02.06.2021 - 16:35 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Corona-Impfung für Kinder: "Die meisten Eltern sind nicht in Abwehrhaltung"

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Kinder und Jugendliche ab 12 Jahren dürfen seit Montag mit dem Impfstoff von Biontech/Pfizer gegen Covid-19 geimpft werden. Wie hoch die Nachfrage ist, welche Fragen Eltern haben und wie drei Kinderärzte aus Weiden darauf reagieren.

Dr. Frank Scharnowski-Fischer aus Weiden, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin, hält eine Corona-Impfung für Kinder ab 12 Jahren für sinnvoll, plädiert aber dafür, die Impfungen in den jüngeren Altersgruppen mit Bedacht zu starten. In Weiden und dem Landkreis Neustadt/WN dürften laut Stadt und Landratsamt derzeit mehr als 7000 Menschen zwischen 12 und 17 Jahren leben.
von Sonja Kaute Kontakt Profil

Viele junge Patienten von Dr. Frank Scharnowski-Fischer haben Asthma, einige von ihnen sogar schwerwiegende Lungenerkrankungen. Die Nachfrage nach Impfungen gegen Covid-19 für sie und seine anderen jungen Patienten sei groß, berichtet der Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin, Kinderpneumologie und Neonatologie in Weiden. In der Gemeinschaftspraxis fragten Eltern täglich nach Corona-Impfungen. Dass sich die Europäische Arzneimittel-Agentur EMA für eine Zulassung des Corona-Impfstoffs von Biontech/Pfizer für 12- bis 15-Jährige ausgesprochen hat, es von der Ständigen Impfkommission (Stiko) aber keine generelle Impfempfehlung gibt, erhöhe den Beratungsbedarf.

Für 12- bis 15-Jährige gebe es in der Weidener Praxis bereits eine Warteliste. „Wir haben schon angefangen, ab 16-Jährige zu impfen und wollen demnächst nach individueller Beratung auch ab 12 Jahren impfen“, kündigt der Vater zweier Kinder im Grundschulalter an. Er glaube, dass der zugelassene Impfstoff gut sei und auch für Jüngere Sinn mache. Zur Eile rät er jedoch nicht: „Kinder erkranken nur sehr selten schwer an Covid-19, das hat sich auch durch die Britische Variante des Coronavirus nicht geändert. Wir müssen deshalb nicht sofort alle Kinder ganz schnell impfen, um sie vor vermeintlich schweren Verläufen zu schützen. Besser wäre es sicherlich, in dieser Altersgruppe die Impfungen mit Bedacht zu starten. Interessant dürfte auch die Beobachtung der Impfverträglichkeit bei Kindern in den USA und in Kanada sein, wo die Zulassung für 12- bis 15-Jährige bereits kürzlich erfolgt ist.“

Der Weidener Arzt plädiert dafür, zu warten, bis es eine größere Datenbasis zu Impfungen jüngerer Kinder gibt. Das gelte auch für die noch kommende Frage der Impfungen von Unter-Zwölfjährigen. Für diese Altersgruppe seien Studien in Arbeit.

Wenige mit hohem Risiko

Der Mediziner schätzt, dass 50 bis 60 seiner jungen Patienten Covid-positiv waren. „Kein einziger davon ist schwer erkrankt, und es waren einige Asthmatiker dabei.“ Asthma oder Spastische Bronchitis sieht der Kinderarzt nicht als Risikofaktoren für einen schweren Verlauf der Infektion, eine gute Einstellung der Grunderkrankung vorausgesetzt. Es gebe jedoch Kinder und Jugendliche mit schweren Lungenerkrankungen, bei denen er ein erhöhtes Risiko für einen schweren Verlauf erwarten würde. „Diese Kinder muss man als erstes impfen, aber das sind glücklicherweise nur relativ wenige.“ Es werde erwartet, dass die Stiko eine Liste mit Erkrankungen erarbeitet, bei denen eine Impfung für Kinder als vordringlich empfohlen wird. Hier dürften dem Weidener Arzt zufolge beispielsweise Tumorerkrankungen, chronische Nierenerkrankungen und Erkrankungen aus dem Bereich der Kinderpsychiatrie eine Rolle spielen.

