10.06.2021 - 16:17 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Barrierefreie Innenstadt: Weidener Stadträte suchen den Weg des geringsten Widerstands

Zu einer ersten Entscheidung, wie die Weidener Innenstadt barrierefrei werden soll, fehlt im Bauausschuss der Mut. Die Stadträte erwarten den massiven Widerstand, wenn sie Schankflächen verlegen, den Wochenmarkt zerreißen.

Der Baumhain am Unteren Markt soll unter Umständen von der Gastronomie am Unteren Markt mitbenutzt werden.
von Josef-Johann Wieder Kontakt Profil

Wenngleich die beiden großen Fraktionen für sich reklamieren, das Thema barrierefreie Innenstadt angestoßen zu haben, scheuen sie die Konsequenzen: Der Weg für Behinderte müsste freigeräumt werden. Für das Wie hat das Planungsteam SEP Stadtentwicklung (München) und Planwerk Stadtentwicklung (Nürnberg) sechs Varianten und dazu noch "Marktszenarien" entwickelt. Tobias Preising (Planwerk) sowie Jochen Baur (er plante bereits vor mehr als drei Jahrzehnten die Umgestaltung der Flächen in der Altstadt) und Marc Weschta (SEP) stellten am Mittwoch ihr 124-seitiges Konzept vor, konzentrierten sich dabei aber auf die Möglichkeiten, eine barrierefreie Verbindung zwischen den beiden Toren zu schaffen.

Massive Eingriffe

Planern, Baudezernat und Stadträten ist durchaus bewusst, dass eine Neugestaltung nicht ohne Einbindung von Gastronomie, Handel und Wochenmarkt erfolgen kann. So dürften einige der Varianten bereits im Vorfeld ausscheiden, die zu deutlichen Eingriffen, nämlich zur Verlagerung von Schankflächen und Verlegung/Aufteilung der Stellflächen für die Marktbeschicker führen würden.

Und damit hat es auch der vom Baudezernat favorisierte Vorschlag, einen breiten, barrierefreien Flanierbereich vor den Fassaden zu schaffen, überaus schwer. Die wegbrechenden Flächen für Sondernutzung (Schankbetrieb) müssten nämlich in den Baumhain am Unteren Markt ersetzt werden, was lange Servicewege für das Personal auslöst. Ein Eins-zu-Eins-Ausgleich der Sondernutzungsflächen ist selbst dann nicht möglich. "Werden die Ersatzflächen verlost", fragte etwa Hans Sperrer (CSU), dessen Herz vor allem an der Staubfreimachung des "Sandplatzes" am Unteren Markt hängt.

Sandplatz im Baumhain freihalten

Konflikte erwarten die Stadträte auch mit dem Wochenmarkt, der sich - je nach Szenario - auch im oder am Baumhain drängeln oder sich bis auf den Oberen Markt ausbreiten müsste. Hildegard Ziegler (Sprecherin der SPD-Fraktion), die den Antrag zur Umsetzung des Konzepts "Barrierefreie Innenstadt - Weiden für Alle" eingebracht hatte, kann sich für einen "Food-Court" unter den Bäumen nicht erwärmen. Heiner Vierling (CSU), zugleich Vorsitzender des Heimatrings, will den Baumhain unter allen Umständen für eine öffentliche Nutzung frei halten – fürs Bürgerfest genauso wie für die Maifeiern etwa, oder auch nur, "damit man sich wo hinsetzen kann, ohne bei einem Gastronomen konsumieren zu müssen".

In nahezu jeder Wortmeldung der Stadträte ist der Respekt vor der Auseinandersetzung mit den Gastronomen und Händlern herauszuhören. Die Bauausschussmitglieder befürchten auch, dass bei den Bürgern das Verständnis fehle, wenn die "längste Theke der Oberpfalz" gekürzt, das beliebte "Wohnzimmer der Stadt" verändert wird. Die Lust, das "Wohnzimmer" groß umzuräumen, ist daher klein. Nur Gisela Helgath (DÖW) und Gerald Bolleininger (SPD) stehen für den Verwaltungsvorschlag ein. Der Genosse fordert die Stadträten, die vorgaben, auf die Finanzierbarkeit achten zu müssen, auf, angesichts der hohen Förderquote von bis zu 90 Prozent endlich für die barrierefreie Umgestaltung tätig zu werden. "Die verbleibenden 140.000 Euro müssen wir für ein moderneres Wohnzimmer haben." Stefan Rank (Bürgerliste) regte eine intensive Einbindung der Betroffenen in die Planungen an.

Gespräche suchen

Jede der erarbeiteten Variante sei gut, verbessere die Situation deutlich, betont Baudezernent Oliver Seidel, der davor warnt, einen Vorschlag zu verteufeln. Die Haushaltslage der Stadt sei zwar schwierig. Das gute Förderprogramm ermögliche es aber, die seit über zehn Jahren geforderte Barrierefreiheit der Innenstadt anzugehen.

Er werde das Gespräch mit den Gastronomen am Unteren Markt suchen, um die konsensfähigste Lösung zu finden, und die Grundzüge der Studie in der nächsten Woche beim "Runden Tisch" Innenstadt vorstellen, kündigte Oberbürgermeister Jens Meyer an. Außerdem plane er eine themenbezogene Bürgerversammlung zur Barrierefreiheit. Erste Entscheidungen solle dann der Stadtrat treffen. Damit entspricht er auch den Forderungen der Bauausschussmitglieder.

Die Stadtplaner legen ihre Entwürfe für eine barrierefreie Innenstadt vor

Weiden in der Oberpfalz
Hintergrund:

Geringste Eingriffe in die Sondernutzungsrechte

  • Am sympathischsten ist den Stadträten die Variante C
  • mit den geringsten Eingriffen in die Sondernutzungsrechte von Gastronomie und Wochenmarkt.
  • Für sie bleibt nämliches alles wie gehabt, keine „Umzüge“ nötig.
  • Die Barrierefreiheit wird durch eine „Doppelachse“ gesichert, die den bisherigen nördlichen und südlichen Fahrspuren entspricht
  • 2555 Quadratmeter Pflaster werden gegen Platten ausgetauscht. Kosten: 665.000 Euro
So lieben die Weidener und Ihre Gäste den Unteren Markt und sein einmaliges Flair: Freie Plätze in der Außengastronomie sind rar. Werden bestimmte Alternativen zur Barrierefreiheit der Innenstadt umgesetzt, werden sie noch rarer.

 

 

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