04.09.2019 - 15:23 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Bürger in Weiden sehen rot: Fußgängerampel sorgt für Verwirrung

Seit einer Woche ist die Umgestaltung von Sedan- und Dr.-Pfleger-Straße abgeschlossen. Doch bei vielen Bürgern sorgt das neue Konzept für Verwirrung – und Ärger. Insbesondere die Fußgängerampel am Moulineaux-Platz führt zu Diskussionen.

Nur bei Grün: Viele Passanten erkennen die neue Drückfunktion der Fußgängerampel am Issy-les-Moulineaux-Platz nicht - und warten vergeblich auf ein Lichtsignal.
von Tobias Gräf Kontakt Profil

Seit August gibt es in Dr.-Pfleger- und Sedanstraße eine neue Verkehrsführung. Einerseits erhielt die Straße durch die Umgestaltung einen neuen Mittelstreifen, zudem wurde eine Fahrradspur aufgezeichnet. Andererseits ist seit einer Woche die Fußgängerampel am Issy-les-Moulineaux-Platz dunkel geschaltet. Als Bedarfsampel ist sie nur noch in Betrieb, wenn Passanten sie durch einen Drückbefehl aktivieren. Was viele nicht wissen: Die Straße darf auch ohne Lichtsignal überquert werden. Die Veränderungen haben das Ziel, den Verkehr langsamer, aber auch sicherer zu machen.

Genau dies scheint jedoch nicht zu funktionieren. Wer die Szenerie beobachtet, sieht Mütter mit Kinderwagen, die stehen bleiben und ungeduldig auf ein Lichtsignal warten – obwohl die Ampel ausgeschaltet ist. Eine Seniorengruppe betätigt den Drückschalter, obwohl sich kein einziges Fahrzeug nähert und auch ohne Ampel ein Übertritt erlaubt wäre. Mehrere Jugendliche wiederum laufen trotz Rot über die Straße.

Nach einer halben Stunde Beobachtung ist klar: Das neue Funktionsprinzip der Ampel scheint von den meisten Passanten nicht verstanden zu werden. So sagt Sandra Ernstberger: "Ich hatte keine Ahnung, dass die Ampel ausgeschaltet ist." Gemeinsam mit ihrem Kind und einer Freundin steht die 23-Jährige an der Kreuzung und wartet vergeblich auf ein Lichtsignal. "Ich finde die Situation total schrecklich. Du stehst hier wie eine Blöde und weißt nicht, was los ist. Das ist wirklich gefährlich, vor allem für Kinder."

Sorgt für Diskussionen: Die Bedarfsampel am Issy-les-Moulineaux-Platz funktioniert nur, wenn sie per Drückschalter aktiviert wird. Ein Queren der Straße ohne Lichtzeichen ist jederzeit erlaubt.

Vermutung Stromausfall

Die Weidenerin vermutet einen technischen Defekt oder eine "Stromsparmaßnahme der Stadt" hinter der inaktiven Ampel. Diese dauerhaft in Betrieb zu nehmen, sei "natürlich wichtig bei den ganzen Autos und Bussen, die hier durchfahren. Da will man eine Fußgängerzone machen, und dann geht nicht mal die Ampel", echauffiert sie sich.

Ähnlicher Meinung ist auch Ilse Feneis: "Ich finde die neue Situation ganz greislich. Man kann nirgendwo mehr parken, der Fahrradstreifen gehört sich weg." Die 80-Jährige ist auf eine Gehilfe angewiesen und wünscht sich Parkplätze zum Ein- und Aussteigen. Dass genau dies kurzzeitig auf dem Fahrradstreifen explizit erlaubt ist, ist ihr jedoch nicht bewusst. "Das weiß doch niemand." Auch die neuerdings dunkel geschaltete Ampel bemängelt die Seniorin: "Ich kenne mich wirklich nicht mehr aus."

Auslaufendes Wasser in den Blumenkästen auf den Mittelstreifen in der Dr.-Pfleger- und Sedanstraße sieht einer Bürgerin zufolge aus "als hätten Elefanten auf die Straße geschifft".

