23.05.2019 - 08:00 Uhr
WaldsassenOberpfalz

Mit Lehm an der Zukunft bauen

Die Hart Keramik AG weiß um die Chancen umweltbewusster Märkte, die Lehmbauplatte "Lemix" etwa findet internationale Beachtung.

Lehmplatten statt Gipskarton. Die Hart Keramik AG sorgt damit in der Branche für Aufsehen.
von Ulla Britta BaumerProfil

Nicht jeder hat das Privileg, seinen Namen auf einem Straßenschild lesen zu können. Anton Hart, Vorstand der Hart Keramik AG, Waldsassen/Schirnding, mit Sitz in Waldsassen, kann das von sich sagen. Mit der "Anton-Hart-Straße" erwies die Klosterstadt allerdings seinem Vater gleichen Vornamens die Ehre. Der 2004 verstorbene Senior-Chef hatte sich als Unternehmer verdient gemacht, Schlagzeilen machte Anton Hart sen. allerdings auch mit dem Wiederaufbau der durch den Zweiten Weltkrieg zerstörten Wallfahrtskirche "Maria Loreto" nahe seiner Heimatstadt Eger.

Was mit der Gründung einer Töpferei vor 300 Jahren begann, ist heute wie damals unentbehrlich im Industrie- und Bausektor. Einzig der Zweck der Firmengründung im Jahr 1730 war ein anderer. Ferdinand Hart machte sich als Flaschenmacher in Kinsberg bei Eger selbstständig. Fast drei Jahrhunderte später hält der 64-jährige Anton Hart ein historisches Exponat aus der damaligen Produktion in Händen. Sorgsam dreht er das Steinzeug um und zeigt auf eingravierte Buchstaben: J H (Jakob Hart). "Meine Vorfahren", erzählt er stolz, "haben Mineralwasserflaschen für Eger, Franzensbad, Marienbad und Königswart hergestellt".

Riesiges Werksgelände

Anton Hart sieht in der Tradition eine Verpflichtung. Schon als Kind sei er in die Firma förmlich hineingewachsen. Mit jungen 21 Jahren stieg Anton Hart jun. nach dem Studium als Keramik-Ingenieur ins Unternehmen ein und setzte fort, was seine Vorfahren gegründet hatten. Heute steht Anton Hart auf einem riesigen Werksgelände, auf dem Tausende Keramikprodukte auf die Auslieferung warten. Aus den Werkshallen dringt Arbeitslärm, ein Bagger bewegt sich fast elegant über gewaltige Hügel aus Rohmaterialien. Naturprodukte wie Ton, Holz und jetzt auch Lehm sind Lebenselixiere der Hart Keramik AG. "Meine Mitarbeiter fahren mit dem Fahrrad übers Gelände. Das geht schneller", erzählt Anton Hart lachend. Tatsächlich ist das Keramikwerk, direkt neben dem Grenzübergang Schirnding angesiedelt, derart weitläufig, dass sogar ein kleines Dorf Platz fände. "Gut, dass mein Vater 1956 in Schirnding investiert hat", merkt der Geschäftsmann an. In Waldsassen sei eine Expansion aus Platzgründen unmöglich gewesen.

Von der Töpferscheibe zum Industrie-Roboter: Hart Keramik hat an allen Firmenstandorten (Kinsberg, Waldsassen und Schirnding) manche wirtschaftlichen Stürme hinter sich gelassen - und den Sprung in die Zukunft gemeistert: In der Produktion werden die Facharbeiter von moderner Industrietechnik unterstützt. Heute vertreibt das Unternehmen Keramikrohre für alle Typen von Abgasanlagen, sogenannte Hafner-Schamotte und als Neuheit "Lemix": So heißt die erste, industriell hergestellte Lehmbauplatte. Zu 100 Prozent recyclebar, genießt das Produkt in der Baubranche auch international Aufmerksamkeit.

Mitarbeiter Roland Bergmann (rechts) bespricht hier mit Chef Anton Hart (links) die Produktionsabläufe.

Gutes Raumklima

120 Mitarbeiter produzieren für Kunden aus 26 Ländern. "Die Lehmbauplatten sind dabei besonders in Österreich, der Schweiz und Südtirol begehrt", erzählt Hart, "wo mehr Holzhäuser als in Deutschland gebaut werden." Er nennt energetische wie ökologische Vorteile und einen Wohlfühlfaktor: "Unsere Feuchte regulierenden Platten schaffen einfach ein gutes Raumklima!" Die Erfindung aus dem Hause Hart wurde als erste Lehmplatte nach dem begehrten Ökosiegel "natureplus" zertifiziert (www.natureplus.org). Hart Keramik schürft nahezu alle Rohstoffe direkt aus Vorkommnissen vor der eigenen Haustür, eine ökologisch wie energiepolitische Traumsituation. 2011, berichtet Anton Hart, "haben wir als Manufaktur die Entwicklung der Lehmbauplatten in Angriff genommen." In akribischer Forschungsarbeit wurde Neuland beschritten mit einem Werkstoff, der als ältestes Baumaterial der Welt Urwissen birgt. "Unser Ziel war, die Platten aus der Handarbeit heraus in die industrielle Herstellung zu führen", erklärt der Unternehmer.

Eine Marktforschung zu Wachstumschancen der Neuheit erwies sich als richtig. 2017 konnte Hart den Markt mit einem Produkt überraschen, das dem Ökostandard im Bauwesen entspricht. "Auf der Baumesse München 2017 informierte sich die damalige Bundesbauministerin Barbara Hendricks an unserem Messestand persönlich darüber", erzählt Hart stolz vom Interesse aus der Politik.

Die Fachkräfte bei der Hart Keramik AG werden im technischen Bereich von Industrie-Robotern bestens unterstützt: "Die Roboter übernehmen viele Schwerstarbeiten, die ein Mensch gar nicht leisten kann."
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