18.06.2021 - 11:04 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Bewerbermangel immer dramatischer: In 100 Ausbildungsbetrieben beginnen nur 18 Azubis

Jahr für Jahr beginnen weniger Jugendliche eine betriebliche Berufsausbildung. Allmählich geht dies an die Substanz der Betriebe, heißt es aus der Wirtschaft in Weiden und im Landkreis Neustadt.

Volle Prüfungsräume wie bei der schriftlichen Handwerksprüfung in Weiden vor zwei Jahren wird es in Zukunft immer weniger geben.
von Siegfried BühnerProfil

Krisentreffen der Spengler-, Installateur- und Heizungsbauer-Innung mit der Europaberufsschule: In der gesamten Nordoberpfalz haben im vergangenen Herbst in genau 100 Ausbildungsbetrieben nur noch 18 Jugendliche eine Ausbildung als Anlagemechaniker für Sanitär-, Heizung- und Klimatechnik (SHK) begonnen. Im Vorjahr waren dies wenigstens noch 27, in früheren Jahren deutlich mehr.

Unter Leitung des stellvertretenden Innungsobermeisters Thomas Zetzl trafen sich deshalb die Vorstandsmitglieder der Spengler-, Installateur- und Heizungsbauer-Innung mit dem Fachbetreuer für den Berufsschulbereich Anlagemechaniker Ulrich Krapf und seinen Fachkollegen und diskutierten über den Bewerberrückgang.

Am Limit der Leistungsfähigkeit

Die Handwerksbetriebe der Innung befürchten „enorme Probleme für Firmen und Kunden“. Schon jetzt seien die meisten Heizungsbaubetriebe am Limit ihrer Leistungsfähigkeit und Kunden müssten zum Teil monatelang auf den Fachmann warten, wurde bei dem Krisentreffen von den Innungsvertretern festgestellt. Dabei sind die Anlagemechaniker SHK bei weitem nicht die einzigen, denen der Nachwuchs an Fachkräften ausgeht.

Christa Neubauer-Kreutzer, Geschäftsführerin der Kreishandwerkerschaft Nordoberpfalz, braucht nur einen Blick auf ihre Statistik werfen und kann serienweise Beispiele für drastische Rückgange der Auszubildendenzahlen in den einzelnen Handwerksinnungen nennen.

Friseure, Bäcker, Handwerker

So gab es bei den Friseuren im vergangenen Jahr in der gesamten Nordoberpfalz gerade noch 15 neue Ausbildungsverträge, davor wenigstens noch 22. Bäcker wollten nur noch 18 Jugendliche werden, kurz zuvor waren es 28. Innerhalb von 5 Jahren sank die Zahl der Ausbildungsverträge bei den Metallbauern von 43 auf jetzt noch 18, rechnet Neubauer-Kreutzer vor. Und sie stellte fest: „Betriebe, die seit vielen Jahren keinerlei Probleme bei der Bewerbergewinnung hatten, haben heuer keinen einzigen Bewerber.“

Dabei ist der Bewerberrückgang keineswegs nur auf das Handwerk konzentriert. Ralf Kohl, Bereichsleiter Berufsbildung bei der IHK Regensburg, beklagte kürzlich: „Der Bewerberrückgang ist nicht ganz nachvollziehbar“ und „Schulabgänger tauchen einfach unter“. Insgesamt 3542 neue Ausbildungsverträge verzeichnete die IHK Regensburg für Oberpfalz/Kelheim zum 1. September – das entspricht einem Minus von 18,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Nur unwesentlich besser mit minus 14,8 Prozent schnitt die nördliche Oberpfalz bei den IHK-Berufen ab.

