17.07.2018 - 17:52 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Barrierefreiheit in weiter Ferne

Neuer Akt in der unendlichen Geschichte der Bemühungen, den Bahnhof in Weiden behindertengerecht auszubauen: Leitende Vertreter vom Bundesbahn Netzbetreiber DB Netze erklärten CSU-Politikern die Situation.

Klare Worte bei der Diskussion über die Barrierefreiheit am Bahnhof Weiden. Es diskutierten (von links)Robert Hanft und Herbert Kölbl von DB Netze, Bürgermeister Lothar Höher, Bundestagsabgeordneter Albert Rupprecht, CSU-Kreisvorsitzender Stephan Oetzinger und Sniorenunion-Vorsitzender Hartmut Brönner
von Siegfried BühnerProfil

(sbü) „Wir haben derzeit keinen konkreten Planungsauftrag“, sagte Herbert Kölbl, Vertriebsbeauftragter von DB Netze und zuständig für den Betrieb von Bahnhöfen beim Ortstermin zum Thema Barrierefreiheit am Bahnhof Weiden. Bundestagsabgeordneter Albert Rupprecht hatte eingeladen. Kölbl war zusammen mit seinem Kollegen Robert Hanft, der für die Elektrifizierung zuständig ist, aus Nürnberg nach Weiden gekommen. Beide erläuterten ausführlich Planungsstand und die aktuellen Rahmenbedingungen für einen barrierefreien Ausbau des Bahnhofs.

Gesprächsteilnehmer waren auch Bürgermeister Lothar Höher, der Vorsitzende der Landkreis-CSU, Stephan Oetzinger und Hartmut Brönner, Vorsitzender der CSU-Seniorenunion. Was zu hören war, stellte keinen der Politiker zufrieden. Rupprecht fasste es am Gesprächsende zusammen mit dem Satz „das Vertrauen ist abgehakt, wir brauchen jetzt Lösungen“. Am Geld würden diese Lösungen bestimmt nicht scheitern, trotz des von den Bahnvertretern genannten „zweistelligen Millionenbetrags“.

„Dicke Bretter“ will Rupprecht ab sofort in dieser Sache bohren, denn „wir können nicht akzeptieren, dass die Barrierefreiheit ausschließlich an die Elektrifizierung gekoppelt ist“. Genau dies hatten die Gesprächspartner von DB Netze vorher ausführlich erläutert. Zunächst müsse die Frage beantwortet werden „wie muss der Bahnhof nach der Elektrifizierung aussehen?“ erläuterte Hanft. Im laufenden Jahr sei mit einer Antwort darauf nicht mehr zu rechnen. 180 Kilometer müssten geplant und alles einbezogen werden, auch Straßenübergänge. Das könne Wochen aber auch Jahre dauern. Und sein Kollege Kölbl fügte hinzu: „Im Rahmen der Elektrifizierung muss es nicht zwingend zu Barrierefreiheit kommen“. Möglicherweise sei von der Elektrifizierung auch nur ein Gleis betroffen. Nur wenn ein „elementarer Eingriff in den Bahnhof vorgenommen werden muss“ sei der barrierefreie Umbau zwingend, erklärte Kölbl. Ihn vorzuziehen, wie es Rupprecht vorschlug „sehe ich kritisch“.

Vorher hatte Kölbl berichtet, dass die DB Station und Service AG rund 1000 Bahnhöfe in Bayern betreibt. 400 seien barrierefrei, 100 sollen bis 2022 dazukommen. Dass Weiden nicht dabei ist, war aus dem Satz „Weiden muss in den Programmen irgendwann einmal auftauchen“ zu entnehmen. Hauptsächlich würde nach der „Größe“ des Bahnhofs vorgegangen. Mit 5000 täglichen Ein- und Ausstiegen gehöre Weiden zum Mittelfeld. Den Hinweis auf den barrierefreien Ausbau des Bahnhofs Coburg entgegnete Kölbl mit dem Argument, dass dort wegen größerer Umbaunotwendigkeiten auch gleichzeitig der barrierefreie Ausbau erfolgte. „So weit sind wir in Weiden nicht“ sagte Kölbl. Wörtlich fügte er hinzu „als Betreiber sehen wir momentan keinen Handlungsbedarf“. Zweimal im Monat würden entsprechende Überprüfungen durchgeführt. Behinderte könnten derzeit nach einer „24-Stunden-Voranmeldung“ eine Umsteigehilfe des BRK in Anspruch nehmen.

An die Adresse der Stadt Weiden gerichtet sagte Kölbl, „ein Gesamtkonzept Stadtentwicklung sollte vorliegen, bevor die Neuplanung des Bahnhofs begonnen wird“. Unzufrieden vom Gesprächsverlauf betonte Höher: „Weiden boomt als Oberzentrum ohne Ende, außer am Bahnhof“. Oetzinger schlug als Übergangslösung vor, zu prüfen, ob Einstiegshelfer aus dem Bundesfreiwilligenprogramm eingesetzt werden könnten. Neben der „zwingend notwendigen Entkopplung der Barrierefreiheit von der Elektrifizierung“ will Rupprecht weiterhin „gemeinsam mit der Stadt zu Zwischenlösungen aufrufen“. Schließlich bestehe die Gefahr, dass Einsprüche gegen die Elektrifizierung den Umbau noch Jahrzehnte verzögern können. Auch soll in Anschreiben an die Aufsichtsbehörden „technische Notwendigkeiten“ geklärt werden. Zweimal im Jahr will er alle Beteiligten an einen runden Tisch rufen.

Angemerkt „Ernüchterung groß“

Die Vertreter der Bundesbahn haben allen Beteiligten klaren Wein eingeschenkt. Wenigsten dies muss als Gesprächsergebnis gelobt werden. Doch ansonsten hätte das Gesprächsergebnis negativer kaum verlaufen können. Die CSU-Politiker aus der Region hat es ziemlich wütend gemacht. Die Barrierefreiheit scheitert vor allem an der Struktur der bundessweiten Bahnzuständigkeit. Da wird Schritt für Schritt gedacht nach dem Motto „wenn einer kommt könnten ja alle kommen“. Insellösungen können bei diesem Denken nicht vorkommen. Und alle haben natürlich davor Angst bei vorzeitigen Investitionen vom Steuerzahlerbund eines Tages angeprangert zu werden. Es sieht also düster aus für reiselustige Behinderte in Weiden. Fraglich, ob ein Ministerbesuch da etwas ändern könnte. Vielleicht hat doch noch jemand eine Idee für gute Zwischenlösungen?

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Nachrichten per WhatsApp und Facebook Messenger

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.