13.07.2018 - 14:31 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Mit jeder Faser dabei

Digitalisierung gilt mittlerweile auch an Schulen als Zauberwort. Doch bevor die Zukunft im Unterricht richtig Einzug hält, müssen sich viele Lehrer und Schüler mit der Gegenwart abplagen.

Konrektor Hans Eger recherchiert mit Achtklässlern der Hans-Scholl-Realschule im Netz. Doch je mehr seiner Schützlinge sich auf die Datenautobahn begeben, desto öfter wird sie zum stauträchtigen Nadelöhr.
von Friedrich Peterhans Kontakt Profil

(phs) Fast drei Viertel der bayerischen Schulen surfen mit höchstens 16 Megabit pro Sekunde durchs Internet, räumt das Kultusministerium ein. Zu wenig, wenn mehrere Schüler parallel mit Tablet oder Smartphone arbeiten. Was dagegen getan wird oder getan werden sollte, darüber streitet sich die Politik.

Die SPD-Landtagsabgeordnete Annette Karl beklagt, dass gerade mal 10 Prozent der Schulen im Landkreis Neustadt/WN über einen Internetanschluss verfügen, der mit mehr als 16 Mbit/s Dateien überträgt. In Tirschenreuth und der Stadt Weiden könnten immerhin fast ein Drittel schneller surfen.

Flächendeckende Klage

Für Karl hat hier die Staatsregierung eine Entwicklung verschlafen. Staatssekretär Albert Füracker verweist dagegen auf ein 1,5 Milliarden Euro starkes Investitionsprogramm, mit dem bis 2025 alle bayerischen Haushalte Glasfaseranschlüsse haben sollen. Bis dahin wollen die Weidener und Neustädter Schulen längst aufgerüstet haben.

Klagen über mangelnde Digitalstrukturen sind vor allem aus weiterführenden Schulen zu hören. "16000er-Anschlüsse sind eigentlich nicht hinnehmbar", sagt Systembetreuer Jürgen Wegmann von der Hans-Scholl-Realschule. Seine Schule verfügt über 200 Endgeräte für die Klassen. "Wenn die alle an sind, tröpfeln die Dateien nur noch." Hans- und Sophie-Scholl-Realschule teilen sich eine 50 Mbit/s-Leitung. Die Stadt habe zugesagt, Abhilfe zu schaffen.

Die Grundschulen sollen eine Anbindung mit mindestens 50 Mbit und die weiterführenden Schulen mit mindestens 100 Mbit bekommen. Dazu laufen bereits Arbeiten. Bis zum Schuljahr 2018/19 sollen die flotten Leitungen Standard sein. Schwächelnde Anschlüsse sind bei weitem keine Weidener Krankheit, betont Wegmann. Die Klagen von Seminarlehrern in ganz Bayern ähnelten sich.

Lähmende Updates

Klaus Märker vom Augustinus-Gymnasium freut sich, dass das Rathaus bereits eine 200 Mbit/s-Leitung für seine Schule genehmigt hat. "Wir warten jetzt auf Kabel Deutschland." In Märkers Schule wird zurzeit der Chemiesaal umgebaut. Bei dieser Gelegenheit kommt gleich ein Antennenkabel mit rein. Bislang müssen sich die Augustiner mit einer 16000er-Leitung begnügen. Sie stammt noch von der kostenlosen Initiative "Schulen ans Netz", hinter der die Telekom steckte. Das deckte damals, vor etwa 20 Jahren, den Bedarf ab, ist aber seitdem kaum mehr aufgepeppt worden.

Laut Märker zwickt es immer dann, wenn Online-Arbeit über normale Recherche im Unterricht hinausgeht. Sobald Videoclips, Animationen oder E-Books im Spiel sind, wird es heikel. Das gilt auch für die Internetplattform "Mebis" des Kultusministeriums. Das Portal bietet Lehrern Unterrichtsmaterial sowie Beratungs- und Fortbildungsangebote. In virtuellen Klassenräumen können Schüler und Lehrer zudem gemeinsam an Projekten arbeiten. So ist es zumindest gedacht, aber: "Wenn ein Lehrer bei Mebis ein Upload fährt, ist alles blockiert", sagt Märker.

Glasfaser allein reicht nicht

Solche Fälle kennt auch Karl Siegert von der Europa-Berufsschule. "Weil nicht alles so funktioniert, arbeiten noch nicht alle Lehrer im großen Umfang online." Seine Schule verfügt über einen Glasfaseranschluss mit 2-mal-20-Mbit-Standleitung und zwei 50 Mbit-Leitungen. Auch damit ist es in einer so großen Schule mit 80 Räumen auf 4 Stockwerken nicht getan. Ziel sei es, dass Schüler auch private Geräte mit in den Unterricht bringen. "Aber wenn 500 von 1000 damit arbeiten sollen, stoßen wir an Grenzen."

