14.05.2020 - 12:56 Uhr
WaldsassenOberpfalz

Rainer Fischer: Vollblutpoliker zieht Schlussstrich

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Politik ist seine Leidenschaft. Dennoch hat der Waldsassener Rainer Fischer nicht mehr für den Kreistag kandidiert. Der SPD-Fraktionsvorsitzende zieht eine durchweg positive Bilanz seines langen, politischen Lebens.

Rainer Fischer war es immer ein Anliegen, dann aufzuhören, solange er es selbst bestimmen kann. Die "Zweitwohnsitze" des passionierten Politikers mit dem Herzen auf dem rechten Fleck waren das Rathaus in Waldsassen und der Sitzungssaal im Landratsamt.
von Ulla Britta BaumerProfil

Denkt der 72-jährige Rainer Fischer an 36 Jahre Kreisrat zurück, erinnert er sich an die wunderbaren Freundschaften, die er mit großartigen Menschen knüpfte. Der Werdegang des Vollblutpolitikers mit dem Herzen auf dem rechten Fleck ist geprägt von der Zeit, als sich junge Leute der Friedensbewegung anschlossen und es Politik nannten. Rainer Fischer war einer von ihnen.

"Ich bin 1969 zu den Jusos und mich hat alles interessiert, nur nicht Kommunalpolitik", erzählt er lachend. Wenig später wurde Fischer eines Besseren belehrt. Er engagierte sich im Stadtrat und Kreisrat und er tat dies insgesamt 42 Jahre lang. Sprichwörtlich wie "die Jungfrau zum Kind" ist der Diplomfinanzwirt am Finanzamt zu diesen Posten gekommen.

"Es war nie mein Verdienst", sagt er heute. Weil 1977 drei von fünf SPD-Stadträten aufhörten, bat ihn der SPD-Ortsverein, "kurzzeitig" zwei Jahre auszuhelfen. "Ich wurde Vorsitzender des Ortsverbandes und ab 1978 Fraktionsvorsitzender", erzählt er. Statt 2 blieb er 28 Jahre, 1984 wurde Fischer Kreisrat, wieder weil man ihn ums Mandat bat. Und wieder täuschte sich der heute 72-Jährige über sein Durchhaltevermögen. Er blieb 36 Jahre lang im Kreisrat, 18 Jahre ab 2002 als Fraktionsvorsitzender. "Das hat sich entwickelt, ich hab's nie bereut", weiß er heute.

Einzig seiner Frau Elisabeth gegenüber habe er ein schlechtes Gewissen. Damals seien die Kinder klein gewesen und er habe die Familie oft allein lassen müssen wegen der Ämter. Fischer verbindet die Politik immer mit den Menschen, die dahinterstehen. In seinen Memoiren hat der damalige Bundestagsabgeordnete Ludwig Stiegler einen festen Platz. Fischer und Stiegler, der jetzt in Berlin wohnt, sind bis heute feste Freunde. "Ich habe ihm viel zu verdanken. Wir begrüßten großartige Menschen wie den SPD-Bundesminister Dr. Hans-Jochen Vogel, den ehemaligen KZ-Inhaftierten Max Mannheimer und den ehemaligen Bundeskanzler Willy Brandt im Landkreis. Alle Kontakte hat der Ludwig vermittelt."

Überhaupt bedeutet für Fischer die Politik viele Bekanntschaften fürs Leben. Er nennt gute Kollegen wie Günther König oder die CSU-Kreisräte Toni Dutz, Ludwig Spreitzer, Hans Schraml und andere im gleichen Atemzug mit Brandt und Vogel. Mit der SPD-Kollegin Hannelore Bienlein-Holl habe er politisches Kabarett gemacht, erinnert er sich an humorvolle Momente. "Solche Freundschaften sind Geschenke. Die kann man nicht erwerben, man verdankt sie dem Herrgott", betont der gläubige Christ.

Für ihn bedeutet es ein riesiges Glück, selbstbestimmend und ganz ohne Feindschaften aufhören zu können. Parteipolitik habe im Kreisrat keine große Rolle gespielt, galt es, Landkreisbelange gemeinsam und demokratisch durchzuboxen, sagt er. Die Bildungseinrichtungen sind Fischer ein echtes Anliegen. Ihn freut es, dass in Sanierungen beim Gymnasium, den Bau der Kemnather Realschule und die Berufsschule Wiesau investiert werden kann.

