19.12.2018 - 20:00 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Beste Chancen für Rückkehrer

Die mittlere und nördliche Oberpfalz ist ein Musterbeispiel für eine Region, die den wirtschaftlichen Strukturwandel sehr gut geschafft hat. Beste Chancen gibt es deshalb auch für rückkehrwillige Abwanderer.

Das Autobahnkreuz Oberpfälzer Wald: Die Erschließung der mittleren und nördlichen Oberpfalz mit leistungsfähigen Verkehrswegen begünstigt die wirtschaftliche Entwicklung des Standorts.
von Siegfried BühnerProfil

Wer nach der letzten Wirtschaftskrise in den Jahren um 2008 und 2009 aus beruflichen Gründen die mittlere oder nördliche Oberpfalz verlassen hatte, kann jetzt getrost die Rückkehr in die Heimat planen. Längst gibt es hier hervorragende berufliche Chancen und Aufstiegsmöglichkeiten, wahrscheinlich zwischenzeitlich sogar mehr und bessere als in vielen anderen Regionen.

Der Arbeitsmarkt für Fachkräfte ist leer gefegt, Arbeitskraftreserven fehlen weitgehend. Das belegen Arbeitslosenquoten von überwiegend lediglich knapp über zwei Prozent in den Teilregionen. Statt Arbeitslosigkeit, Boom: Jahr für Jahr wurden seit 2009 neue Beschäftigungsrekorde erzielt. Der Vergleich der aktuellen Arbeitsmarkt- und Wirtschaftsdaten mit der Zeit nach der deutschlandweiten Konjunkturkrise in den Jahren 2008 und 2009 zeigt den starken Aufschwung in den Städten und Landkreisen. Am Ende des ersten Quartals des laufenden Jahres gab es in der mittleren und nördlichen Oberpfalz laut Statistik der Bundesagentur für Arbeit (BA) mit 195400 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten insgesamt rund 34500 oder 21,4 Prozent mehr besetzte Arbeitsplätze als nach der Wirtschaftskrise im Jahre 2009.

Oft über Bayernschnitt

Spitzenreiter im Beschäftigungswachstum unter den Teilregionen ist der Landkreis Neustadt/WN mit einer Steigerungsrate von 24,9 Prozent. Es folgen die Landkreise Tirschenreuth mit 23,0 und Schwandorf knapp dahinter mit 22,9 Prozent. Dieses Wachstum liegt auch über dem bayrischen Durchschnitt von 22,2 Prozent. Am anderen Ende der Skala liegt die Stadt Weiden mit immerhin noch 16,9 Prozent.

Die Ursachen für unterschiedliche Wachstumsraten sind auf die bestehenden großen Unterschiede in den jeweiligen Wirtschaftsstrukturen zurückzuführen. Nicht alle Wirtschaftsbereiche waren vom konjunkturellen Aufschwung gleichmäßig erfasst. Dort, wo der Konjunkturmotor Produktion und Exportwirtschaft wie im verarbeitenden Gewerbe vorherrschte, waren die Wachstumsraten überdurchschnittlich hoch. Tatsächlich entfielen zwei Drittel des Beschäftigungswachstums auf das verarbeitende Gewerbe, nur ein Drittel auf den Dienstleistungssektor. Der jahrzehntelange Trend des sektoralen Wandels hin zu immer höheren Anteilen des Dienstleistungssektors wurde damit zumindest unterbrochen.

Die genauen Zahlen beweisen es: Seit dem Jahre 2009 ist die Beschäftigung im produzierenden und verarbeitenden Gewerbe einschließlich Handwerk um 38,7 Prozent angewachsen. Regionen, in denen diese Wirtschaftszweige vorherrschen, wie zum Beispiel die Landkreise Neustadt/WN, Tirschenreuth und Schwandorf, stehen deshalb an oberster Stelle. Die Stadt Weiden dagegen mit ihrem Beschäftigtenanteil im Dienstleistungssektor von fast 80 Prozent muss deswegen in einem von der Industriekonjunktur getragenen Aufschwung relativ zurückfallen.

Noch nie dagewesen

Die oft bis an die oberste Grenze ausgelasteten Produktionskapazitäten lösten einen Fachkräftebedarf aus, wie ihn die Arbeitsmarktstatistik noch nie gesehen hat. 7800 offene Stellen zählen derzeit die beiden Arbeitsagenturbezirke Weiden und Schwandorf. Dazu kommen noch rund 3000 unbesetzte Ausbildungsplätze. Beide Arbeitsagenturen decken mit ihren Zuständigkeitsbereichen weitgehend die mittlere und nördliche Oberpfalz ab. Könnten die freien Arbeits- und Ausbildungsplätze besetzt werden, würden die Wachstumsraten der Beschäftigung noch deutlich höher liegen. Nicht umsonst spricht auch die IHK Regensburg in ihrem aktuellen Fachkräftereport davon, dass „durch den Fachkräftemangel im IHK-Bezirk insgesamt alleine im Jahre 2018 ein Wertschöpfungsverlust von 3,4 Prozent der gesamten Bruttowertschöpfung“ entstehe.