Unbekannter Drückschalter

Für Verwirrung sorgt die vermeintlich nicht funktionsfähige Ampel auch bei auswärtigen Touristen. "Mit eingeschalteter Ampel wäre es deutlich besser. Man steht an der Straße und wartet vergeblich auf ein Signal. Dass man extra drücken muss, das weiß man wirklich nicht, weil es keine Hinweise gibt", antwortet ein Familienvater aus Köln, als wir ihm die Situation erklären.

Ebenfalls an einen Stromausfall denkt Sabine Hargrove: "Wenn ich weiß, dass man drücken muss, ist es ja gut. Nur, das checkt man nicht", bemängelt die 54-jährige Weidenerin fehlende Hinweise auf den Drückschalter an der Ampel. "Ich persönlich kann auch ohne Grünzeichen über die Straße gehen, aber gerade für Ältere mit Rollator ist das gefährlich."

Im Video erklären wir, was es mit der Bedarsampel am Issy-les-Moulineaux-Platz auf sich hat.

Mehr Rücksicht gefordert

Mehr Hinweise auf die Drückfunktion der Bedarfsampel fordert auch der Inhaber eines Geschäfts in der Leibnizstraße, der anonym bleiben möchte: "Man müsste mehr Aufklärungsarbeit leisten, eventuell Schilder aufstellen." Zudem kritisiert der Geschäftsmann fehlende Rücksicht aller Verkehrsteilnehmer. "Als Fußgänger kann ich doch ein Auto einfach schnell durchfahren lassen. Man muss nicht immer gleich die Ampel drücken und den Verkehr aufhalten. Umgekehrt können Autofahrer einfach mal einen Passanten drüber lassen." Eine Ampellösung sei wegen der langen Verzögerung "immer das Schlechteste", findet er.

Sogar die am Mittelstreifen aufgestellten Blumenkästen stoßen manchem sauer auf. Während eines kurzen Stopps kritisiert eine Taxifahrerin auslaufendes Wasser aus den Trögen: "Wenn die gegossen werden, sieht das aus, als hätten Elefanten auf die Straße geschifft."

Stadt will beobachten

Auf Nachfrage von Oberpfalz-Medien äußert sich Baudezernent Oliver Seidel zur Situation am Moulineaux-Platz. Die Fußgängerampel ist dem städtischen Beamten zufolge "eigentlich gar nicht nötig. Sie dient nur dem Komfort und der Sicherheit der Bürger sowie jenen, die sich mit dem neuen Mittelstreifen als Querungshilfe noch nicht angefreundet haben."

Rückmeldungen lägen der Stadt noch nicht vor. Man werde die Situation in den nächsten beiden Jahren beobachten und "gesammelte Erfahrungen in weitere Überlegungen einfließen lassen". Seidl beruhigt und sagt: "Jetzt schauen wir mal, wie es sich entwickelt. Sollte eine Nachjustierung erforderlich werden, dann kann man ja darüber nachdenken."

Kommentar:

Warten auf Erleuchtung

"Ist die kaputt?", "Ich glaub´, es ist schon wieder Stromausfall", "Oh man, dauert das lange. Warum gibt es denn da kein Signal?" Das waren die Reaktionen von Passanten, die ich aufschnappte, als ich mich am Dienstagvormittag an der Kreuzung von Wörth- und Sedanstraße in Stellung brachte. Ziel war, mir einen persönlichen Eindruck davon zu verschaffen, wie die neue Ampelschaltung an der Fußgängerzone bei den Menschen ankommt. Fazit meiner Beobachtungen: Schlecht bis gar nicht. Innerhalb kürzester Zeit viel auf, dass offenbar nur die wenigsten erkennen, dass es sich um eine Bedarfsampel handelt. Sprich: Die Ampel ist immer grau, also ausgeschaltet. Nur, wer auf Nummer Sicher gehen möchte, drückt den Ampelschalter. Dann springt das Signalgerät an. Eigentlich könnte man ja meinen, die Bedienung einer Fußgängerampel sei nicht allzu schwer. Doch darum geht es nicht. Die allermeisten Bürger schlendern gedankenverloren aus der Innenstadt heraus auf die Kreuzung zu. Manche schauen auf´s Smartphone, andere kämpfen mit ihren Einkaufstüten, unterhalten sich rege oder versuchen, die Kinder im Zaum zu halten. Gedanken wegen der Ampel verschwendet keiner – bis sie dann vor einem grauen Gerät stehen, und sich wundern. Vermutlich hat Baudezernent Oliver Seidl recht, wenn er Geduld anmahnt: Es handle sich um eine Neuerung, da gehöre ein gewisser Gewöhnungseffekt hinzu. Das Problem dabei: Viele stören sich an dem grundsätzlichen Umstand, dass die Fußgängerzone durch eine stark befahrene Straße zerschnitten wird. Da helfen dann weder eine Ampel noch zusätzliche Hinweise auf deren Drückfunktion, sondern nur ein neues, autofreies Gesamtkonzept für die Innenstadt, wie es andere Städte erfolgreich vormachen.

