die Deko für die Feier heruntergerissen, alles verwüstet und Transparente aufgehängt. "Es gibt keine Graduation, es gibt nur noch die Beerdigung", erinnert sich die 22-Jährige an die von den Demonstranten skandierten Parolen.

Dies sei eigentlich die Hochphase der Proteste an ihrer Uni gewesen. "Schlimmer wurde es dann aber nicht mehr." Es sei auch nicht die Polizei einmarschiert, wie etwa in der Polytechnischen Universität. Dennoch traf die Leitung der HKUST vorsorglich Sicherheitsmaßnahmen und fuhr den Lehrbetrieb komplett herunter. "Die meisten wollten raus aus Hongkong", so Annika, die aber zunächst blieb. Sie, die auf dem Campus-Gelände untergebracht war, wurde mit weiteren Austausch-Studenten fünf Tage in ein entlegenes Hotel gebracht, bis sich alles wieder etwas beruhigt hatte. "Als ich wieder zurückkam, waren alle abgereist."

Vor der Eskalation an ihrer Uni hat sich Annika dort 100-prozentig sicher gefühlt. Man sei beschützt gewesen und sicher, mit Hunderten Security-Leuten und Einlasskontrollen. Angst verspürte Annika nur vor der Verlegung in das Hotel: Es hatte die Meldung die Runde gemacht, wonach nachts Studenten an der Security vorbei Boxen mit Material für Molotow-Cocktails, brennbaren Gegenständen , Regenschirmen und Masken aufs Gelände geschmuggelt haben sollen. Passiert sei dann aber nichts.

"Wir haben uns nicht einschüchtern lassen", erzählt Annika über sich und andere vor Ort geblieben Studenten. "Da fährt man dann auch öfters in die Stadt." Auf einer der Shopping- oder Sightseeing-Touren in einen Stadtteil, gut fünf bis zehn Minuten mit öffentlichen Verkehrsmitteln vom Campus-Gelände am Stadtrand entfernt, war Annika "plötzlich mittendrin, aber ungewollt", wie sie unterstreicht. Sogar Tränengas hat die junge Frau abbekommen. "Unschön" sei dies, sagt Annika, ein ähnliches Gefühl wie beim versehentlichen Einatmen von Meerwasser. "Dann kommt noch dazu, dass die Augen brennen und tränen." Da helfe nur, den Pulli über die Nase zu ziehen. Gut eine halbe Stunde, dann lasse die Wirkung nach.

"Es war gegen Abend, als wir zurückfahren wollten und in Richtung U-Bahn gingen. Da hast du schon gemerkt, da sammeln sich die Menschen, da sollte man besser weg gehen." Dann sei es Schlag auf Schlag gegangen: "Du hörst Polizeisirenen von weitem näher kommen, dann ein Schuss und dann der Nebel."

Annika zweifelt, ob der Weg der Demonstranten der richtige ist. Beeindruckt ist die Studentin, dass die meisten Aktionen friedlich und ohne Aggresivität verlaufen. Die Leute ließen auch mit sich reden, warnten vor bevorstehenden Tränengas-Einsätzen und verteilten an Passanten Gesichtsmasken - blaue, wie sie im Krankenhaus getragen werden. "Warum zerstört ihr die Gehwege?", fragte Annika einmal einen der Protestler, der Pfastersteine aus der Fläche hebelte. Die Polizei werde gleich hier sein, mit den Hindernissen auf der Straße solle dies verzögert werden, damit die Polizeifahrzeuge nicht vordringen könnten.

Zur Wahl am vergangenen Sonntag waren weitere Ausschreitungen erwartet worden. "Aber es blieb komplett ruhig", wertet Annika es als gutes Zeichen. Es lasse darauf hoffen, dass sich die Lage vielleicht doch entspannt. Bis zu ihrem Abflug nach Hause am Montag um Mitternacht Ortszeit sei es absolut ruhig gewesen. Annika würde es den Hongkongern wünschen, dass sich daran nichts ändert.

Infokasten:

Annika Schmeller wird ihr Auslands-Semester Ende Dezember abschließen - in Waldsassen mit Vorlesungen über Videos und Online-Prüfungen. Bei Präsentationen, die sie in den letzten Wochen des Jahres zu erarbeiten hat, ist

sie ebenfalls online über Web Cam mit Hongkong verbunden. Froh ist Annika darüber, dass das nun endende Semester, das vierte von sieben, komplett angerechnet wird. Im März 2020 geht das Studium weiter, dann wieder in München.

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