Statt zu diskutieren, ob junge Menschen schneller geimpft werden könnten, sollte man diskutieren, welche Regeln für Familien mit jüngeren, ungeimpften Kindern gelten, zum Beispiel in der Schule, bei Urlaubsreisen und beim Thema Schnelltests, so der Mediziner. „Es gibt zum Glück inzwischen Stimmen, die sagen, Kinder müssen anders behandelt werden. Nämlich wie geimpfte oder genesene Erwachsene. Der Standpunkt der Kinder wird aktuell nicht gut vertreten.“ Stellungnahmen kinderärztlicher Fachgesellschaften fänden in der Politik und in der öffentlichen Diskussion kein Gehör. Das häufig für eine Impfung junger Menschen genannte Argument „PIMS“ (Paediatric Inflammatory Multisystem Syndrome), damit sind Langzeit-Nachwirkungen einer Corona-Infektion gemeint, lässt Scharnowski-Fischer nicht gelten – zumindest nicht als Argument für eine besonders schnelle Einführung der Impfung bei jungen Kindern. „Es gibt circa 250 dokumentierte Fälle von PIMS in ganz Deutschland. Die Erkrankung kann durchaus schwer verlaufen, ist aber behandelbar.“

In 30 Jahren keine Impfschäden

Etwa 20 Kinder und Jugendliche zwischen 12 und 16 Jahren stehen in der Praxis von Barbara Herrmann auf der Warteliste für eine Corona-Impfung. In den meisten Fällen kämen diese aus Familien, in denen auch die Eltern impfwillig oder bereits geimpft sind. Bislang seien nur sechs Dosen Biontech in ihrer Praxis in Weiden an 16- bis 18-Jährige mit Vorerkrankungen verimpft worden. Aber der Mehraufwand durch Beratungsbedarf zu diesem Thema sei hoch.

„Die Fragen kommen fast bei jeder Vorsorgeuntersuchung, von stillenden Müttern und Eltern größerer Kinder“, sagt die Kinderärztin. Dabei gehe es meist darum, ob ein Kind oder Jugendlicher überhaupt geimpft werden sollte, um die Verträglichkeit des Impfstoffs, die Wirkung von mRNA-Impfstoffen und um Langzeit-Nebenwirkungen. Dennoch gebe es keine allzu große Unsicherheit: „Viele Eltern haben sich schon selbst mit dem Thema beschäftigt.“

Die Fachärztin, die sich auch im Impfzentrum engagiert, hat keine Bedenken zu schwerwiegenden Nebenwirkungen bei Kindern und Teenagern: „Ich habe in meiner über 30-jährigen Laufbahn noch keine Impfschäden gesehen.“ Sollte die Stiko doch noch eine Empfehlung für die Impfung ab 12 Jahren aussprechen, würde sie diese an die Eltern weitergeben. Die Entscheidung liege jedoch so oder so bei ihnen. „Ich denke, wir werden dieses Virus nicht mehr loswerden. Wer sich nicht impfen lässt, wird früher oder später eine Infektion durchmachen.“ Bei jungen Menschen seien die Verläufe aber bis auf wenige Ausnahmen überwiegend harmlos.

Eltern nicht in Abwehrhaltung

„Die meisten Eltern sind relativ offen und nicht in Abwehrhaltung.“ Diese Erfahrung macht Kinderärztin Dr. Claudia Lauterbach aus Weiden. Sie stellt wie ihre Kollegen einen erhöhten Beratungsbedarf fest. Fragen zu beantworten sei nicht ganz einfach, Vorbehalte habe sie aber nicht.

„Der Impfstoff von Biontech ist sehr sicher und hat eine super Wirksamkeit. Ich hätte keine Bedenken, ihn meinem 13-jährigen Sohn zu geben.“ Es sei letztendlich aber eine Gewissensfrage, und sie habe auch keine Probleme mit Eltern, die strikt gegen eine Impfung ihrer Kinder sind.

Sie empfehle die Impfung auf jeden Fall bei Erwachsenen und bei jungen Menschen mit Vorerkrankungen wie Mukoviszidose, Herzfehlern, fehlender Milz, mit Mehrfach-Behinderungen oder bei immun-supprimierten Kindern. Solche Patienten habe sie schon ans Impfzentrum verwiesen, denn in ihrer Praxis habe sie noch nicht impfen können. „Wir haben vergeblich versucht, Impfstoff zu kriegen“, erklärt sie.

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Hintergrund:

Impfungen gegen Covid-19 bei Kindern und Jugendlichen

  • Zulassung Biontech/Pfizer: Seit Montag, 31. Mai, ist der Impfstoff von Biontech/Pfizer in der EU für Kinder und Jugendliche ab 12 Jahren (zuvor: ab 16 Jahren) zugelassen. Die Europäische Arzneimittel-Agentur EMA hatte die Zulassung für die jüngere Altersgruppe in der vergangenen Woche empfohlen.
  • Andere Corona-Impfstoffe: In der EU bisher nur für Erwachsene zugelassen.
  • Impfstart: Bund und Länder einigten sich auf einen Impfstart bei Kindern ab 12 Jahren ab dem 7. Juni.
  • Haltung der Stiko: Die Ständige Impfkommission (Stiko), deren Einschätzungen in Deutschland als medizinischer Standard gelten, hat bisher keine Empfehlung für eine Impfung ab 12 Jahren ausgesprochen und wird dies voraussichtlich auch vorerst nicht tun. Als Begründung wird die bislang geringe Datenmenge zu Impfungen Jüngerer angegeben. Erwartet wird jedoch eine Empfehlung für vorerkrankte Kinder.

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