08.01.2020 - 18:25 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Enkel der Babyboomer retten Grundschulen

Wie gut, dass manche Entscheidungen in Weiden Zeit benötigen. Die lang diskutierte Schließung einer Grundschule etwa wäre ein Fehler gewesen: Es gibt mehr Erstklässler. Und neue Aufgaben wie Ganztagsschulen benötigen zusätzliche Räume.

Titelblatt des mehr als 40-seitigen Bildungsberichts zur Kommunalen Schulentwicklung.
von Josef-Johann Wieder Kontakt Profil

Das ist nur ein Aspekt aus dem ersten Teil des Bildungsberichts, der sich mit der Kommunalen Schulentwicklung in Weiden befasst. In der ersten Ausschusssitzung im Jahr 2020 stellte Michael Maier vom neuen Bildungsbüro der Stadt Weiden die 40-seitige Studie vor, die alle derzeit verfügbaren Daten und Zahlen berücksichtigt, bewertet und daraus Folgerungen ableitet. Die bisherigen "Schulentwicklungspläne" hatte das Stadtplanungsamt in den Jahren 2012 und 2015 jeweils als "Werkstattberichte" verfasst. Die Fortschreibung hatte bereits im Oktober 2019 die CSU-Stadtratsfraktion beantragt.

Jede Schule in Weiden wird auch künftig gebraucht. Damit sind die alten Überlegungen, etwa die Gerhardinger Schule zu schließen, wohl endgültig vom Tisch.

Horrende Aufgaben

Die sich stabilisierenden und künftig sogar wieder steigende Schülerzahl in den Grundschulen ist zum einen auf die Enkelgeneration der "Babyboomer" zurückzuführen und zum anderen auf den angewachsenen Anteil von "Ausländerkindern". Diese stellen bereits 15,5 Prozent der Grund- und 22 Prozent der Mittelschüler, aber nur drei Prozent der Realschüler und vier Prozent der Gymnasiasten. Zum Vergleich: Der Ausländer-Anteil an der Stadtbevölkerung liegt derzeit bei 11,7 Prozent.

Besonders die Albert-Schweitzer-Schule, die ab 2023/24 einen deutlichen Anstieg erleben wird, stehe bei der Integration von "Ausländerkindern" vor einer "horrenden Aufgabe", deutet Oberbürgermeister Kurt Seggewiß an. Interessant: Die Schülerzahlen in Förderzentren bleiben konstant, Kinder mit Migrationshintergrund dominieren zunehmend. Schulamtsdirektorin Christine Söllner sieht hier die Spätfolgen von Traumatisierung. Sie betont zugleich: "Fehlende Deutschkenntnisse sind kein Grund für die Zuweisung eines Kindes an ein Förderzentrum."

Bei den Gymnasien stemmt sich nur das "Augustinus" erfolgreich gegen den Schülerschwund. Kepler- und Elly-Heuss-Gymnasium sowie Wirtschafts- und Realschulen verlieren im Vergleich der Jahre 2014/2018 beachtliche 1036 Schüler. Neben der demografischen Delle sieht Maier hier auch die Entwicklung, dass bisherige Gastschüler wohnortnähere Schule bevorzugen. In wenigen Jahren werden die steigenden Grundschülerzahlen bei den weiterführenden Schulen ankommen.

Ganztagsbetreuung ausbauen

Priorität in den nächsten Jahren hat neben der Schulsanierung der Ausbau der gesetzlich vorgegebenen Ganztagsbetreuung. Hier müssen bis 2025 sowohl die räumlichen als auch die personellen Voraussetzungen im Grundschulbereich geschaffen werden. Die Ganztagsbetreuung in der Stadt liegt mit 35 Prozent deutlich unter dem Bayernschnitt von 55 Prozent. Die Mitglieder des Schulausschusses forderten hierzu eine stärkere finanzielle Unterstützung von Bund und Land. Auch sozial benachteiligten Gruppen biete die Ganztagesbetreuung eine große Chance im Hinblick auf Spracherwerb, soziale Integration und kulturelle Teilhabe. In sämtlichen weiterführenden Schulen sowie im frühkindlichen Bereich bestehen Angebote.

