Kinder, die in Steinbrüchen schuften und kaum Tageslicht sehen. Gärtner, die ohne Schutzkleidung, aber mit gefährlichen Pestiziden arbeiten. Frauen, die zu einem Hungerlohn Kleidung nähen. Es sind Probleme, die weit weg erscheinen. Lebenssituationen, die man hier leicht ausblenden kann.
Engagierte der Stadt Weiden versuchen, nicht wegzuschauen. Weiden ist offizielle "Fairtrade-Stadt". Und das seit etwa acht Jahren. Das Fairtrade-Siegel – ein schwarzer Kreis mit einem blauen und einem grünen Tropfen – kennt man von Kaffee und Bananen. Dass auch eine Stadt den Fairtrade-Titel tragen kann, wissen nicht viele. Initiiert hat es die Katholische Arbeitnehmer-Bewegung 2016. Alle zwei Jahre muss die Stadt den Titel erneuern lassen. Das steht im März an.
"Bei der Kampagne 'Fairtrade-Towns' bekennen sich Kommunen zum fairen Handel mit Gütern, wie Kaffee und Schokolade, die in Entwicklungsländern produziert werden", erklärt Cornelia Völkl, Mitarbeiterin der Wirtschaftsförderung und Mitglied in der Fairtrade-Lenkungsgruppe, die sich um das Projekt kümmert. Allein mit Fairtrade-Kaffee in den Cafés ist es damit nicht getan. Um den Titel zu bekommen, muss die Stadt bestimmte Kriterien erfüllen.
Grabsteine ohne Kinderarbeit
Eine Voraussetzung ist eine Lenkungsgruppe, die regelmäßig zusammenkommt. Sie soll neue Projekte vorantreiben und erweitern. In der Friedhofssatzung der Stadt ist verankert, dass Grabsteine nur aufgestellt werden dürfen, wenn sie "ohne schlimmste Formen der Kinderarbeit hergestellt worden sind". Laut Annette Rösel, Leiterin des Weltladens in Weiden, haben das die Grünen im Stadtrat angestoßen. Die Lenkungsgruppe setzte sich dafür ein. Das Gesetz klingt nach einer Selbstverständlichkeit, ist es aber nicht. Zwischen 50 und 80 Prozent der deutschen Grabsteine stammen aus indischen Steinbrüchen, in denen Kinder Steine schleppen oder Sprengladungen an Granitblöcken befestigen. Ein Grabstein in Weiden darf seit 2017 nur aufgestellt werden, wenn ein offizieller Nachweis vorliegt, dass er nicht auf diese Weise produziert wurde.
Auch kleine Erfolge gab es in den letzten Jahren. "Wir initiierten, dass bei allen Sitzungen des Oberbürgermeisters fairer Kaffee und Tee ausgegeben wird", sagt Cornelia Völkl. Die Erst- und Zweitklässler bekommen zu Weihnachten keine Schokolade von großen Marken, sondern nachhaltige Schoko-Nikoläuse, die im Weltladen gekauft werden. Die Senioren im Altenheim erhalten eine nachhaltige Tafel Schokolade zu Weihnachten. Kaffee und Schokolade kenne man in Fairtrade-Qualität, aber: "Bei Technik und Blumen ist das Bewusstsein überhaupt noch nicht da", sagt Annette Rösel.
Die meisten Blumen, die man hier kaufen kann, kämen aus Nordafrika, erklärt Rösel. Auch, wenn auf dem Etikett "Holland" stehe. Das sei lediglich der Zwischenstopp, um das Image der Blume aufzuwerten. "In Afrika herrschen andere Arbeitsbedingungen. Es fängt an bei den Chemikalien, die dort verwendet werden dürfen. Die in Europa aber verboten sind, weil sie so gefährlich sind", sagt Rösel. Kauft man aber Blumen mit dem Fairtrade-Siegel, weiß man, die Menschen bekommen Schutzkleidung, ein angemessenes Gehalt und geregelte Arbeitszeiten. "Faire Blumen zu finden, ist in Weidens Gärtnereien nicht so einfach. Man kann sie aber oft im Voraus bestellen", sagt Rösel. Um darauf aufmerksam zu machen, orderte die Lenkungsgruppe faire Rosen und verteilte sie in der Weidener Fußgängerzone.
