05.02.2021 - 10:21 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

ATU schließt Logistik in Weiden

Die ATU-Zentrale nennt es "Transformation", für den Stammsitz in Weiden dürfte es eher auf einen herben Stellenabbau hinauslaufen. Die Werkstattkette schließt ihr Zentrallager und verlagert es nach Werl. 130 Jobs fallen weg.

Das ATU-Zentrallager im Industriegebiet "Am Forst" wird wahrscheinlich ab Sommer leer stehen. Die Folgenutzung ist noch offen, heißt es aus dem Unternehmen.
von Friedrich Peterhans Kontakt Profil

Die Metapher ist abgedroschen, gleichwohl: Es ist eine Art Bombe, die ATU am späten Donnerstagnachmittag platzen lässt. Das Hochregallager am Sitz in der Dr.-Kilian-Straße am Forst schließt. Die Logistik soll im westfälischen Werl konzentriert werden. Diese Verlagerung soll schrittweise zwischen Februar und Juni dieses Jahres erfolgen. "Weitere strukturelle Anpassungen" sind laut Pressesprecher Markus Meißner in Weiden nicht geplant.

Derzeit verhandeln Betriebsrat und Geschäftsführung über einen Interessensausgleich, sprich Abfindungen. Ein Sozialplan besteht bereits. Betriebsratsvorsitzender Helmut Meindl war am Donnerstag nicht zu erreichen. Ob Weidener Mitarbeiter ein Angebot bekommen, ins 490 Kilometer entfernte Werl zu wechseln, ist offen. Die meisten werden sich wohl eine neue Arbeit suchen müssen.

Doch warum wird das Lager nicht in Weiden erweitert, dort, wo schließlich die Wiege von ATU steht? Meißner: Das Lager in Werl sei, größer, moderner und automatisierter. Es entstand 2002, das Weidener 1996. Zudem sei bereits die E-Commerce-Logistik in Werl gebündelt. Daher ergebe der Schritt auch vor dem Hintergrund des für ATU immer bedeutender werdenden Online-Handels Sinn. Was ebenfalls eine Rolle spielt, ist die Geographie. Werl liegt nahe am Ruhrgebiet, wo besonders viele ATU-Filialen zu finden sind.

Wirtschaftliche Gründe stecken nicht dahinter, heißt es aus dem Unternehmen, das zur französischen Mobivia-Gruppe gehört. Deutschlands führende Kfz-Werkstattkette sei solide durch das Pandemiejahr 2020 gekommen. Laut Bundesanzeiger trifft Ähnliches auch für die Logistiksparte zu, die ein eigener Unternehmensteil ist. Der steigerte im Geschäftsjahr 2019 seinen Jahresumsatz sogar um rund 3 auf 35,2 Millionen Euro.

Matthieu Foucart, Vorsitzender der Geschäftsführung von ATU, sagt in einer Pressemitteilung: „ATU entwickelt sich immer stärker zur Lösungsplattform für individuelle Mobilität.“ Nach dem Lockdown im Frühjahr 2020 habe sich ich das Geschäft schneller erholt als erwartet. Auch das erste Quartal des Geschäftsjahrs 2020/2021, das am 1. Oktober 2020 begann, laufe ordentlich.

Die laufende Umstrukturierung orientiere sich daran, nicht alles selbst anzubieten, sondern mit leistungsstarken Partnern zusammenzuarbeiten. Das Unternehmen konzentriere sich auf seine Stärken in den Bereichen Reifen, Reparatur, Wartung und Instandhaltung, verbunden mit einem modernen Shop-Konzept und digitalen Angeboten wie einer Online-Terminvereinbarung.

Wie berichtet, wird ATU dazu sein Autoglas-Geschäft an Carglass verkaufen. Die Zusammenarbeit mit dem asiatischen Elektroauto-Hersteller Aiways, für den ATU Service und Reparaturen in Deutschland übernimmt, sei ein weiteres Beispiel dieser Strategie. Für gewerbliche Kunden biete man professionelles Fuhrparkmanagement und ein digitales Dienstleistungsangebot für Fahrzeugflotten an.

Das Filialkonzept wurde bereits gestrafft. Die Firma hat sich aus der Schweiz ganz zurückgezogen und einige Standorte in Deutschland aufgegeben. Derzeit sind noch 530 Werkstätten in Deutschland und 25 in Österreich in Betrieb.

ATU in der Coronakrise

Weiden in der Oberpfalz

Der Verkauf der ATU-Autoglassparte an Carglass

Weiden in der Oberpfalz

Der Einstieg von Mobivia 2016

Hintergrund:

ATU (Auto-Teile-Unger)

  • Rund 10000 Mitarbeiter in Deutschland und Österreich, davon 780 in Weiden, inklusive der Reifenrecyclinganlage Estato am Brandweiher.
  • Nach eigenen Angaben jedes Jahr rund eine Milliarde Euro Gesamtumsatz.
  • Gegründet 1995 in Weiden von Peter Unger; Marktführer im deutschen Kfz-Service.
  • Im Juni 2002 Verkauf von 80 Prozent der Anteile an die private Beteiligungsgesellschaft Doughty Hanson.
  • Mai 2004: Abgesagter Börsengang, stattdessen Verkauf großer Anteile an die US-Beteiligungsgesellschaft KKR für 1,45 Milliarden Euro.
  • Im Dezember 2013 übernimmt US-Investor Centerbridge als größter Gläubiger ATU mehrheitlich. 2014 rollt eine Entlassungswelle an.
  • 2016 Kauf durch die französische Gruppe Mobivia. Zu ihr gehören 19 Marken, über 2000 Werkstätten und europaweit 22000 Mitarbeiter.

 

 

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