Viele gemeldete Ausbildungsstellen

Dass sich dieser Trend auch im laufenden Jahr fortsetzt, belegt die Statistik über den Ausbildungsstellenmarkt der Arbeitsagentur Weiden. Während das Ausbildungsplatzangebot in Form der gemeldeten Ausbildungsstellen auf hohem Niveau in der Nordoberpfalz mit 2100 annähernd stagniert, sinken Jahr für Jahr die Bewerberzahlen weiter nach unten.

Ende Mai dieses Jahres waren in der gesamten Nordoberpfalz noch knapp über 1000 Bewerber bei der Berufsberatung der Arbeitsagentur Weiden gemeldet, erneut ein Rückgang um über 130. Fünf Jahre zuvor waren es noch 500 mehr und die älteren Berufsberater erinnern sich noch an Zeiten wie zum Beispiel das Ausbildungsjahr 2006/07, in dem sie sich um 2900 Bewerber kümmern mussten.

Neue Kampagnen

Keinesfalls abfinden mit dieser Entwicklung will man sich beim Handwerk, bei der IHK und bei der Arbeitsagentur. Die SHK-Innung und die Europaberufsschule wollen durch Werbung „auf moderne Füße gestellte Werbung den Jugendlichen diesen modernen, technikgeprägten und anspruchsvollen Beruf näher bringen“. Auch durch zusätzliche Berufsorientierungstage, Ausbildungsmessen und Zusammenarbeit mit den Berufsberatern soll dies erreicht werden.

Auf neue Kampagnen setzt man bei der Handwerkskammer und bei der IHK. So startet zum Beispiel das Handwerk laut HWK-Geschäftsführer Alexander Stahl demnächst die Imagekampagne „Macher gesucht“, vorwiegend in den sozialen Medien. Weniger mit Fachinhalten, sondern „emotional die Eltern als Multiplikatoren erreichen“ will unter anderem IHK-Bereichsleiter Kohl mit der gemeinsam mit dem Handwerk durchgeführten Kampagne „Elternstolz“.

Und Ausbildungsscouts sollen weiterhin für die altersgemäße Ansprache der Jugendlichen sorgen. Die Berufsberatung der Arbeitsagentur Weiden ist, seitdem der Präsenzunterricht wieder begonnen hat, laut Teamleiterin Margot Salfetter „massiv dabei, sich um die Abschlussklassen zu kümmern“.

Wirtschaftsvertreter sehen die Entwicklungsfähigkeit der Nordoberpfalz in Gefahr

Weiden in der Oberpfalz
Kommentar:

Prämienzahlungen für Handwerker?

Der Kampf gegen den Bewerbermangel ist ein Kampf gegen Windmühlen. Gewonnen werden dürfte er kaum, trotz aller gut gemeinten Bemühungen der Kammern und der Arbeitsagentur. Corona hat den Trend auch noch verstärkt.

Demographisch bedingte rückläufige Schülerzahlen werden ergänzt durch immer mehr Übertritte auf weiterführende Schulen mit dem Ziel, ein Studium zu beginnen. Der Denkfehler dabei ist, dass die Zahl der Akademikerarbeitsplätze immer niedriger als die Zahl der Studierenden bleiben wird. Und dann landen viele nach Umwegen und Problemzeiten doch auf der Ebene, die sie auch mit einer betrieblichen Berufsausbildung hätten erreichen können. Aber wer kann es Eltern und Schülern vorwerfen, die Akademikerkarriere nicht wenigstens zu versuchen? Große Probleme entstehen allerdings beim Facharbeiternachwuchs. Und der Ruhestandseintritt der Baby-Boomer-Jahrgänge steht unmittelbar bevor.

Der Markt wird das Problem nur sehr langfristig richten können, zum Beispiel durch Spitzenverdienste im Handwerk. Vielleicht müssen Handwerker eines Tages wie Spitzenfußballer bezahlt werden.

Siegfried Bühner

Solche Bilder einer Freisprechungsfeier im Handwerk der Nordoberpfalz wie noch vor drei Jahren werden wohl in Zukunft kaum mehr möglich werden

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.