21.10.2019 - 16:02 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Bürgermeister aus Weiden, Issy und Macerata planen Austausch im großen Stil

Schüler und Sportler aus Issy-les-Moulineaux, Macerata und Weiden besuchen sich seit langem gegenseitig. Den Bürgermeistern dieser Städte ist das nicht genug. Sie wollen den europäischen Austausch kräftig ausweiten.

Die Weidener Delegation gibt Rückendeckung für OB Kurt Seggewiß (vorne, Mitte), der für die Weiterentwicklung der Städtepartnerschaften seine Kollegen aus Macerata und Issy herzt. Das Programm zum Treffen in Frankreich hatten von deutscher Seite Sebastian Schott (Zweiter von rechts) und Cathrin Kube (Sechste von rechts) vom Kulturamt vorbereitet.
von Friedrich Peterhans Kontakt Profil

"Wir einigen keine Staaten, wir bringen Menschen einander näher." Diese Worte fallen 1952. Jean Monnet, der Urvater des vereinten Europa, hat sie gesagt. Er ahnte nicht, dass zehn Jahre später in seinem Sinne die Bürgermeister Bonaventure Leca und Hans Schelter eine Partnerschaft zwischen Issy und Weiden begründen, die seit 67 Jahren diesen Satz mit Leben erfüllt.

So gesehen ist es fast ein Gedenkakt, dass eine Delegation aus Weiden beim Besuch der französischen Partnerstadt einen Abstecher ins 43 Kilometer entfernte Bazoches-sur-Guyonne macht, wo das Europäische Parlament eine Außenstelle im früheren Anwesen von Jean Monnet betreibt. Dort wurde bei Zigarren und Cognac - Monnet handelte mit der Spirituose - in den 60er und 70er Jahren Weltpolitik betrieben. Das bezeugen Fotos von Staatschefs und Ministern in Vitrinen und an Wänden.

Dass Männer wie Monnet heute Mangelware sind, machen Vortrag und Führung durch sein Haus deutlich. Aber auch, dass die Welt sehr kompliziert geworden ist und Visionen nicht leicht zu Taten werden. Also sind kleine Schritte gefragt. Über die zerbrechen sich im Zuge des EU-Programms "Europa für die Bürgerinnen und Bürger" die Bürgermeister Alain Levý (Issy), Kurt Seggewiß (Weiden) und Vize-Rathauschefin Paola Casoni (Macerata) die Köpfe.

Gesucht: Ansprechpartner

Was dabei durchklingt: Alle drei Städte hatten vor ein paar Jahren schon mal größere Budgetprobleme. Heute können sie eher an Nägel mit Köpfen denken. Ein solcher Nagel ist die berufliche Orientierung. Casoni berichtet, dass jeder italienische Schüler vor einem Abschluss ein dreimonatiges Betriebspraktikum leisten muss. "Warum sollen wir das nicht auf internationaler Ebene machen?"

Bei Seggewiß steht die Tür, durch die sie damit rennt, weit offen. Es müssen nicht gleich drei Monate werden, doch in den Bereichen Metall, Elektro oder Pflege- und soziale Berufe könnte dies zu stemmen sein. "Aber wir dürfen nicht nur darüber reden, sondern konkret werden", mahnt der OB. Also versprechen alle drei Bürgermeister, sich bis in zwei Wochen Namen und Nummern von Kontaktpersonen in ihren Städten zu schicken. Die sollen die Sache in die Hand nehmen.

Auch Beamte oder Verwaltungsangestellte könnten künftig mal einige Wochen den Partnern bei der Arbeit über die Schulter schauen. "Das muss sogar ohne Förderprogramme im Haushalt drin sein", wünscht sich Seggewiß. Die Probleme liegen im Detail, erklärt Alain Levý. Da ist etwa die Frage der Unterkunft. Um solche Einzelheiten sollen sich nun Koordinatoren kümmern.

Hoffnungsvoll stimmen bereits die Prototypen solcher Austausche. Augustinus-Abiturientin Barbara Schmucker, die seit sechs Wochen in Frankreich volontiert, schwärmt vom "tollen Team" im Rathaus von Issy. Ihr Vorgänger Philipp Franz, der acht Monate dort verbracht hat, würde seinen Studienort Regensburg am liebsten morgen wieder gegen Issy und Paris eintauschen, Und Mathilde Barbotin aus Issy, die seit einigen Wochen im hiesigen Kulturamt Erfahrungen sammelt, findet Weiden richtig schön, auch wenn ihre Unterkunft in Almesbach etwas arg ab vom Schuss liegt.

Wie gut es eine Ebene darunter schon klappt, macht das Rahmenprogramm des Bürger-Europa deutlich. Beim gemeinsamen Buffet im Sportpalast von Issy schwärmen Mitglieder des Kulturvereins "Pro Loco" aus Macerata vom "pasticcio di formaggio", vulgo Obatzter, aus Weiden. Die Oberpfälzer lassen sich umgekehrt Tartines und Quiche aus Frankreich sowie weiche italienische Salami namens Ciaiuscolo schmecken.

Tapfere Chorleiterin

Fast noch besser als durch den Magen geht Europa durch Augen und Ohren. Beim kulturellen Teil am Samstagabend erntet eine neunköpfige Auswahl des Frauenchors "Kuhl Voices" begeisterten Applaus für modern und ironisch interpretierte Volkslieder wie "Ein Männlein steht im Walde". Die Dirndl der Sängerinnen und die Tracht der Macerateser Tanzgruppe "Li Pistacoppi" bilden dabei einen witzigen Kontrast zu den coolen Improvisationen eines französischen Jazz-Trios.

Gäbe es eine Tapferkeitsmedaille für Städtepartnerschaften, hätte sie am Wochenende Elvira Kuhl verdient. Die Chorleiterin raffte sich trotz schwerer Erkältung und leichtem Fieber auf, mitzukommen, obwohl ihr zusätzlich eine zwölfstündige Busfahrt drohte. Beim Auftritt ist ihr am Klavier indes kaum etwas anzumerken. Dieser Einsatz hätte wahrscheinlich auch den europäischen Gründervätern gefallen. Jean Monnet formulierte es in der berühmten Schuman-Erklärung einst so: "Der Friede der Welt kann nicht gewahrt werden ohne schöpferische Anstrengungen."

Dirndl-Power für Europa: Die Kuhl Voices singen Vogelhochzeit und Freddie Mercury.
Neue und alte Köpfe:

Das EU-Programm "Europa der Bürgerinnen und Bürger" darf nicht an Köpfen und Parteizugehörigkeiten in Rathäusern gebunden sein,. Diesen Satz beschwören Vertreter aus Macerata, Issy und Weiden am Wochenende mehrmals. Aus gutem Grund: In all ihren drei Ländern stehen 2020 Kommunalwahlen an, die neue Akteure in die Partnerschaften einbringen. Kurt Seggewiß hört in Weiden auf, sein Kollege Romano Carancini in Macerata. Halb Frankreich rätselt dagegen, wie es in Issy-les-Moulineaux weitergeht. Bürgermeister André Santini, der seit 1980 amtiert, feierte am Sonntag 79. Geburtstag. Eine Kandidatur für weitere sechs Jahre hält er sich laut der Online-Zeitung actu.fr offen. (phs)

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