06.04.2020 - 16:14 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Arzt und zugleich Patient: Krisenmanager in Quarantäne

Der Allgemeinarzt Matthias Loew hat sich mit Covid-19 infiziert. Er hat kaum Symptome und befindet sich in häuslicher Quarantäne. Seit 1. April ist der Mediziner auch Weidener "Versorgungsarzt". Ein herausfordernder Zusatzjob.

Seit 1. April ist Matthias Loew der für Weiden zuständige Versorgungsarzt. Weil er selbst am Coronavirus erkrankt ist, arbeitet er momentan von zu Hause aus mit der Führungsgruppe Katastrophenschutz zusammen.
von Tobias Gräf Kontakt Profil

Als am vergangenen Montag bei Matthias Loew das Telefon klingelt und sich Kurt Seggewiß meldet, ist der Allgemein- und Sportmediziner überrascht: Der Oberbürgermeister trägt Loew das Amt des Weidener "Versorgungsarztes" an. "Ich wusste gar nicht, was das sein soll und musste erst mal googeln", berichtet der 52-Jährige. Kein Wunder, die Funktion wurde erst durch eine gemeinsame Verfügung des bayerischen Innen- und Gesundheitsministeriums vom 26. März geschaffen. Seit 1. April ist Loew nun städtischer Versorgungsarzt – und als solcher Teil der gemeinsamen Führungsgruppe Katastrophenschutz (FüGK) von Stadt und Landkreis.

Laut ministeriellem "Notfallplan Corona-Pandemie" ist in Bayern in jeder kreisfreien Stadt und jedem Landkreis ein solcher Versorgungsarzt einzusetzen. Bis zum Ende des Katastrophenfalls ist es nun Loews Aufgabe, die ärztliche Versorgung in Weiden sicherzustellen und für genügend Schutzausrüstung in den Praxen zu sorgen. Für Loew, der selbst eine Praxis in Rothenstadt betreibt, ist dies eine völlig neue Aufgabe: "Das hat mit meinem normalen Praxisalltag absolut nichts zu tun. Es geht um die enge Zusammenarbeit in der Führungsgruppe und um Koordination. Meine Aufgabe ist es, die ambulante medizinische Versorgung in Weiden aufrecht zu erhalten."

Eigener Arbeitsstab zugeordnet

Dennoch fühlt Loew sich gut gewappnet: "Es soll nur ein Arzt machen, der langjährige Erfahrung im ambulanten Sektor hat. Nachdem ich das schon seit 15 Jahren mache, habe ich dem OB guten Gewissens zusagen können." Loew ist Chef eines ihm zugeordneten Arbeitsstabes. Gemeinsam mit seinen Unterstützern kümmert sich der Arzt um die Einrichtung von sogenannten "Schwerpunktpraxen" zur Behandlung von Corona-Patienten, um die Rekrutierung des erforderlichen Personals. Löw sorgt auch dafür, dass alle Weidener Praxen ausreichend mit Schutzausrüstung versorgt sind, um das Personal vor einer Infektion zu bewahren. Und er unterstützt die Einrichtung und den Betrieb der neuen Corona-Testzentren – das nächstgelegene wird bald in Neustadt eröffnet werden.

Alle diese Maßnahmen dienen dazu, die ärztliche Versorgung in Weiden für die Bevölkerung auch in den aktuellen Krisenzeiten zu sichern. Vom ersten Tag an nimmt Loew seine Aufgabe ernst: "Ich habe zuerst mit der Datenerhebung begonnen", beschreibt er sein bisheriges Tun. "Welche Ärzte in Weiden könnten in Kontakt mit Corona-Patienten kommen? Das sind HNO-Ärzte, Kinder- und Augenärzte, Hausärzte und Internisten." Dies sei wichtig, um einen Überblick zu haben und weitere Maßnahmen zu planen, erklärt der Krisenkoordinator. So werde er demnächst den Leistungsumfang der Praxen abfragen. "Wir müssen schauen, wer kann was leisten? Wann kommen die Ärzte an die Kapazitätsgrenze? Wo müssen Kapazitäten ausgebaut werden?

Meine Aufgabe ist es, die ambulante medizinische Versorgung in Weiden aufrecht zu erhalten.