Siegert freut sich, wenn im Stockerhut die 100 Mbit Standard sind. Schnelles Internet allein reiche indes nicht, denn Leitungen kosten monatliche Gebühren. Dafür gebe es zwar bis zu 5000 Euro Förderung, für eine vernünftige Wlan-Infrastruktur sei das jedoch wenig. Siegert würde sich Access-Points wünschen, wie sie bei neugebauten Schulen Standard seien. "Dann müssten in jeden Raum Kabel angebracht werden. Das kostet wieder und ist für den Sachaufwandsträger eine Belastung. Er müsste das dann ja allen Schulen zur Verfügung stellen", hat er Verständnis, dass nicht alle Träume gleich in Erfüllung gehen.

Sehr unterschiedlich sieht es im Landkreis Neustadt aus. Das Gymnasium Eschenbach und die Realschule Vohenstrauß verfügen über 50-Mbit-Strukturen, sind aber heiß auf mehr. "Das ist bisher Schneckentempo für Schulen", seufzt Knut Thielsen aus Eschenbach. "Das Wirtschaftsministerium empfiehlt sogar 1000 Gigabyte." Dennoch sei das Problem auch im Landkreis erkannt. Der Glasfaseranschluss für die Eschenbacher Pennäler komme in ein bis zwei Jahren.

Lahme Netze sind vor allem ein Problem einiger Grund- und Mittelschulen zu. Doch auch da sei einiges im Fluss, versichert Schulamtsleiterin Christine Söllner. Bis Ende Juli sollen Schulleiter ihre Ideen abgeben. Daraus werde dann ein neues Medienkonzept mit den Sachaufwandsträgern gestrickt.

Digitale Million:

Das Landratsamt weist für die neun kreiseigenen Schulen den Vorwurf von Annette Karl zurück, zwischen Eslarn und Kirchenthumbach hätten gerade einmal 10 Prozent der Schulen mehr als 16 Mbit in der Leitung. Der Landkreis Neustadt ist für neun Schulen Sachaufwandsträger. In jeder seien zwei Netze vorhanden - eines für die Verwaltung und ein Schülernetz. Letzteres läuft allerorts über das Telekom-Programm T@School.

Das Verwaltungsnetz jeder Schule ist direkt am Landratsamt angeschlossen, hat eine Bandbreite von 16 MBit/s und wird über das Vodafone-Behördennetz abgewickelt. Die Bandbreiten in den Schülernetzen liegen in Real- und Förderschule Vohenstrauß bei 50 MBit/s, ebenso in Gymnasium und Wirtschaftsschule Eschenbach. Die Eschenbacher Förderschule muss wie die Neustädter Schulen mit 16 Mbit/s auskommen.

Für die Zukunft ist geplant, auch beim Verwaltungsnetz auf Glasfaser zu setzen. Begonnen wird gerade in Neustadt, wo Speedpipes gleichzeitig mit den Rohren für die Fernwärme auf dem Schulhügel verlegt wurden. In den Schülernetzen in Neustadt verlegt die Telekom Glasfaser auf dem Kulturhügel in jedes Haus. "Der Landkreis ist außerdem als Pilotstandort für die Erschließung von Schulen mit Glasfaser ausgewählt worden", betont Landrat Andreas Meier. So könne man Schulen anschließen, ohne das ganze Förderprogramm zu durchlaufen. Die Höchstgrenze der Förderung pro Schule betragen 50000 Euro. Meier will alle seine Schulen dafür melden. Neustadt gilt noch als "Raum mit besonderem Handlungsbedarf".

Der Landrat plant außerdem, dem Kreistag unter dem Stichwort "Die Digitale Million" für den kommenden Kreishaushalt ein Konzept zur technischen Ausstattung der Schulen vorzulegen. "Alleine mit einer schnellen Anbindung über Glasfaser ist es nicht getan. Dies wird in enger Abstimmung mit den Schulleitungen und den Lehrern geschehen. Abstimmungstreffen hierfür sind bereits im Herbst vorgesehen. Jedes Klassenzimmer unserer Schulen soll künftig neben einem schnellen Datenanschluss über Glasfaser und Wlan in der Grundausstattung mindestens über Laptop, Beamer und Dokumentenkamera verfügen."

Meier will die Digitalisierung aller kreiseigenen Schulen spätestens Ende 2020 abgeschlossen haben. Hierfür will er bis dahin mindestens eine Million Euro an Eigenmitteln in die Hand nehmen, um die entsprechenden Förderprogramme schnell ausnutzen zu können. Allerdings muss der Kreistag noch zustimmen. (phs)

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.

Nachrichten per WhatsApp