Sweatshirts in bio und fair
Damit Weiden seinen Titel behalten darf, findet alle zwei Jahre eine "Rezertifizierung" durch Fairtrade Deutschland statt. Was hat sich verbessert und welche Veranstaltungen gab es? Veit Wagner, ehemaliger Grünen-Stadtrat und Mitglied der Lenkungsgruppe, sagt: "Es geht nicht darum, ob wir immer noch fairen Kaffee ausschenken, sondern darum, dass es einen Fortschritt gibt."
Neu ist zum Beispiel, dass die Lenkungsgruppe zur Aufklärung in Kooperation mit dem Evangelischen Bildungswerk und der Katholischen Erwachsenenbildung am 28. Mai den Film "Made in Bangladesh" in der "Neuen Welt" zeigt. Denn die Kleidung klassischer Marken wird meist unter menschenunwürdigen Bedingungen hergestellt. Das Stadtmarketing Weiden bietet Sweatshirts an, die das Label "biologisch und fair" tragen.
Auch mit der Feuerwehr und der Kirche redete die Lenkungsgruppe, inwieweit die Berufskleidung fair hergestellt werden kann. Dazu gehöre auch das Gewand des Pfarrers. "Wir haben die Kirchen informiert, dass sie als Marktmacht einen großen Einfluss haben", sagt Annette Rösel. Geplant ist auch, bei Großküchen der Stadt anzuregen, mehr Fairtrade-Produkte zu verarbeiten. Die Gespräche sollen ein Anstoß sein. "Wir sind keine Kontrollgruppe", sagt Veit Wagner. Es sei eine freiwillige Entscheidung, die von innen kommen soll.
"Fairtrade-University" OTH
Laura Völkl, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Nachhaltigkeit und Ethik an der Ostbayerischen Technischen Hochschule (OTH) Weiden/Amberg und Mitglied der Lenkungsgruppe, stimmt dem zu. "Meine Konsumentscheidungen betreffen nicht nur mich, sondern die Menschen, die es hergestellt haben, und die Umwelt", sagt die 29-Jährige. Denn Ressourcen seien endlich. Die OTH gehört seit 2017 zu den "Fairtrade-Universities". Dafür musste sie nachweisen, dass in der Mensa und Cafeteria faire Produkte verkauft werden und es Info-Veranstaltungen gibt. "Das läuft unabhängig von der Stadt, aber es macht Sinn, dass man sich da zusammentut und austauscht", sagt Laura Völkl.
Technik, Papier, Kleidung, Bau- und Müllfahrzeuge – es gibt viele Bereiche, in denen auf Nachhaltigkeit und faire Bedingungen geachtet werden kann. "Für mich ist es der Gedanke der Gewaltminimierung, des weltweiten Respekts und der weltweiten Fairness", sagt Annette Rösel. "Wir wissen viel zu wenig, wie viel Leid wir global den Menschen und auch der Umwelt antun, allein durch unseren Handel und Konsum."
10 Grundsätze des Fairen Handels
- Chancen für benachteiligte Produzentinnen
- Transparenz und Rechenschaftspflicht
- Faire Handelspraktiken
- Faire Bezahlung
- Keine ausbeuterische Kinderarbeit/ keine Zwangsarbeit
- Versammlungsfreiheit/ keine Diskriminierung/ Geschlechtergerechtigkeit
- Gute Arbeitsbedingungen
- Aus- und Weiterbildung
- Förderung des Fairen Handels
- Schutz der Umwelt
Wer in Weiden Fairtrade-Produkte verkauft, kann sich bei Cornelia Völkl melden, Telefon 0961/81-2009. Eine Auflistung gibt es auf der Webseite der Stadt Weiden, www.weiden.de.





















Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.
Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.