Tobias Gräf

Bedarfsampel Sedanstraße:

So funktioniert´s

Seit Ende August ist die Fußgängerampel an der Sedanstraße dunkel geschaltet. Dies ist kein Defekt, sondern Absicht. Eine Querung der Dr.-Pfleger- und Sedanstraße für Passanten ist auf der ganzen Straßenlänge möglich – entweder über den elfenbeinfarbenen Mittelstreifen, der als Querungshilfe dient, oder im Bereich der Ampel. Die Straße darf auch bei ausgeschalteter Ampel überquert werden. Dies ist ausdrücklich erwünscht. Wer sich mit Ampel sicherer fühlt, darf diese jedoch nach wie vor per Betätigung des Drückschalters aktivieren.

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Kommentare

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Dirk Jungermann

Die Verwirrung von der hier berichtet wird, hat mir gestern Abend 1:1 eine Person geschildert, die gestern zum ersten Mal diese neue Regelung kennengelernt hat.

Die Reaktionen der Menschen sind nur all zu menschlich und haben nichts damit zu tun, dass die Menschen das Denken verlernen. Die Stärken des menschlichen Gehirns in der Mustererkennung stellen uns bei solchen Veränderungen erst einmal ein Bein.

Natürlich kann es Sinn ergeben mal vollkommen neue Weg zu gehen. In diesem Fall, weil es die Ampel, wenn keine Autos kommen nicht braucht. Soweit so gut.

Vergleichen wir es mit einer Software, so ist dass als wenn man bei Microsoft Windows am Desktop plötzlich des Start-Button nicht mehr findet. Einen Button den man vorher 15 Jahre lang benutzt hat, egal an welchem Rechner man sich eingeloggt hat und welche Version des Betriebssystems (der Ampel) man vor sich hat. Ist der Button weg, ist man als Benutzer erst einmal "überfordert".

Mit der Bedienung dieser Ampel ist es nicht anders. Die Menschen sind die Konvention gewohnt, dass die Ampel rot und grün anzeigt. Wenn man mit Konventionen bricht und dadurch die Regeln für die Nutzung dieses Übergangs und der Ampel ändert braucht man sich über das Feedback der Menschen also nicht zu wundern.

Die Sache zu beobachten ist gut, nur sollte man nun schnellstmöglich Aufklärungsarbeit für die Menschen leisten und vor allem darüber nachdenken diesen Bruch der Konvention rückgängig zu machen, wenn es nicht funktioniert. Schauen sie mal ins aktuelle Microsoft Betriebssystem: Der Button heißt zwar nicht mehr "Start", ist aber wieder da ;)

06.09.2019
Tho mas

Wieviele Ampeln werden nachts abgeschaltet? Kennen sich die Menschen dann auch nicht mehr aus? Oder ist es nur einmal der Beweis, dass wir alle das denken verlernt haben, weil in Deutschland ja alles bis ins kleinste Detail geregelt sein muss und eine Abweichung von der Norm alle überfordert?

05.09.2019
Oliver Meier

Also, wenn ich so manche Aussagen hier lese, frage ich mich schon, wie diese Personen in anderen Bereichen des täglichen Lebens überlebensfähig sind. Muss man denn überall hinschreiben, wie irgendwas funktioniert?

Und ein "Das weiß doch niemand" aus dem Mund einer Autofahrerin, die damit zeigt, wie wenig sie die Verkehrsregeln beherrscht, ist schon sehr bedenklich. Was weiß sie denn noch alles nicht?

05.09.2019