12.03.2020 - 11:21 Uhr
WaldsassenOberpfalz

Als die Grenze plötzlich keine mehr war

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Wie war das eigentlich damals vor 30 Jahren? Über die Grenzöffnung referierten Rudolf Tomšů, Paul Zrenner und Michal Pospìsil am Dienstag im Kunsthaus Waldsassen.

Moderatorin Christina Ponader stellte Paul Zrenner, Rudolf Tomšů und Michal Pospísil (von links) als Zeitzeugen der Grenzöffnung vor 30 Jahren vor.
von Ulla Britta BaumerProfil

Spricht Paul Zrenner, Redakteur von Oberpfalz-Medien, von den "Umbruchjahren", meint der heute 58-jährige Waldsassener damit auch seine eigene Jugend. Zrenner erlebte den Fall des Eisernen Vorhangs im Alter von 28 Jahren als eine wilde, aufregende Zeit. Es sei eine Zeit gewesen, in der die Heimat plötzlich im Fokus der Weltpresse war, erzählte er im Rahmen eines Zeitzeugengesprächs.

Michal Pospísil, 57 Jahre alt und bis vor einiger Zeit Bürgermeister-Stellvertreter im Rathaus von Cheb/Eger, stand damals auf der tschechischen Seite. Zrenner und Pospísil lernten sich beim Kapplwirt kennen, wenige Wochen nach der Grenzöffnung. Damals war Pospísil Dolmetscher, als deutsche und tschechische Naturschützer über den Erhalt der unberührten Natur berieten; Zrenner berichtete darüber für die Zeitung "Der neue Tag". 20 Jahre älter ist Rudolf Tomšů. Ihr Wissen, ihren Erfahrungsschatz und ihre Emotionen teilten die drei Männer im Rahmen der Aktionstage "Deutsch-tschechische Geschichte nach der Grenzöffnung" mit einem interessierten Publikum.

Rudolf Tomšů, Journalist mit demokratischer Gesinnung, nannte zwei politische Großereignisse seiner Heimat in einem Atemzug. Der Prager Frühling 1968, ein frischer Wind, sei leider von russischen Panzern niedergeschlagen worden. Viele seiner Landsleute hätten sich dieser Lage protestlos angepasst, bedauert Tomsů.

Barrieren in den Köpfen

Die Grenzöffnung im Jahr 1990 sei dagegen höchstens ein zahmer Umbruch für ihn gewesen. Tomšů hat die DDR-Bürger gesehen, wie sie in Prag über den Zaun der deutschen Botschaft kletterten. Da habe er sich entschieden, wieder politisch zu werden und eine Kopiermaschine über die Grenze geschmuggelt. "Das war gefährlicher, als ein Maschinengewehr mitzuführen."

Später hat Tomšů zugeschaut, wie die Lkws über Waidhaus in Schlangen gen Grenzen rollten. Mit seiner Zeitung "Echo" wollte er der neuen politischen Lage ein Sprachrohr über Grenzen geben. Aber die Barrieren in den Köpfen der Menschen seien bis heute nicht weg. "Freiheit", so Tomsůs Grenzerfahrung, "ist ein schönes Bild. Aber nach der Euphorie gibt es eine Liste von Aufgaben für diese Freiheit." Die Landsleute hätten diese Freiheit nicht gleich verstehen können nach dem Sozialismus. Vieles sei nicht akzeptiert worden. "Aber Nachbarn kann man nicht wegzappen", so Tomšů. Man habe einen gemeinsamen Weg finden müssen. Inzwischen hätten wirtschaftliche Belange die Politik überrollt. Aber die Mauer bestehe fort, schon wegen der Sprachbarriere.

