Mehr als 30.000 Mal hatte Karl-Heinz Dietl im Laufe seines Berufslebens als Chirurg das Operationsbesteck in der Hand. Vor wenigen Tagen legte er es samt weißem Kittel für immer beiseite. Der langjährige Chefarzt am Klinikum Weiden und am Krankenhaus Tirschenreuth ist seit 1. Oktober im Ruhestand. „Es ist schon ein komisches Gefühl“, gesteht der 66-Jährige im Gespräch mit Oberpfalz-Medien. Bei seiner Verabschiedung, die er als "große Weihnachtsfeier" empfunden habe, habe es durchaus ein paar Tränen gegeben. "Aber erst hinterher ist mir bewusst geworden, dass Schluss ist", sagt Dietl.
Vom Leistenbruch bis zur Speiseröhrenoperation - es gibt kaum einen chirurgischen Eingriff, den Dietl nicht gemacht hat. Der versierte Operateur hat mitgezählt: "Es waren allein 1300 Transplantationen." Dabei wollte er zunächst in eine andere medizinische Richtung gehen. "Der Internist war für mich immer der König der Mediziner." Nach dem Examen 1984 in Erlangen entdeckte Dietl die Faszination für die Chirurgie und begann zunächst als Kinderchirurg.
Kostendruck 2006 spürbar
Er durchlief an der Uniklinik Münster, wo er 18 Jahre lang tätig war, unterschiedliche Abteilungen und leitete 6 Jahre lang die Transplantationsabteilung. Danach war er vier Jahre Chefarzt an der Raphaelsklinik in Münster. Zurück in der Oberpfalz, begann er seine Laufbahn im September 2006 mit der Nachfolge von Dr. Erik Guthy am Klinikum Weiden. In den folgenden Jahren war er maßgeblich am Auf- und Ausbau des Viszeral-Onkologischen Zentrums sowie des Onkologischen Zentrums Nordoberpfalz beteiligt. „Diese Aufgabe hat mich damals sehr gereizt. Das war mit ein Grund, warum ich in die Oberpfalz bin“, sagt Dietl. Zudem habe er sich von Weiden aus besser um seine Eltern in Waldmünchen kümmern können.
Zu Beginn seiner Tätigkeit in der Oberpfalz sah die Krankenhauslandschaft anders aus. „Die Landkreisgrenzen waren echte Grenzen. Jeder im Gesundheitssektor arbeitete für sich und sein Krankenhaus in seiner Stadt“, erinnert sich Dietl. „Die Anforderungen in der Medizin änderten sich so stark, dass es nicht mehr möglich war, in jedem kleinen Krankenhaus eine chirurgische Versorgung aufrechtzuerhalten.“ Sowohl das Personal als auch die medizinischen Geräte seien zu kostspielig geworden. Der Druck zur Fusion und Kosteneinsparung war deutlich spürbar. Dietl konzentrierte die Eingriffe, die zuvor in Tirschenreuth, Eschenbach, Vohenstrauß, Waldsassen und Neustadt/WN vorgenommen wurden, am Klinikum Weiden. 2006 wurden in Weiden 13 Darmkrebsoperationen durchgeführt. 2018 waren es bereits 164.
Überregional anerkannter Chirurg
Der Chefarzt baute mit seinem Ärzteteam in Weiden das Darmzentrum auf. Danach folgten ein Zentrum für Bauchspeicheldrüsenerkrankungen und ein viszeral-onkologisches Zentrum, wo Tumore des Verdauungstrakts und der Bauchorgane behandelt werden. Auch andere Entwicklungen an der KNO tragen Dietls Handschrift. Der Mediziner erlangte überregionale Anerkennung, nicht nur in seinem Spezialgebiet, der Behandlung von Krebserkrankungen im Magen-Darm-Bereich.
Ein Meilenstein war für das Ärzteteam unter Dietl der Einsatz neuester Medizintechnik wie dem Operationsroboter „Da Vinci“. Nach den Errungenschaften in der medizinischen Versorgung am Klinikum folgte laut Dietl ein herber Schlag: „Mit der Coronapandemie 2020/21 wurde die Chirurgie auf der Station 84 dramatisch zurückgefahren. Wir waren Corona-Hotspot mit 54 beatmeten Covid-Patienten.“ Davon habe man sich, so Dietl, noch immer nicht ganz erholt. Sein Nachfolger Professor Dr. Uwe Wittel stehe nun vor der schwierigen Aufgabe, die Versorgungsstrukturen aufrechtzuerhalten. "Ich bin skeptisch wie es weiter geht. Das hängt natürlich an den Anforderungen aus Berlin."
