Für Maria Rupprecht ist die Klage nicht neu: "Seit meiner Tätigkeit im Buchhandel höre ich oft den Satz, dass nicht mehr gelesen wird." Also seit 35 Jahren, als sie ihre erste Buchhandlung eröffnete. Was ist dran? Wohl weniger denn je. Die Geschäftsfrau hat den Eindruck, dass Menschen, gerade in Zeiten der Digitalisierung, eine innere Sehnsucht nach etwas Konventionellem wiederentdecken. "Der Mensch ist einfach ein analoges Wesen, kein digitales." Zurzeit seien es vor allem viele junge Menschen, die durch die Bücherregale stöbern. Oft animiert durch Empfehlungsvideos in Sozialen Medien, wie Rupprecht vermutet.
Besonders wichtig ist für Maria Rupprecht das Thema "Vorlesen", um Kinder behutsam an Bücher heranzuführen. Damit "wecken wir die Lust am Lesen. Kein Kind wird als Nichtleser geboren." Selbst wenn Kinder die Grundschule besuchen, sollten Eltern ihrer Meinung nach nicht aufhören, Bücher vorzulesen. Diese gemeinsame Zeit bleibt den Kindern ein Leben lang positiv in Erinnerung, betont Rupprecht.
Märchen von Stadträten
Zum Vorlesetag diesen Freitag schlagen Weidener Persönlichkeiten gute Bücher auf. So lädt zum Beispiel der Integrationsbeirat Vorschulkinder zu einer Vorlesestunde in die Regionalbibliothek ein: Die Stadträte Sema Tasali-Stoll, Eva Nitsche und Stephan Gollwitzer lesen ab 14.30 Uhr "Märchen aus aller Welt" vor. Für die Erstklässler der Gerhardinger- und der Hans-Schelter-Schule gibt es eine Vorlesestunde mit Polizeioberkommissar Uwe Schmidt im Franz-Josef-Behnisch Saal.
Es ist entscheidend, für jedes Kind das passende Buch zu finden, denn "was für den einen langweilig ist, findet der andere wiederum spannend", meint Maria Rupprecht. Kinderbücher sollten generell eine gute Stimmung und das Gefühl einer heilen Welt vermitteln. Im Jugendalter sind laut Rupprecht einerseits Bücher beliebt, die sich mit Themen der aktuellen Lebensphase beschäftigen, andererseits aber auch solche, die am Puls der Zeit liegen, wie Klimawandel oder gesellschaftliche Ungerechtigkeit.
Lehrplan verändert sich
Michael Birner, Lehrer am Elly-Heuss-Gymnasium in Weiden, ist sich der Bedeutung des Klassenzimmers als inspirierender Ort für die Lesefreude von Kindern und Jugendlichen bewusst. "Für die unteren Jahrgangsstufen geht es heute mehr um Leseförderung, das heißt, in erster Linie soll der Spaß am Lesen vermittelt werden", erklärt er. Wenn es um die höheren Jahrgangsstufen geht, werden Klassiker der deutschen Literatur eingeführt. Die einstige Pflichtlektüre "Faust I" wird laut dem Deutsch- und Religionslehrer bald nicht mehr obligatorisch sein. Stattdessen setzt der Lehrplan nun auf eine vielfältige Auswahl von Werken, die eine Mischung aus älteren Klassikern und teilweise auch brandneuer Literatur darstellen.
"Es gibt heute eine viel größere Konkurrenz für das Lesen", stellt auch Michael Birner fest. Dabei sind vor allem Soziale Medien wie Instagram oder TikTok gemeint, auf denen den Nutzern kurzweilige und prägnante Inhalte in leicht verdaulicher Form geboten werden. Dennoch gebe es nach wie vor Schüler, die sich freiwillig und mit großer Freude durch meterlange Fantasy-Reihen lesen.
"Um Begeisterung für Bücher zu wecken, muss man verschiedene Wege gehen." Dazu gehört sicherlich auch die sorgfältige Auswahl der passenden Literatur. Für Birner hat ein gutes Buch eine Verbindung zum eigenen Leben, es kann die Augen für die Probleme anderer Menschen öffnen und die eigene Kreativität sowie Fantasie anregen. "Wenn man Glück hat, kann man auf diese Weise Schüler nicht nur für das Lesen, sondern auch für das Schreiben begeistern", betont der Lehrer.
Richtig Lesen lernen
Sabine Guhl, Leiterin der Regionalbibliothek Weiden, glaubt nicht, dass allgemein zu wenig gelesen wird. Viele merkten gar nicht, wie viel sie im Alltag eigentlich lesen, weil es intuitiv und selbstverständlich passiere. "Schwierig wird es nur für Menschen, die nicht flüssig lesen können, die den Sinn des Geschriebenen nicht richtig erfassen können," sagt Guhl. Umso wichtiger sei es, dass alle Kinder richtig Lesen lernen. Laut der Internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung (IGLU) hatte im Jahr 2021 jeder vierte deutsche Viertklässler Schwierigkeiten beim Lesen. Guhl betont die Bedeutung eines elterlichen Umfelds, in dem viel gelesen und vorgelesen wird. Dies wird auch durch den bundesweiten Vorlesetag gefördert, der darauf abzielt, die Wichtigkeit des Vorlesens wieder ins Bewusstsein zu rufen.
Sabine Guhl engagiert sich auch als stellvertretende Vorsitzende im Verein "Mentor - Die Leselernhelfer Weiden-Neustadt e.V.". Dieser setzt sich durch gezielte Förderung dafür ein, Kinder in der Entwicklung ihrer Lese- und Sprachkompetenzen zu unterstützen. Der Fokus liegt dabei insbesondere auf leseschwachen Kindern, unabhängig von ihrem Migrationshintergrund. Ein zentrales Prinzip des Vereins ist das "1:1-Prinzip", bei dem ein Mentor jeweils nur ein Kind betreut. Dies fördert, wie es auf der Vereinswebsite betont wird, "eine vertrauensvolle Bindung zwischen Lesementor und Kind".
"Ich finde, es wird zu wenig vorgelesen", sagt Sabine Guhl. Immer weniger Eltern nähmen sich die Zeit dafür. Dabei entstehe gerade beim Vorlesen eine besondere Atmosphäre, die allen Kindern gefalle. Das spiegelt auch ihre Erfahrung im Beruf wider. "Unsere wöchentlichen Vorlesestunden in der Regionalbibliothek erleben gerade eine Renaissance. Kinder genießen vermehrt die Zeit und die Aufmerksamkeit, die ihnen beim Vorlesen geschenkt wird."
Diese Bücher empfehlen die Experten
- Maria Rupprecht, Geschäftsführerin der Buchhandlung Rupprecht: "Das leise Platzen unserer Träume" von Eva Lohmann / "Der letzte seiner Art" von Sybille Grimbert / "Feldpost" von Mechtild Borrmann
- Michael Birner, Lehrer am Elly-Heuss-Gymnasium: "Ach du Schreck" von Margit Auer (für Kinder) / "The Hate U Give" von Angie Thomas (für Jugendliche) / "Im Westen nichts Neues" von Erich Maria Remarque
- Sabine Guhl, Leiterin der Regionalbibliothek Weiden: "Ein Hund kam in die Küche" von Sepp Mall / "Strom" von Tobias Schlegl / "Die Liebe an miesen Tagen" von Ewald Arenz




















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