27.03.2019 - 18:01 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Antisemitismus greift Demokratie an

Wenn in einer Synagoge über Antisemitismus gesprochen wird, kann man sicher sein, Informationen von Betroffenen selbst zu erhalten. So geschehen bei einer Vortragsveranstaltung anlässlich der Wochen gegen Rassismus.

Professorin Julia Berstein zusammen mit Oberbürgermeister Kurt Seggewiß (rechts) und dem Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Weiden Leonid Shaulov.
von Siegfried BühnerProfil

Über Antisemitismus in Deutschland gibt es zahlreiche Befragungen. Fast immer werden Personengruppen aus der Gesamtbevölkerung befragt. Deshalb ist es besonders interessant, wenn über eine Befragung von Menschen mit jüdischem Glauben berichtet wird. Über eine solche Studie referierte auf Einladung der Jüdischen Gemeinde in Weiden gemeinsam mit der Stadt Weiden und der Stiftung für die Internationalen Wochen gegen Rassismus die Professorin Julia Bernstein aus Frankfurt.

Die Soziologin und Kulturanthropologin von der Frankfurt University of Applied Sciences stellte ein Forschungsprojekt vor, in dessen Rahmen jüdische Schüler, Eltern und Lehrer über ihre Erfahrungen mit Antisemitismus befragt wurden. 227 Interviews wurden dazu schwerpunktmäßig in Hessen aber auch in anderen Regionen geführt. Dabei zeigte sich, dass die Perspektiven der jüdischen Schüler und ihrer Eltern sich deutlich von denjenigen der Lehrer unterscheiden.

Anhand von Einzelbeispielen aus den Antworten belegte die Wissenschaftlerin ein antisemitisches Mobbing jüdischer Schüler. Das Wort „Jude“ sei bei den Schülern längst zum Schimpfwort und Synonym für Negatives geworden. Auch jüdische Lehrer wären Anfeindungen ausgesetzt. Dagegen würden von den anderen Lehrern diese Vorfälle verharmlost und nicht als dringliches Problem betrachtet. Auch würde mehr an den Ruf der Schule gedacht. Was in den Forschungsergebnissen vorgestellt worden war wurde in Wortmeldungen in Bezug auf die Situation an hiesigen Schulen einmal bestätigt und einmal nicht bestätigt.

Grundsätzliche Bemerkungen zum Antisemitismus waren von Bernstein ebenfalls zu hören. So zeigte sie einen deutlichen Unterschied zwischen Rassismus und Antisemitismus auf. Ein Aspekt unter vielen sei, dass Rassismus sich mehr auf das Körperliche beziehe und starr ist, während sich antisemitische Vorstellungen immer wieder ändern. Empfohlen wurde, antisemitischen Äußerungen immer entgegenzutreten.

Ausführlich mit dem Thema Antisemitismus befasste sich auch Oberbürgermeister Kurt Seggewiß. Er erinnerte an die 55 jüdischen Mitbürger, die dem Holocaust zum Opfer gefallen waren und dass die antisemitischen Straftaten ansteigen würden. Zunehmend werde auch „Israel bezogener Antisemitismus“ beobachtet. „Rassistische, antisemitische und fremdenfeindliche Äußerungen, so hat es den Anschein, sickern hinein in die bürgerliche Mitte und werden zunehmend als Normalität empfunden“, bedauerte der Oberbürgermeister. Und er nannte dies eine „besorgniserregenden Entwicklung unserer Gesellschaft“ und sprach von einem „vehementen Angriff auf die Kerngrundlagen unseres demokratischen Rechtsstaates“.

Umso wichtiger sei es, die Anstrengungen gegen Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit, gegen Hetze und Gewalt zu verstärken. Laut und deutlich solle „Nein“ gesagt werden. wo solche Erscheinungen auftauchen. „Wir, die wir unseren Rechtsstaat verteidigen wollen, werden dafür in die Offensive gehen müssen“, stellte Seggewiß fest. Begrüßt und verabschiedet wurden die Besucher der Veranstaltung durch Leonid Shaulov, den Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Weiden. Gefördert wurde die Veranstaltung im Rahmen des Bundesprogramms "Demokratie leben".

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