19.06.2020 - 17:46 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Coronakrise und Jugendamt Weiden: Sorge um das Kindeswohl

Wer am meisten unter der Corona-Pandemie samt Schutzmaßnahmen leidet? Die Kinder, meint die Fraktion Grün-Bunt-Weiden und will "dem gefährdeten und benachteiligten Nachwuchs in Weiden" helfen. Die Stadt beschwichtigt.

Ein Stoffteddy sitzt im Kinderbereich eines Frauenhauses. Das Frauenhaus des Diakonischen Werks Weiden ist nach der Lockerung der Ausgangsbeschränkungen voll belegt.
von Simone Baumgärtner Kontakt Profil

Die verfügten Ausgangsbeschränkungen, die geschlossenen Kitas und Schulen: Damit brechen Schutz- und Kontrollmechanismen für Kinder weg, argumentiert die Fraktion Grün-Bunt-Weiden in einem Antrag zur Stadtratssitzung. Deshalb müsse das städtische Jugendamt verstärkt eingreifen. Alles halb so wild: So jedenfalls klingt die Stellungnahme des Amts zum Antrag der Fraktion unter der Überschrift "Kinderschutz in Zeiten von Covid 19".

Der Stadtrat soll am Montag, 22. Juni, darüber beraten. So wird etwa die Anschaffung digitaler Endgeräte für Kinder im Home-Schooling sowie mehr Einsatz des Oberbürgermeisters im Kampf um eine niedrigschwelliges und großzügiges Betreuungsangebot gefordert. Vor allem das Jugendamt brauche mehr Personal und Geld. Zudem müsste Frauen mit Kindern, die häuslicher Gewalt ausgesetzt sind, in der Coronazeit verstärkt geholfen werden.

Jugendamt: "In absoluten Krisensituationen persönliche Gespräche möglich"

Genau das ist passiert. Heißt es doch im Vorlagebericht des Jugendamtes in dieser Angelegenheit: "Kindeswohlgefährungsmeldungen wurden professionell bearbeitet." Und zwar abwechselnd durch je sechs Fachkräfte in Teleheimarbeit und im Amt. Wobei ein Bereitschaftsdienst des allgemeinen Sozialdienstes im Amt für soziale Dienste die Erreichbarkeit bei Kindeswohlgefährdung oder Inobhutnahmen 24 Stunden am Tag gewährleistete. Die sonstige telefonische Beratung habe im Vordergrund gestanden. "Der Parteiverkehr und Hausbesuche wurden eingestellt." Es sei aber ein Schutzkonzept für Hausbesuche erstellt worden. "In absoluten Krisensituationen waren persönliche Gespräche möglich."

Hauptanliegen: Umgangsregelungen

Doch was trieb die Menschen in Weiden in der Coronakrise vornehmlich um? Das Jugendamt nennt vor allem die Regelung der Umgangskontakte. Auch Beschäftigungsmöglichkeiten für Kinder waren gefragt. Oft wollten Erziehungsberechtigte auch wissen, wie sie die Anforderungen im Home-Schooling leisten sollen. Ängste und Sorgen seien aber auch bei der Aufklärung rund um das Coronavirus deutlich geworden.

Jugendamt: Kinder in Coronakrise nicht stärker gefährdet

Schließlich habe die Zuweisung von Kindern in die Notbetreuung von Kindergarten und Schule der belastenden Familien zur Entlastung der familiären Situation beigetragen. Grundsätzlich wird festgehalten: "Obwohl Ausgangsbeschränkungen verfügt waren, stieg die Anzahl der Meldungen von Kindswohlgefährdungen und der Inobhutnahmen im Stadtgebiet Weiden im Vergleich zu den Vorjahren nicht an." Dass dies kein abschließendes Urteil ist, verdeutlicht die Aussage des Jugendamts, dass derzeit noch keine Prognose abgegeben werden könne, ob und wie die Meldungen an Kindeswohlgefährdungen zunehmen oder der Bedarf an Jugendhilfemaßnahmen steigt, wenn wieder mehr Kinder die Kitas und Schulen besuchen dürfen. Dennoch brauche es nicht, wie von der Fraktion Grün-Bunt-Weiden gefordert, mehr Personal oder Geld fürs Jugendamt. Sei es doch zu wenig personellen Ausfällen gekommen, zugleich unterstützen zwei weitere Sozialpädagoginnen das Team des Allgemeinen Sozialdienstes. Bescheiden heißt es: "Weitere finanzielle Unterstützung erscheint derzeit nicht angezeigt."

