18.06.2021 - 11:06 Uhr
WaldsassenOberpfalz

Glashütte in Waldsassen hofft auf Vernunft in Berlin

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Rainer Schmitt unterstreicht beim Rundgang durch die Glashütte Lamberts mehrmals, dass die traditionelle Flachglas-Fertigung Kulturerbe sei. Dieses zu pflegen bedeute aber einen hohen Aufwand, den gesetzliche Vorgaben noch erschwerten.

Staatssekretär Florian Pronold, MdB Uli Grötsch und Lamberts-Geschäftsführer Rainer Schmitt (von links) in der denkmalgeschützten Ofenhalle der Glashütte.
von Paul Zrenner Kontakt Profil

"Wir sind die Einzigen, die 5000 Farben anbieten", erklärte Rainer Schmitt am Donnerstagnachmittag bei der Tour mit den Gästen durch die denkmalgeschützte Ofenhalle. Und wenig später staunten die beiden SPD-Politiker darüber, dass der Mitbewerber in Frankreich lediglich 200 Farben im Sortiment hat.

Die Firma besuchten Florian Pronold, Parlamentarischer Staatssekretär bei der Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit, sowie MdB Uli Grötsch – beide mit Referentin und Referent. Außerdem mit dabei seitens der Glashütte Prokurist Christian Baierl sowie die Vorsitzende des SPD-Ortsvereins Waldsassen, Angela Baumgartner.

Den Besuchern gegenüber erklärte Schmitt, der Geschäftsführende Gesellschafter der Glashütte Lamberts, dass der Betrieb mit so manchem Problem zu kämpfen habe. Eines davon ist, dass solche Manufakturbetriebe wie der in Waldsassen bei der CO2-Abgabe über einen Kamm geschoren werden mit großen Industriekonzernen.

Investition in neuen Spezialofen

Zwei große Ausgabenposten nannte Schmitt, der größte Teil fürs Personal dicht gefolgt von den Energiekosten. Ein neuer Spezialofen werde dieses Jahr von einer regionalen Firma gebaut. Durch diese Investition würden bereits 60 Tonnen CO2 im Jahr gespart.

Die Pandemie hat laut Schmitt das Unternehmen vor große Herausforderungen gestellt. "Wir haben drei Münder an einer Pfeife", beschrieb Schmitt recht bildhaft den Herstellungsprozess im Team der Glasmacher und die Vorgabe, die Hygieneschutzbestimmungen am Arbeitsplatz strikt einzuhalten.

14 Leute für eine Glastafel

Dies alles, sagte Schmitt, sei aber auf einem guten Weg. "Und jetzt kommt halt wieder etwas oben drauf", benannte Schmitt die CO2-Abgabe. "Natürlich Manufakturarbeit" sei die traditionelle Fertigung von mundgeblasenem Flachglas wie in Waldsassen und demonstriert im Lager am Beispiel eine besonderen Glastafel mit vielen Farben, dass daran 14 Menschen gearbeitet hätten.

Solche in Handarbeit hergestellten Produkte könnten aber durch immer höhere Nebenkosten nicht unendlich verteuert werden. Die Auftraggeber, auch die öffentlichen, wählten irgendwann lieber industriell gefertigtes und billigeres Glas. Als Beispiel nannte Schmitt das Berliner Stadtschloss: Bei der Rekonstruktion seien feinste Materialien verwendet, aber bei den Gläsern gespart worden.

Wiederaufbau von Notre Dame

"Dann aber gibt es bald keine Glaskunst mehr", schilderte Schmitt recht dramatisch die Folgen. "Und wenn es die nicht mehr gibt, stirbt ein ganzer Zweig", so der Firmenchef und nennt Glaskunst und Glasmalerei. "Notre Dame kann dann auch nicht mehr gemacht werden", nennt der Glas-Experte, der auch Sachverständiger in seinem Metier ist, den Wiederaufbau der Kathedrale in Paris nach dem Großfeuer.