Wittel "der richtige Mann"
Dietl hinterlässt große Fußstapfen. Aber: „Professor Wittel ist der richtige Mann, um unsere Chirurgie weiterzuentwickeln“, sagt KNO-Vorstand Michael Hoffmann. Wittel kommt vom Universitätsklinikum Freiburg und gilt als Bauchspeicheldrüsenexperte. Hoffmann lobt Dietls konstruktive Rolle beim Umstrukturierungsprozess der KNO. Dies betreffe nicht nur die künftige Ausrichtung in Weiden, sondern auch die Anpassungen in Tirschenreuth, um den Standort zukunftsfähig zu gestalten.
Als Rentner will sich Dietl mehr seiner Familie sowie der Jagd und dem Segeln widmen. „Ich stehe nach wie vor um 5.30 Uhr auf und mache etwas. Es ist nicht so, dass ich Leerlauf habe. Ganz und gar nicht“, betont Dietl, der eine kleine Hobbylandwirtschaft mit sieben Hektar Fläche betreibt und diese mit Traktor und Pflug selbst bearbeitet. "Ich mache auch mein Brennholz selber", sagt der Arzt, dem Sport wichtig ist. „Jetzt kümmere ich mich um meinen eigenen Körper. Fitness, Skifahren, Schwimmen, Pilates und als Jugendlicher habe ich mich auch mal im Hammerwerfen versucht“, zählt der großgewachsene Dietl auf, und ein Lächeln huscht dabei über sein sonst so ernstes Gesicht.
Seine körperliche Fitness habe ihm während seines Berufslebens geholfen, die Belastungen eines Chirurgen durchzustehen. So sei es ihm möglich gewesen, nach nur 3 Stunden Schlaf bis zu 14 Stunden am Stück zu operieren. „Ich habe während eines Eingriffs nie eine Pause gemacht. Es ist eine Konstitutionssache und man muss es unbedingt wollen.“
Vertrauen muss sein
Der ehemalige Chefarzt erinnert sich an einige Fälle: „2002 musste ich bei einem Patienten ein großes Sarkom aus dem Bauch entfernen. Der Mann ist Autor und schickt mir heute noch alle drei Monate einen Krimi.“ Von einem anderen Patienten, dem er erfolgreich Nieren transplantiert hatte, bekommt Dietl seit 25 Jahren zu Weihnachten eine Dose selbstgebackene Plätzchen. „Da ist eines besser als das andere und jeder in der Familie hat seine Lieblingssorte.“ Als schönstes Geschenk bezeichnet Dietl aber die zwischenmenschliche Beziehung zwischen ihm als Arzt und seinen Patienten: „Vertrauen muss sein. Die Patienten erzählen einem Dinge, die sie nicht einmal dem Ehepartner erzählen.“ Selbst im stressigen Klinikalltag sei es ihm immer wichtig gewesen, sich für die Menschen Zeit zu nehmen.
Dietl hat die Zeit als Chefarzt und Chirurg endgültig hinter sich gelassen. Als passionierter Mediziner setzt er sich weiterhin für das Thema Organspende ein und besucht gelegentlich Auftritte der Band „The Dandys“ für den Organspendeverein „No Panic for Organic“ in Münster. Einem der Musiker hat Dietl erfolgreich eine Leber transplantiert.
Zur Person: Karl-Heinz Dietl
- Geboren 1958 in Waldmünchen
- Verheiratet, zwei Kinder
- Abitur am Obermünster Gymnasium in Regensburg
- Studium der Humanmedizin in Erlangen
- Berufliche Stationen: Uniklinik und Raphaelsklinik Münster, Kliniken Nordoberpfalz (KNO), Chefarzt in Weiden und Tirschenreuth
- Entwicklungen an der KNO: Aufbau Darmzentrum, Zentrum für Bauchspeicheldrüsenerkrankungen, viszeral-onkologisches Zentrum, Einführung neuester Medizintechnik („Da Vinci"-OP-Roboter)






















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