03.03.2020 - 10:27 Uhr
WaldsassenOberpfalz

Tschechische Stasi war am Grenzübergang Hundsbach aktiv

Wer von Waldsassen nach Eger fährt, passiert ein imposantes Gebäude. Es ist unter dem Namen „Schlösschen“ oder „Casino“ in Waldsassen bekannt. Was kaum jemand weiß: Zwischen 1948 und 1951 spielten sich dort dramatische Verbrechen ab.

von Ulla Britta BaumerProfil

Heute würde man dazu sagen, das "Schlösschen" war ein Fake. Eine Ausstellung im Kunsthaus Waldsassen zeigt Verbrechen der tschechoslowakischen Staatssicherheit an den eigenen Bürgern in den Jahren 1948 bis 1951. Die tschechoslowakische Staatssicherheit soll es als falsches deutsches Zollhaus missbraucht haben.

Im "Schlösschen" wurden Mitbürger, die den Kommunismus kritisierten, gezielt und absichtlich in Sicherheit gewogen, sie seien auf ihrer Flucht in Deutschland angekommen, um sie arglistig über ihre Regime-Untreue aushorchen zu können. Danach seien diese Menschen inhaftiert und teils nie mehr gesehen worden. So erzählte es Vaclava Jandecková von der Gesellschaft zur Erforschung der Verbrechen des Kommunismus e. V. den Vernissage-Gästen im Kunsthaus am Montag im Rahmen der Eröffnung einer Wanderausstellung zu ihren Recherchen.

Jandecková ist die einzige Tschechin, die über diese Verbrechen forscht. Pure Verwunderung und Entsetzen waren die Reaktionen der Gäste, die an der Präsentation "Fingierte Grenze - Aktion Kámen" im Kunsthaus teilnahmen. Jandecková forscht seit acht Jahren. Sie konnte Zeitzeugen oder deren Familien aufspüren und einige darunter zu den Geschehnissen befragen.

Deutscher Überläufer

Im Kunsthaus stellte Jandecková unter der Veranstaltungsreihe "Deutsch-tschechische Geschichte entlang der Grenze und nach der Grenzöffnung" die Hintergründen dieser Verbrechen vor, zeigte Opferfotos und erzählte, was für Menschen das gewesen sind. Jandecková hat Beweise, dass der deutsche Dolmetscher Horst Baumgarten in diesen Jahren als Überläufer der tschechoslowakischen Stasi geholfen haben soll bei diesen Verbrechen, verkleidet als amerikanischer Offizier.

Zwar habe sie Zeitzeugen unter den Opfern gefunden, so die Autorin. Jedoch könnten die Täter nicht mehr belangt werden. Es sei kein Stasi-Mitglied mehr am Leben. Jandecková, die wegen Nachforschungen über ihren in ihrer Heimat 15 Jahre lang inhaftierten Großvater auf diese Verbrechen gestoßen ist, hat es sich zum Ziel gesetzt, diese dunkle Episode ihrer Heimat der Nachwelt zu erhalten.

Theaterstück und Film

Mit Publikationen, darunter zwei Bücher, hat die Tschechin großes Interesse auch in Deutschland dafür geweckt. In Dresden inszenierte ein Regisseur "Kámen" als Theaterstück, in Belgien wird an einem Film gearbeitet. Noch in diesem Sommer soll es das Buch über die Aktion "Kámen" auch in deutscher Sprache geben.

Die Historienforscherin beantwortete nach ihrem Vortrag noch viele Fragen, wie ob ihre Nachforschungen für sie gefährlich gewesen seien und wie sie an die Zeitzeugen herangekommen sei. Jandecková berichtete, viele der Opfer oder Nachfahren würden bis heute denken, sie seien damals wirklich auf deutschem Hoheitsgebiet verhört worden. Paradoxer Weise habe der Aufbau des Eisernen Vorhangs dem üblen Treiben erst ein Ende bereitet.

Eine dunkle Seite

Antonín Jalovec, Bürgermeister von Cheb, bedankte sich bei der Forscherin und bei den Waldsassenern für das Interesse an der Geschichte seiner Heimat, wenn auch dies eine dunkle Seite Tschechiens sei. Jalovec ist es wichtig, diese Historie in steter Erinnerung zu bewahren, damit das nie mehr geschehe.

Bernd Sommer freute es, dass die Veranstaltungsreihe zu "30 Jahre Grenze entlang der Grenze und nach der Grenzöffnung" im Kunsthaus stattfindet. Der Bürgermeister meinte, alle hätten es gut in Europa. Was die vielen "Beschwerden", die jeder mit sich herumtrage, nicht immer rechtfertige.

Es sei wichtig, wiederholt von beiden Seiten an die Grenzöffnung zu erinnern, denn junge Leute wüssten nichts davon, erklärte Bernd Sommer. "Über die Stasi in der Tschechoslowakei war auch mir bis heute nichts bekannt," sagte Sommer verwundert und sichtlich beeindruckt von den Recherchen der tschechischen Autorin. Sommer wünschte sich, die Gäste aus dem Nachbarland bald wieder in Waldsassen begrüßen zu können.

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