Alles sei mit Lamberts-Glas gefertigt, so Schmitt über die vielen Beispiele weltweit und nennt einmal mehr U-Bahn-Stationen in Taiwan oder die Big-Ben-Zifferblätter in London. "Das fällt dann alles weg. Es ist dann einfach aus." Es gelte daran zu arbeiten, dass es nicht so weit komme.

Beirat mit Branchenvertretern

"Wir müssen nachsteuern", sagte Staatssekretär Florian Pronold nach dem Rundgang im Gespräch und verwies auf einen Beirat mit Vertretern der Industrie, Betriebe und Verbände. Dieses Gremium sei auf Initiative der SPD ins Leben gerufen worden und müsse den nationalen Emissionshandel für unterschiedlich betroffene Branchen abstimmen.

"Umweltpolitik muss Transformation der Gesellschaft sein", sagte der Staatssekretär und ging auf die CO2-Bepreisung ein: Diese habe vor einem Jahr kaum jemand hoch genug sein können. Inzwischen aber sei klar, was dieser konkret bedeute – für Betriebe, für Pendler, für Mieter. "Ich habe damals schon davor gewarnt", erinnerte der Deggendorfer MdB. "Das macht nur als Steuerungsinstrument Sinn, wenn es Alternativen gibt."

Branchen unterschiedlich betroffen

Aber es gebe eben in manchen Branchen keine anderen Verfahren, bei denen andere Energiequellen verwendet werden könnten. Dabei nannte Pronold auch die Porzellanindustrie. Deshalb gebe es bei der Umsetzung noch vieles zu berücksichtigen und zu regeln. Branchen seien unterschiedlich betroffen, in Ostbayern in Oberfranken. "Da gibt es viele Betriebe, die noch etwas herstellen, was kaum sonst noch jemand macht."

Auf Nachfrage von Oberpfalz-Medien, ob etwa Manufakturbetriebe wie die Glashütte komplett von der Abgabe befreit werden könnten, erklärte MdB Pronold: "Alles muss von der EU-Kommission gebilligt werden. Wir müssen aufpassen, dass es nicht in den Bereich der nationalen Subventionierung geht." Der bessere Ansatz wäre laut Pronold eher eine Differenzierung nach Branchen.

"Wir wollen verhindern, dass es hier eine Arbeitsplatzvernichtung gibt und an anderer Stelle unter wesentlich schlechteren ökologischen Standards die Produktion völlig neu entsteht", so Pronold. Im Falle der Glashütte Lamberts wäre dies wohl gar nicht der Fall. Dem stimmte Rainer Schmitt spontan zu – und bekannte sich zum Standort Waldsassen.

Hintergrund:

"Carbon Leakage"

Im Gespräch zwischen den beiden SPD-Politikern und den Vertretern der Glashütte Lamberts wurde wiederholt der Begriff "Carbon Leakage" genannt.

  • Der Begriff „Carbon Leakage“ bezeichnet eine Situation, die eintreten kann, wenn Unternehmen aufgrund der mit Klimamaßnahmen verbundenen Kosten ihre Produktion in andere Länder mit weniger strengen Emissionsauflagen verlagern. Dies könnte zu einem Anstieg ihrer Gesamtemissionen führen. In bestimmten energieintensiven Branchen kann das Carbon-Leakage-Risiko höher sein.
  • Im Rahmen des EU-Emissionshandelssystems (EU-EHS) erhalten Industrieanlagen, bei denen davon ausgegangen wird, dass sie einem erheblichen Risiko der Verlagerung von CO2‑Emissionen (Carbon Leakage) ausgesetzt sind, eine Sonderbehandlung, um ihre Wettbewerbsfähigkeit zu fördern. (Quelle: Internetseite Europäische Kommission).

"Wir haben drei Münder an einer Pfeife."

Lamberts-Geschäftsführer Rainer Schmitt über die Probleme beim Fertigungsprozess in der Pandemie

"Alles muss von der EU-Kommission gebilligt werden. Wir müssen aufpassen, dass es nicht in den Bereich der nationalen Subventionierung geht."

Staatssekretär Florian Pronold über die Differenzierung nach Branchen bei der CO2-Abgabe.

 

 

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