06.09.2019 - 16:53 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Mein Ferienjob: Auf dem Gleis bei Pilkington

Im August 1990 blickt die Welt auf den Wüstenstaat Kuwait, der vom Irak überrannt wird. Ich lausche dem Radio und führe als 17-jähriger Ferienjobber meinen eigenen Kampf unter sengender Sonne. Schauplatz ist ein Gleis.

Alles muss raus! Stellvertretender Werksleiter Gerhard Ruhland (links) stellt mit mir nach fast 30 Jahren nach, was ich auf dem Pilkington-Gleis zu tun hatte: Unkraut ausrupfen - die umweltfreundliche Alternative zu Gift. Der "Schotter" stimmte.
von Stefan Zaruba Kontakt Profil

Das Floatglas-Werk von Pilkington, vormals Flachglas, in Weiherhammer hat einen eigenen Anschluss ans Gleisnetz. Vor drei Jahrzehnten rollen dort noch sporadisch Waggons mit Glastafeln vom Hof. Es gibt einen Rangierbereich, Weichen, eine Diesellok mit Fernbedienung. Feines Spielzeug. Aber der junge Gymnasiast bekommt das nicht in die Hände, von denen er zwei linke besitzt. Ein Pickel ist das angemessene Arbeitsgerät für die Sisyphusarbeit, die meine Schulferien 1990 prägt: Unkrautbekämpfung zwischen Schienensträngen.

Bio statt Bunsenbrenner

Ich bin skeptisch, als ich den mehrere Hundert Meter langen Schienenbereich sehe, und gebe den Klugscheißer: Warum nicht einen Gasbrenner nehmen und abfackeln? Antwort: Ob ich wohl den angrenzenden Wald nicht sehe. Auch Gift scheidet aus. Darauf ist Werksleiter Reinhold Gietl heute noch stolz. "Das ist biologische Aufwuchsbeseitigung. Wir haben das mit Ferienarbeitern gemacht." Ein Knochenjob, wie er einräumt. Aber er musste gemacht werden.

Ein Einsehen habe ich als grundrebellischer Bursche damals nicht, aber ich füge mich und grabe. Die Schottersteine sind fest miteinander verkeilt und lassen sich nur mit Mühe zwischen den Schwellen heraushebeln. Das muss aber sein, um an die Wurzeln der Gewächse heranzukommen. Danach die Steine wieder ins Gleisbett stopfen, fertig. Der erste Meter ist noch ganz nett, aber die Aussicht auf die Strecke, die noch folgt, zermürbt. Dazu rinnt der Schweiß unter Helm hervor. Der ist Pflicht in Weiherhammer, auch wenn unter freiem Himmel höchstens ein Vogelschiss droht.

Auf Nummer sicher

Apropos Arbeitsschutz. Pilkington setzt damals schon den Maßstab. Es gibt eingangs Kopfschutz, Sicherheitsschuhe, Handschuhe und eine Einweisung. In kleineren Betrieben, in denen ich vorher war, hat das kaum gejuckt. Da gab es das Unternehmen, bei dem ich (damals 15) ungesichert in schwindelnder Höhe Lüftungsschächte putzte. Oder in Turnschuhen Paletten und Kisten zerlegte. (Holz und Eisenteile wurden sauber getrennt. Und irgendwann hat sich jemand mit einem Traktorgespann das Brennholz unter den Nagel gerissen.) Und da war die Lackiererei, in der ich in einer offenen Wanne Eisenteile mit Trichlorethen ("Tri") wusch. Die Säurehandschuhe waren für das Lösungsmittel durchlässig, und zum Thema narkotisierende Wirkung des Giftstoffs lautete die Anweisung des Meisters: "Wenn dir schwindlig wird, gehst raus an die frische Luft."

Nein, derlei passiert in Weiherhammer nicht. Und an der frischen, wenn auch heißen Luft bin ich überdies acht Stunden am Tag. Nicht allein: Ein BWL-Student und ein fest angestellter Hilfsarbeiter sind im Team, und wir komponieren unser Lied für frohes Schaffen: "Im Frühtau zu Gleise wir zieh'n ..." zur bekannten Melodie. Eine Textpassage muss ich nach drei Jahrzehnten öffentlich zurücknehmen: "Wir ackern wie die Blöden, und das für wenig Kröten." Denn 16 Mark und 70 Pfennige für die Stunde sind die beste Entlohnung für einen Ferienjob, die ich je bekommen werde.

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