30.08.2018 - 21:12 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Bauern in der Wachstumsfalle

Alles begann nach dem großen Hunger: Die Stunde 0 der Landwirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg. Der technologische Fortschritt machte eine industrialisierte Landwirtschaft möglich.

Faire Milch, glückliche Kühe: Anja und Christian Beutner (von links) haben ihren Betrieb 2016 auf Bio umgestellt. BDM-Kreischef Werner Reinl und Hubert Meiler freuen sich übers Tierwohl im Freilaufstall.
von Jürgen Herda Kontakt Profil

Ein ehrenwertes Motiv, den Hunger in Europa ein für alle Mal zu besiegen, mit weitreichenden Folgen: "Erst wurde gedüngt", schildert Werner Reinl, Kreisvorsitzender des Bundesverbands Deutscher Milchviehhalter (BDM), "dann kamen die Pflanzenschutzmittel." Und mit beiden das wirtschaftliche Interesse großer Pharmakonzerne.

Es war der Startschuss für einen nicht enden wollenden Strukturwandel. "Schauen Sie nach Tschechien, da sind 1000 bis 2000 Hektar normal." Dabei sei ein solider Familienbetrieb mit 50 Kühen auf 50 Hektar schon gut beschäftigt. Das künstlich erzwungene Wachstum treibe die großen Unternehmen immer stärker in eine Spirale aus Investment und Risiko. Die kleinen aber, die bei den Dumping-Weltmarktpreisen nicht mithalten können, geben nach und nach auf. "Wenn ich von 60 auf 100 Kühe gehe, muss ich aus dem Dorf raus", erklärt BDM-Mitstreiter Hubert Meiler, "das kostet mich eine Million, da muss es eine Perspektive geben - ob mein Sohn das Risiko tragen will?"

Lieber Bio

Einen ganz anderen Weg gehen Anja und Christian Beutner. Sie haben ihren Betrieb mit 50 Kühen in Mallersricht bei Weiden 2016 auf Bio-Milch umgestellt. "Zwei Jahre dauert es, bis die Futterflächen umgestellt sind", erzählt Christian, "man muss bereits ein halbes Jahr biologisch füttern, dann bekommt man das Bio-Zertifikat und den etwas höheren Milchpreis." Auch ihm hat die Trockenheit zugesetzt: "Wir haben fast kein Grünfutter mehr, die Kühe geben 200 Liter weniger am Tag, und mit Mais kann man keine Milch machen." Irgendwie käme man schon über den Winter, dann müsse er aber schnell den ersten Grünschnitt verfüttern. "Futtervorrat kann man so nicht aufbauen - noch so einen Sommer verkraften wir nicht."

Ansonsten ist der junge Landwirt mit seiner Entscheidung zufrieden: "Der Verkauf läuft über die Naabtaler Milchwerke", sagt Beutner, "die haben eine Bio-Schiene neu aufgebaut." Das heimische Edelweiß gibt's jetzt beim Lidl für gerade mal rund 10 Cent mehr als konventionelle Ware.

Welcher Weg der richtige ist, und wie man ihn am besten erreicht, darüber lässt der BDM am kommenden Montag, 20 Uhr, ein hochkarätiges Podium diskutieren - mit dabei:

◘ Martin Schöffel, CSU-Landtagsabgeordneter aus Wunsiedel

◘ Annette Karl, SPD-Landtagsabgeordnete aus Weiden

◘ Sigi Hagl, Landesvorsitzende der Grünen

◘ Hubert Aiwanger, Landesvorsitzender der Freien Wähler und

◘ BDM-Landesvorsitzender Manfred Gilch

◘ Günther Felßner, Vizepräsident des Bayerischen Bauernverbandes.

"Wir wollen über politische Lösungen diskutieren", nennt Reinl die Ziele des Abends, "aber vor allem auch mit der Bevölkerung ins Gespräch kommen." Denn letztlich entscheidet der Verbraucher an der Kasse, wohin die Reise geht: Richtung nachhaltige Landwirtschaft mit mehr Tierwohl oder wie gehabt zu größer, schneller, weiter.

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