"Hier war die Welt zu Ende"

Paul Zrenner hat die Grenzöffnung in Hundsbach als junger Journalist erlebt mit 30 000 Gästen und hochrangigen Politikern aus Bonn, München und Prag. "Hier war vorher die Welt zu Ende", berichtet der Redakteur von Oberpfalz-Medien und zeigt Fotos der einstigen, still-idyllischen Grenzwelt. Die Waldsassener nicken wissend, Kommentare werden laut, Personen auf den Fotos erkannt. Um 9 Uhr, erzählt Zrenner weiter, sollte der Schlagbaum geöffnet werden. "Ab 7 Uhr haben die Leute die Grenze längst gestürmt", zieht er den Vergleich mit dem Berliner Mauerfall. Für acht Mark habe man per Bus nach Eger fahren können, ein Abenteuer damals. Die Tschechen hätte das Warenangebot in Waldsassen interessiert. "Sie haben vor allem Videokassetten und Radios gekauft."

Auch er sei neugierig gewesen und mit einem Dauervisum für Journalisten mehrmals allein rübergefahren. Lachend erinnert sich Zrenner an eine spontane Einladung zur "Schwammerlbrühe" in einer tschechischen Familie. "Mir schwebten die klassischen Agententhriller vor Augen. Ich dachte, die wollen mich vergiften." Jede Bewegung am Schlagbaum sei journalistisch dokumentiert worden. Zrenner überlässt hier dem Freund das Wort. Michal Pospísil erzählt vom Vater, einem Schauspieler, der im Theater Eger einen Job bekam und 55 Jahre blieb. Er selbst habe Landschaftsarchitektur studiert in Eisengrub und dort über die Grenze nach Österreich geschaut. "Damals war der Westen so nah und doch so fern für uns."

Pragmatisch und leise

Er sei sich immer sicher gewesen, eines Tages werde sich die Grenze öffnen. Von seinen Landsleuten sagt er wie zur Entschuldigung, sei seien wie "die Schwejks". Pragmatisch und leise hätten sie die Füße lang stillgehalten. Auch aus Angst vor den Volksmilizen. "Sie sind nicht gekommen." Vom Westen erzählte er, dass der Fernsehempfang gut gewesen sei. "Wir schauten ZDF, ARD und BR." Pospísil zitiert lachend einen deutschen Werbeblock von damals. Dann sei diese unerreichbare Produkte-Traumwelt wahr geworden. "Das hat uns neue Impulse gebracht."

Kein Verständnis für den Brexit

Pospísil nennt zwei wichtige Schritte für sein Land: Den Eintritt in die EU 2004 und das Reisen ohne Grenzen. "Ich bin froh, dass wir dabei sind", versteht der Tscheche den Brexit der Engländer nicht. Pospísil freut sich auf das entstehende "Oberzentrum Waldsassen und Eger", mit 50 000 Einwohnern und darüber, dass die Lage stabil geworden sei.

Nach einer Diskussion mit den Anwesenden bedankt sich Moderatorin Christina Ponader vom Netzwerk Inklusion, einem der Veranstalter, bei den Zeitzeugen. "Die tiefen Einblicke der drei Männer haben gezeigt, dass Nachbarschaft auch Anstrengung braucht und gefördert sein will", sagte sie.

Michal Pospísil, Paul Zrenner und Rudolf Tomšů (von links) hatten viel zu erzählen über ihre Erlebnisse vor 30 Jahren an der Grenze.
Rudolf Tomšů freut sich über die Annäherung der beiden Länder, sieht aber immer noch viele Barrieren in den Köpfen der Leute von hüben und drüben als Hemmschwelle für mehr Gemeinsamkeiten.
Viele Gäste, darunter Bürgermeister Bernd Sommer (rechts) und Bezirksrat und Bürgermeister von Wiesau, Toni Dutz (links vorne) interessierten sich für die Grenzgeschichten der drei Zeitzeugen.
Paul Zrenner hatte viele alte Fotos dabei, die vom Publikum freudig kommentiert wurden, weil bekannte Gesichter zu sehen waren.
Manche Schlagzeile galt auch schon vor der Grenzöffnung den heimlichen Geschehnissen in den tiefen Wäldern entlang des Grenzkamms.
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