Erfolgsfaktor Branchenmix

Die IHK nennt auch einige vom Fachkräftemangel besonders betroffenen Berufsbereiche wie Maschinen- und Fahrzeugtechnikberufe, Berufe in der technischen Entwicklung, Konstruktion und Produktionssteuerung sowie in der Unternehmensorgansisation. Zahlreiche unbesetzte Arbeitsplätze im Gesundheitswesen, laut BA-Statistik rund 900, insbesondere im Pflegebereich, gehören ebenfalls in diese Aufzählung. Auch das Handwerk leidet längst unter Kräftemangel. Beste Chancen also für Rückkehrwillige, in der ehemaligen Heimat wieder beruflich Fuß zu fassen.

Das Bild, das sich von der Aufwärtsbewegung zeichnet, ist dabei eine Mischung größerer, mittlerer und kleinerer Betriebe aus den verschiedensten Industrie- und Handwerksbereichen. Wer strukturprägende Bereiche sucht, wie es im vorigen Jahrhundert zum Beispiel Porzellan- und Glas oder Braunkohle und Stahl waren, die ganze Regionen dominierten, wird sie nicht mehr finden. Ein branchenzogenes Image der Gesamtregion oder auch großer Teilregionen kann deswegen nicht mehr abgeleitet werden. Im Branchenmix sind auch zahlreiche High-Tech-Betriebe und Dienstleister in der Informationstechnologie enthalten, doch nirgendwo kann von einem größeren oder kleineren Silikon-Valley gesprochen werden. Doch wahrscheinlich ist genau dieser Branchenmix das Erfolgsgeheimnis der Region.

Starke Automobilzulieferer

Auch der Blick auf die Industriestandortkarte der IHK Regensburg beweist diese Feststellungen. Wenn überhaupt in der Region ein gewisser Schwerpunkt gesucht werden soll, kann im industriellen Bereich von einer zwischenzeitlich erreichten Dominanz der Elektronik, des Fahrzeugbaus einschließlich der Automobilzulieferindustrie sowie des Maschinenbaus gesprochen werden. Auffallend ist die Konzentration dieser Industriebereiche am Standort Amberg, aber auch in einzelnen, eher peripheren Standorten wie Vorbach, Auerbach, Weiherhammer, Neunburg v.W. oder auch Tirschenreuth. Auch die BA-Statistik zeigt die teilweise sehr hohen Beschäftigungsanteile in der Metall- und Elektro- und der Stahlindustrie. 34,0 Prozent aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten sind dies in Amberg, 30,2 Prozent im Landkreis Neustadt/WN aber nur 5,1 Prozent in der Stadt Weiden. Prägend für die industrielle Struktur in der mittleren und nördlichen Oberpfalz sind auch die vielen kleineren Industriestandorte entlang der Autobahn A93. Sie beginnt bei Neustadt/WN und erreicht im Süden bei Burglengenfeld und Maxhütte-Haidhof fast schon den Regensburger Raum.

Akademiker und Einkommen

Die auf Produktionsbetriebe ausgerichtete Industrie- und Beschäftigungsstruktur der mittleren Oberpfalz hat allerdings auch einige Konsequenzen. Nach wie vor ist der Akademikeranteil unter den Beschäftigten überall vergleichsweise niedrig. Er reicht von 6,5 Prozent im Landkreis Neustadt/WN bis maximal 11,5 Prozent in der Stadt Amberg. Alle Teilräume liegen dabei unter dem bayrischen Durchschnitt von 16,6 Prozent. Auch das verfügbare Einkommen pro Einwohner unterschreitet mit Jahreswerten zwischen 20600 Euro im Landkreis Neustadt/WN und 21700 Euro in der Stadt Amberg den bayrischen Durchschnitt von 23700 Euro. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt die BA-Statistik mit der Errechnung eines monatlichen Durchschnittsentgeltes (so genanntes „Median-Entgelt“), das nur in der Stadt Amberg mit 3300 Euro knapp über dem bayrischen Durchschnitt von 3200 Euro liegt. Alle anderen Regionen liegen bis zu 400 Euro darunter. Allerdings sind Lebenshaltungskosten und Ausgaben für Immobilienerwerb und Mieten markant niedriger als in den Metropolregionen, was die Einkommensunterschiede in vielen Fällen wohl mehr als wettmachen dürfte.

Die Regionen haben relativ unterschiedlich zugelegt.
Luhe-Wildenau (Kreis Neustadt/WN): Das Gewerbepark "Obere Tratt" ist ein Beispiel für ein neues Industriegebiet direkt an der A 93: Wo vor wenigen Jahren noch grüne Wiese, war sind innerhalb von wenigen Jahren Hunderte Arbeitsplätze entstanden. Und es wird weiter gebaut.
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