Schutzort Notbetreuung

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Zuflucht für Frauen und Kinder nach häuslicher Gewalt

Auch die Sorge um Frauen, die mit ihren Kindern vor häuslicher Gewalt flüchten, scheint unbegründet. Das Amt für wirtschaftliche Hilfen im Sozialdezernat verweist hier aufs Frauenhaus, das das Diakonische Werk Weiden betriebt. Es würde die von Grün-Bunt-Weiden geforderte Zuflucht mit therapeutischer Versorgung "vollumfänglich erbringen". Gegenüber Oberpfalz-Medien widerspricht die Leiterin des Frauenhauses, Enikö Nagy. Sie sagt, eine therapeutische Versorgung wäre dringend notwendig, sie kann aber nicht geleistet werden. Der Grund ist: Eine Finanzierung dafür gibt es nicht, weil das Konzept für Frauenhäuser das deutschlandweit grundsätzlich nicht vorsieht. Deshalb wäre eine Zusammenarbeit mit Beratungsstellen mehr als wünschenswert. Sie lasse sich nur wegen der zeitlichen Überlastung dort kaum umsetzen. Genauso wie die Behandlung durch einen Traumatherapeuten: Die Existenz eines solchen in Weiden und der Region ist Nagy schlicht nicht bekannt. Dabei betont die Chefin des Frauenhauses: "Eine therapeutische Versorgung braucht jede Frau, die hierher kommt. Egal, ob sie sechs Wochen oder sechs Jahre Gewalt erfahren musste."

Der Zulauf zum Frauenhaus habe sich laut Sozialdezernat der Stadt während der strikten Ausgangsbeschränkungen verringert. Mittlerweile werde wieder verstärkt angefragt. Nur: "Aktuell ist das Frauenhaus komplett belegt." Zur Einordnung: Nagy überrascht das nicht. Deutschlandweit fehlen laut der Frauenhaus-Chefin "auch ohne Corona" 14.600 Schutzplätze. "Die Plätze sind auch ohne Pandemie leider grundsätzlich zu wenig." Die Frauen kämen aus dem näheren Umkreis innerhalb der Oberpfalz, eine gar aus einem anderen Bundesland. Letzteres ist nicht selten. Grundsätzlich gibt es laut Nagy für Frauen, die ein neues Leben anfangen müssen, eine deutschlandweit freie Frauenhauswahl.

Scheidungseltern und die Coronakrise

Weiden in der Oberpfalz

Home-Schooling: Technik und Geld für Schüler

Für die Schule daheim braucht es die nötige Technik und Daten-Verträge. Gerade benachteilige Schüler verfügten darüber nicht, meint die Fraktion. Weiden als Sachaufwandsträger solle deshalb etwa mit Geräten oder Zuschüssen zu Verträgen helfen. Notfalls könne das Kultusministerium weiterhelfen, meint Grün-Bunt-Weiden. Die Stadt zeigt sich offen, mehr aber ist noch nicht passiert. Heißt es doch im Sachstandsbericht: "Die Haupt- und Schulverwaltungsabteilung sich bereits mit der zeitgerechten Beantragung der Mittel und der Anschaffung der Endgeräte beschäftigt."

Betreuung für Kinder von überforderten Eltern?

Die Arbeit der Jugendämter in Großstädten

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Und der Oberbürgermeister im Speziellen ist für die Fraktion gefragt. Er solle sich im Auftrag des Stadtrats auf Landeseben dafür einsetzen, dass Eltern, die sich überfordert fühlen, ein großzügiges Angebot der Kinderbetreuung bekommen. Die Stadtverwaltung merkt dazu lediglich an, dass beim bayerischen und deutschen Städtetag der Ausbau von Betreuungsmöglichkeiten bereits behandelt werden. Hier wirke der Oberbürgermeister Weidens mit.

Info:

Anlaufstelle Frauenhaus

Mitarbeiter: Das Team des Frauenhauses besteht aus drei Sozialpädagoginnen, einer Kinderpflegerin, einer Hauswirtschafterin sowie 15 weiteren ehrenamtlichen Mitarbeitern.

Aufnahme: Aufgenommen wird in Notsituation zu jeder Tages- und Nachtzeit. Es gibt eine Rufbereitschaft. Zudem gibt es Büro- und Beratungszeiten bei hauptamtlichen Mitarbeiterinnen. Sie sind Montag bis Donnerstag von 8 bis 16.30 Uhr sowie am Freitag von 8 bis 12 Uhr.

Leistungspaket: Neben der Unterkunft bietet das Frauenhaus auch Beratungsleistungen an wie Krisenintervention, Soforthilfe, Begleitung zu Ämtern, Hilfe bei Anträgen, Beratung und Unterstützung bei Erziehungsproblemen, Hilfe bei Wohnungssuche, Umzug oder hauswirtschaftliche Beratung.

Zusatzangebot: Neben dem Frauenhaus bietet das Diakonische Werk Weiden eine proaktive Beratungsstelle für von häuslicher Gewalt betroffene Frauen an. Hier hilft eine Sozialpädagogin auf ausdrücklichen Wunsch der betroffenen Frauen und berät ambulant. Zudem gibt es beispielsweise Hilfe beim Verein Dornrose oder der Caritas.

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