03.08.2018 - 16:56 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Chance vertan

Diesen Fahrschein haben die Studenten in Weiden und Amberg nicht gelöst. Nicht nur wegen des Scheiterns des Semestertickets sind Wolfgang Wies und Alfred Meller, die Sprecher der Tarifgemeinschaft Oberpfalz Nord (TON), enttäuscht.

Enttäuscht über die Kritik der Studenten am Semesterticket sind (von links) Reinhard Bauer, Wolfgang Wies und Alfred Meller.
von Josef-Johann Wieder Kontakt Profil

(wd) "Wir haben lange verhandelt, hätten im Sinne der Sache finanzielle Opfer gebracht und wären sogar finanzielle Risiken eingegangen. Und jetzt werden wir in die Ecke gestellt, als würden wir den Hals nicht voll kriegen und versuchen, die Studenten abzuzocken", äußert Wies, der Betreiber des ÖPNV in Weiden seinen Unmut. Mit Alfred Meller nimmt er erstmals offiziell Stellung zum "solidarisch finanzierten Semesterticket".

Kritik überwog

Die Studenten der HAW haben sich im Juli bei einer Online-Abstimmung mehrheitlich gegen die Einführung eines Semestertickets ausgesprochen. "Die ausführliche Berichterstattung in den Oberpfalz-Medien dazu fand ein breites Echo im O-netz, wobei die Ansicht, das Ticket sei zu teuer und viele Busverbindungen nicht passend, überwog", stellt Wies für die Tarifgemeinschaft TON (Tarif "Oberpfalz Nord") fest. Der Wunsch zur Einführung eines Semestertickets sei aus den studentischen Gremien gekommen. Das Studentenwerk Oberfranken habe diese Bitte aufgenommen, mit den Schienen- und Straßenverkehrsunternehmen die Verhandlungen geführt und hätte dann auch die Abrechnung übernommen.

Beim Semesterticket handelt es sich um ein Solidarmodell. "Alle Studierenden zahlen pro Semester einen einheitlichen Preis, unabhängig von Wohn- und Studienort, Verkehrsmittelwahl und Nutzungshäufigkeit", erläutert Meller. Die beteiligten Verkehrsunternehmen hätten die Einnahmen nach einem vorher vereinbarten Schlüssel verteilt.

Für 84 Euro

Das Semesterticket sollte 84 Euro kosten. Gültigkeit 6 Monate, also 14 Euro pro Monat und hätte gegolten: auf allen Schienenstrecken in den Landkreisen Schwandorf, Neustadt und Amberg-Sulzbach (mit Ausnahme von reinen VGN-Verbindungen), auf allen Buslinien in den Landkreisen Schwandorf, Neustadt und Tirschenreuth sowie in den Stadtverkehren Weiden, Amberg und Schwandorf.

"Insgesamt handelt es sich dabei um 138 Buslinien, die von 30 Verkehrsunternehmen betrieben und auf denen jährlich 11,5 (!) Millionen Kilometer Verkehrsleistung erbracht werden", ergänzt Alfred Meller

Trotz der hohen Busverkehrsleistung, die das des Schienenangebot bei weitem übertrifft, hätten die Busunternehmen nur rund 53.5 Prozent des Erlöses, also 45 Euro erhalten.

"Es war nicht möglich, Regensburg und Nürnberg mit einzubeziehen, da dies das Ticket auf deutlich mehr als 110 Euro verteuert hätte und ein solcher Preis von der staatlichen Aufsichtsbehörde (der Ticketpreis muss genehmigt werden) abgelehnt worden wäre. Es hätte sich zudem vor allem um den Freizeitverkehr einzelner gehandelt, sagt Meller zur Kritik von Studenten, dass sie die beiden Zentren mit den Semesterticket nicht erreicht hätten.

Risiken eingegangen

Die Mitgliedsunternehmen des TON-Tarifes waren sich darüber im Klaren, dass für das Gros der Unternehmen mit der Einführung des Semestertickets wirtschaftliche Risiken verbunden waren, unterstreicht Wolfgang Wies. In Einzelfällen wäre (vor allem in den Stadtverkehren) der Einsatz von Zusatzbussen nötig geworden, das bestehende Liniennetz hätte zudem je nach studentischer Nachfrage ergänzt werden müssen. "Wir sahen aber die Chance, in der Oberpfalz ein deutliches Signal pro ÖPNV zu setzen und einen wichtigen Beitrag für die gesellschaftlich und politisch propagierte Verkehrswende zu leisten", ergänzt Alfred Meller.

"Wir haben natürlich schon heute ein Semesterticket", unterstreicht Reinhard Bauer, Assistent der Geschäftsleitung bei "Wies Faszinatour". Gerade der Vergleich verdeutliche die Attraktivität des "Solidarmodells" mit seinen 84 Euro: Das bisherige Ticket etwa kostet für die Fahrten von Vohenstrauß nach Weiden 303,40 Euro, von Neustadt/WN nach Weiden 205 Euro und von Oberviechtach nach Weiden 459 Euro.

Semesterticket für 14 Euro pro Monat ausgeschlagen:

Bus und Bahn noch nicht in den Köpfen angekommen

Die geringe Beteiligung an der Online-Abstimmung und das Ergebnis seien auch ein Beleg dafür, dass Öffentlicher Personen- und Schienenpersonennahverkehr (ÖPNV und SPNV) heute zwar in den Medien und in der Regional- und Lokalpolitik prominent vertreten, aber meist mental noch nicht angekommen sind, folgern Wolfgang Wies und Alfred Meller. "Hätten sich die Studierenden, die heute schon gute SPNV- und ÖPNV-Verbindungen in der Oberpfalz nutzen könnten, für die Einführung des Semestertickets ausgesprochen, die Abstimmung wäre sicher anders ausgegangen und diese Studenten könnten für nur 14 Euro im Monat eine Vielzahl von Verbindungen nutzen."

Traurig stimme auch, dass in Onetz-Kommentaren den Busunternehmen unter anderem vorgeworfen werde, schlechte Verlierer zu sein, weil erhoffte Einnahmen von mehr als 580 000 Euro nun nicht realisiert werden können. "Festzuhalten ist, bis heute haben sich die Unternehmen der Tarifgemeinschaft Oberpfalz Nord in der Öffentlichkeit noch gar nicht geäußert. Warum sollten wir schlechte Verlierer sein?", fragt Wies.

Nach Abzug der Mehrwertsteuer wären nicht einmal 295 000 Euro für die Finanzierung zusätzlicher Angebote und den Ausgleich von Tarifverlusten für bisher bereits zu den regulären Tarifen verkauften Fahrausweise (die ja dann weggefallen wären) zur Verfügung gestanden.

"Wir bitten deshalb um eine Versachlichung der Diskussion und stehen auch weiterhin für Verbesserung des ÖPNV in der Oberpfalz gerne zur Verfügung", betonen Wies und Meller. (wd)

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