Ebenfalls eine Schlüsselrolle erhält die Schulsozialarbeit, die an jeder Schule angeboten werden soll, etwa auch, um Schulabgänge ohne Abschluss zu minimieren. Ausdrücklich warnt der Bildungsbericht vor der Reduzierung von Schulstandorten, zumal für die Umsetzung der Ganztagsbetreuung neue Raumkonzepte mit weiterem Flächenbedarf nötig werden. Sogar Schulneubauten seien denkbar.

Info:

Masterplan Schulen konsequent umsetzen

Investitionen in die Schulen haben in den nächsten Jahren in Weiden einen besonderen Stellenwert. Dazu ist bereits der Masterplan für Sanierung, Modernisierung und Erweiterung vieler Schulen von den Stadtratsgremien beschlossen. Die generalsanierten Sportstätten der Realschulen gehen noch im Herbst in Betrieb. Die Machbarkeitsstudie für Sanierung und Erweiterung der Berufsschule ist in Arbeit. Die Sanierung und Erweiterung der Albert-Schweitzer-Schule (neue Mensa, Anpassung an Ganztagsbetreuung) sind jedoch zurückgestellt. Die Vorplanung und Kostensätzung für die Sanierung des Kepler-Gymnasiums werden 2020 vorgelegt, ebenso die Planung für die Generalsanierung bzw. Teilsanierung/Neubau der Realschulen. Die strukturierte Verkabelung der Schulen wird im Rahmen des Digitalpakts geplant. Ebenso wird die Erstkonzeption der Infrastruktur für die Ganztagsbetreuung für Grund- und Mittelschulen auf den Weg gebracht.

Info:

Mädchen einfach schlauer

Die Auswertung des umfangreichen Datenmaterials bestätigt „Vorurteile“: Mädchen werden früher eingeschult, erreichen höhere Schulabschlüsse. Gut die Hälfte aller Grundschüler geht aufs Gymnasium. Gibt es dort Probleme, wird auf Real-, Wirtschaftsschule oder FOS zurückgewechselt. Viele „Wiederholer“ gibt’s in den 10. Klassen. Ein schweres Los haben Schüler ohne Abschlusszeugnis. Darunter 22 (15 Prozent) Wirtschaftsschüler.

Kommentar:

Schulstadt Weiden braucht Hilfe

Die Schulstadt Weiden hat endlich, was sie braucht: einen Schulenentwicklungsplan, der sich auf Fakten und Zahlen stützt, Handlungsempfehlungen gibt. Möglich macht dies das Bildungsbüro, das etwa aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds gefördert wird. Im Schulausschuss loben die Stadträte die Arbeit. Was die Stadt aber nicht hat, ist eine dauerhafte Förderung dieser Stellen. Diese endet im Oktober 2021. Die Fortschreibung des Bildungsberichts steht deshalb in den Sternen.
Darum fordert Roswitha Ruidisch, in deren Amt das Bildungsbüro angesiedelt ist, die Stadträte auf, darüber nachzudenken, was ihnen die Expertise wert ist.
Auch die Umsetzung der Handlungsempfehlungen, darunter die bis 2025 geforderte Umsetzung der Ganztagesbetreuung kostet Geld. Die Vorgaben kommen von Bund und Land. Allerdings gibt's bundesweit nur zwei Milliarden Euro für die Kommunen. "Ein Tropfen auf den heißen Stein", stellt Sozialdezernent Wolfgang Hohlmeier fest. Betreuerinnen müssen ausgebildet, entsprechende räumliche Voraussetzungen geschaffen, Schulen umgebaut, manche sogar neu gebaut werden. "Das kostet richtig", betont OB Kurt Seggewiß. Geld kosten Inklusion und Schulsozialarbeit. Die Kommune braucht Hilfe. Die Abgeordneten sind massiv gefordert.

Josef Johann Wieder

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