Die Entscheidungen für die Kliniken Nordoberpfalz AG gehören zu Fischers ganz großen Enttäuschungen. Das sei "Salamitaktik", sagt er. Die Krankenhauslandschaft sei mehr und mehr ausgeblutet worden. Fischer warnt Tirschenreuth. Das dortige Krankenhaus müsse auch gut aufpassen, sagt er. Dann lenkt er ein: Verbitterung sei Politik nicht wert. Fischer hat seinen persönlichen Schlussstrich unter dem Kreisrat bereits vor sechs Jahren gesetzt. "Alles hat seine Zeit", sagt er, und dass er auch nicht mehr als Gast hingehen werde. "Das habe ich im Stadtrat auch nie getan."

In seiner neu gewonnenen Freizeit will Fischer mehr für seine Gesundheit tun. "Wandern, nicht nur zum Schwammerl suchen." Das persönliche Archiv wartet auf Ablage. Rainer Fischer ist Mitglied im Sprecherrat "Aktiv gegen rechts", denn der passionierte Sozialdemokrat sorgt sich um die Demokratie. Auf mehr Zeit für Fußball freut er sich, zum Lesen liegt ein dickes Buch von Willy Brandt bereit. "Ein Wälzer, handschriftlich signiert."

Den Jüngeren gibt Fischer keinen Ratschlag. Johannes Rauh habe gesagt, öffentliche Ratschläge seien Schläge. "Ich dränge mich nicht auf. Wenn aber jemand Rat braucht, kann er kommen." Worüber sich der SPD-Mann, der nie auf öffentliches Lob aus war, sehr freute: Die Bürgermedaille der Stadt Waldsassen, sagt er, habe er überraschend ein Jahr nach Ausscheiden aus dem Stadtrat bekommen. "Es war eine schöne Zeit. Wir konnten viel bewegen", zieht Fischer politische Bilanz. Dass die Abschiedsfeier wegen Corona nicht stattfinden kann, findet er schade wegen der Kollegen. Aber das werde nachgeholt, sagt er mit Nachdruck in der Stimme.

Auch Hannelore Bienlein-Holl verabschiedet sich aus dem Kreistag:

Fuchsmühl
Zur Person:

1948 wurde Rainer Fischer in Waldsassen geboren. Er arbeitete als Diplom-Finanzwirt am Finanzamt Waldsassen bis zum Ruhestand 2012. 1969 trat er als Juso in die SPD ein. 1977 bis 2005 war er SPD-Ortsvorsitzender und von 2002 bis 2019 SPD-Kreisvorsitzender. 1984 kam Fischer in den Kreistag und war von 2008 bis 2020 Fraktionsvorsitzender. Außerdem 15 Jahre Mitglied im Kreisausschuss und von 1996 bis 2008 Vorsitzender des Rechnungsprüfungsausschusses.

Heute noch ist Fischer Mitglied in den Aufsichtsräten der Kliniken Nordoberpfalz AG und der Kewog. Er ist im Sprecherrat „Aktiv gegen rechts“ tätig, Angehöriger des Kuratoriums KuBZ Abtei Waldsassen und Vorstandsmitglied im Förderverein „Kapplfreunde“ sowie Sportfreunde Kondrau. Fischer ist verheiratet mit Frau Elisabeth und hat zwei erwachsene Kinder. Er ist Träger der Bürgermedaille der Stadt Waldsassen sowie der Bürgermedaille in Gold des Landkreises Tirschenreuth.

Sehr beeindruckt war Rainer Fischer (rechts) von dem ehemaligen KZ-Häftling Max Mannheimer (Mitte), den die SPD vor vielen Jahren zu einem Vortrag in den Waldsassener Raiffeisensaal eingeladen hatte.
Rainer Fischer schätzt in seiner politischen Laufbahn vor allem die Begenungen mit großartigen Menschen. Auf diesen Bild besichtigt Rainer Fischer (Zweiter von links) mit Hannelore Bienlein-Holl, Bundesminister Hans-Jochen Vogel, MdB Franz Josef Zebisch und Ersten Polizeihauptkommissar Ludwig Wolf (von links) die Landesgrenze zu Tschechien, die damals noch geschlossen war, besichtigt.

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