Matthias Loew (52)

Seine neue Aufgabe macht Loew bisher ausschließlich aus dem Home Office. Seit er sich am 17. März unwissentlich während eines Hausbesuchs bei einem Patienten mit dem Coronavirus infizierte, ist der 51-Jährige in häuslicher Quarantäne – und mit ihm die gesamte Familie. "Ich habe den Hausbesuch ohne Schutzkleidung absolviert, weil nicht abzusehen war, dass er krank ist. Als dann die Meldung kam, dass der Patient positiv getestet wurde, habe auch ich mich testen lassen." Am 24. März bestätigt sich der Verdacht: Der Familienvater ist selbst mit Covid-19 infiziert.

Von eigener Familie separiert

Um seine Frau und die zwei Kinder zu schützen, lebt Loew auch innerhalb des eigenen Hauses isoliert. "Ich nutze ein eigenes Bad, ich esse allein, ich bin weitgehend separiert und habe bisher niemanden angesteckt", berichtet er.

Glücklicherweise verlief die Krankheit bei dem SPD-Stadtrat völlig harmlos. Loew hat fast keine Symptome, fühlt sich fit und musste nicht ins Krankenhaus. "Ich hatte lediglich in der ersten Woche ein gewisses Brennen in Nasen-Rachen-Raum", sagt der Mediziner. Aber: "Ich bin Allergiker. Im März fliegen immer meine Pollen. Wäre nicht der Test gewesen – ich hätte das niemals auf das Virus zurückgeführt."

Hohe Dunkelziffer vermutet

Loew zieht daraus allgemeine Schlussfolgerungen. "Mein persönlich sehr milder Verlauf impliziert, dass schon sehr viel mehr Menschen das Virus haben könnten, als man weiß. Deshalb haben wir vermutlich eine sehr hohe Dunkelziffer." Viele Infizierte würden, wie er, nicht merken, dass sie erkrankt sind.

Um nicht unbewusst Mitmenschen anzustecken sei es deshalb umso wichtiger, sich an die Abstandsregeln zu halten – und auch Mundschutz zu tragen. "Tröpfchen, die in die Umgebung fliegen, können durch die Maske zurückgehalten werden. Auch selbst gemachte Masken mit Einlage helfen, um andere zu schützen," appelliert der Mediziner an die Weidener.

Loew rechnet täglich damit, ein negatives Testergebnis zu erhalten. Dann gilt er offiziell als genesen und darf wieder das Haus verlassen. Bis dahin arbeitet er weiter aus dem Büro. An den täglichen Lagebesprechungen mit den anderen Experten der Führungsgruppe Katastrophenschutz nimmt der neue Versorgungsarzt vorerst digital per Telefon- und Videoschalte teil.

Neues Amt Versorgungsarzt:

Medizinischer Koordinator in Krisenzeiten

Das Amt des Versorgungsarztes wurde am 26. März mit einer gemeinsamen Verfügung des bayerischen Innen- und Gesundheitsministeriums geschaffen. Jede kreisfreie Stadt und jeder Landkreis soll einen Versorgungsarzt ernennen. Die Tätigkeit ist temporär begrenzt und endet mit der Aufhebung des Katastrophenfalls in Bayern.

Die Aufgaben des Versorgungsarztes sind koordinatorischer Art. Als Teil der Führungsgruppe Katastrophenschutz stellt der Versorgungsarzt die ambulante medizinische Versorgung in seinem Zuständigkeitsbereich sicher. Auch die Ausstattung der Arztpraxen mit ausreichen Schutzkleidung, das Einrichten von Schwerpunktpraxen zur Behandlung von Corona-Patienten sowie die Unterstützung der örtlichen Corona-Testzentren gehört zu seinen Aufgaben.

Für die Stadt Weiden hat Oberbürgermeister Kurt Seggewiß Matthias Loew zum 1. April zum Versorgungsarzt ernannt. Loew leitet einen eigenen Arbeitsstab und kann nötige Maßnahmen zur Aufrechterhaltung der ärztlichen Versorgung erforderlichenfalls per Anordnung durchsetzen. Parallel zu seiner Tätigkeit als Versorgungsarzt leitet Loew weiterhin seine eigene Arztpraxis in Rothenstadt.

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Für Sie empfohlen

 

Videos aus der Region

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.