Weiden in der Oberpfalz
06.07.2023 - 14:12 Uhr
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"Es geht um Rassismus": Eine Letzauerin in den Unruhen von Paris

Nacht für Nacht brutale Gewalt. Bilder davon lieferte Frankreich dazu über eine Woche lang. Was ist nur los im Nachbarland? Eine junge Frau aus dem Weidener Umland versucht es zu erklären.

Bonjour, Frankreich. Genau gezählt hat es noch niemand, aber jeden Morgen tauchen ähnliche Zahlen in den Nachrichten auf: Dutzende verletzte Polizisten, Hunderte festgenommene Randalierer, geplünderte Geschäfte, ausgebrannte Bankfilialen, Autos und Kioske. Die Schäden gehen in die Milliarden. Inzwischen flaut es ab, aber über eine Woche ging es allnächtlich bürgerkriegsartig zu in Paris, Marseille, Toulouse. Auslöser ist der Tod des 17-jährigen Nahel durch Polizeikugeln in der Pariser Vorstadt Nanterre.

Tiefe Einblicke in das, was dort geschieht, hat Barbara Schmucker. Die 22-Jährige aus Letzau hat am Augustinus-Gymnasium Abitur gemacht und studiert in Paris Medizin. Sie wohnt in der Nähe des Triumphbogens, also im Postkartenfrankreich, wo es ruhig ist.

Die Geschehnisse in den Vorstädten, die vielerorts auf Stadtzentren übergegriffen haben, berühren die junge Frau vor allem, weil sie einen guten Freund hat, der dorther kommt, wo der Funke der Eskalation zu suchen ist - in Nanterre. "Er wohnt in der Parallelstraße, in der Nahel erschossen wurde, seine Familie wohnt in der Straße des Tatorts." Sie kennt einige aus dieser Familie gut. In einer E-Mail an Oberpfalz-Medien schreibt Barbara: "Ganz ehrlich: Bei den Ausschreitungen geht es mittlerweile nicht mehr um den Tod des 17-Jährigen, sondern um ein viel tiefer liegendes Problem: Rassismus. Ich könnte Ihnen unendliche Situationen aufzählen, wo Freunde ungerecht behandelt wurden - aufgrund ihrer Herkunft!"

Nachteil dunkle Haut

Der Freund aus Nanterre ist Softwareingenieur, hervorragend ausgebildet, gebürtiger Franzose mit marokkanischem Migrationshintergrund, den man auch sieht. "Wenn jemand wie er eine Wohnung sucht und nachweist, dass er sie bezahlen kann und die Wohnung dann besichtigt, ist sie plötzlich schon vergeben", sagt Barbara. Bei Bewerbungen sei es manchmal ähnlich gelaufen. Noch so eine "unendliche Situation": "Ich beobachte es selbst, weil es mir schwarze Freunde erzählen: Wenn die in die Metro einsteigen, packen die Leute ihre Taschen fester oder drehen sich um. Es ist so bescheuert."

Denn die Gefahr, ausgeraubt oder übers Ohr gehauen zu werden, sei auf den Sightseeing-Meilen zwischen Eiffelturm und Bastille wesentlich größer als in den Banlieues, den Vorstädten mit ihren Hochhaustürmen. Dort, wo "die Schwarzen" und "die Araber" wohnen. In Frankreich denkt sich niemand etwas dabei, so zu reden, erklärt die Studentin. Auch die Betroffenen selbst bezeichnen sich so.

Das ist in Deutschland ganz anders, hat sie beobachtet, als sie zuvor einige Semester Psychologie in Trier studiert hat. Dort drucksen angehende Akademiker eher herum, um ein passendes Wort für Menschen mit anderer Hautfarbe zu finden und fassen sie unter dem Lehnwort "People of Colour" kurz POC, zusammen. Die Unruhen haben der Letzauerin einen weiteren Unterschied zwischen den beiden Ländern vor Augen geführt: die erschreckende Uninformiertheit ihrer gleichaltrigen Landsleute. "Ich hab auf Instagram mal eine kleine Umfrage gestartet, zu dem, was hier los ist. Viele meiner Freunde in Trier oder daheim haben erst mal gefragt, was ich meine. Die bekommen das gar nicht mit." Tageszeitung oder Tagesschau - Fehlanzeige, kein Interesse.

In Paris sei das Leben abseits der brennenden Barrikaden dagegen auf den Kopf gestellt. "Die Pariser lachen sowieso wenig. Jetzt hat man das Gefühl, die Leute sind noch mehr in sich gekehrt. Sie gehen nach der Arbeit gleich heim, die Straßencafés sind leer, da ist im Sommer normalerweise alles voll."

Keiner hört zu

Die einen bedrückt, die anderen voller Wut: "In den Banlieues sind die Leute auch dagegen, dass Kindergärten angezündet werden, aber sie sind gar nicht mal so sauer, wenn das eigene Auto brennt, weil sie wissen, dass den jungen Leuten auf der Straße sonst nie jemand zuhört." Symptomatisch dafür, wie abgehängt sich die dritte oder vierte Einwanderergeneration an den Stadträndern fühle, sei eine aktuell laufende Aktion. "Klar, das Leben des Polizisten, der Nahel erschossen hat, ist auch im Eimer. Aber bei einem Spendenaufruf kamen für seine Familie mal gerade 100 000 Euro zusammen, für den Polizisten eine Million." Dazu käme eine Flut schockierender Kommentare in den sozialen Medien.

Die Studentin rät Paris-Besuchern, sich selbst mal ein Bild in einer Banlieue zu machen. "Sie sind nicht alle gefährlich, dort leben ganz normale Leute." Es gebe sogar Schicki-Micki-Zonen wie Neuilly-sur-Seine. Auch Weidens reiche Partnerstadt Issy-les-Moulineaux sei eigentlich Banlieue. In Vororten wie Ivry-sur-Seine, wenige Kilometer vom Stadtzentrum entfernt, könne man aber sehen, wie der Alltag vieler Hauptstädter aussehe. Allein schon, wie sich die Schulen optisch präsentierten, zeige, wo die Misere ihren Anfang nehme.

Barbara Schmuckers Liebe zu Frankreich kam durch einen Europäischen Freiwilligendienst 2019 zustande. Weiden und Issy bieten jungen Leuten damit an, jeweils für ein Jahr in der Verwaltung der anderen Stadt mitzuarbeiten. Wo sie ihre Zukunft sieht, ist offen. "In Paris eher nicht. Ich möchte mal Familie und ein Häuschen, das geht hier nicht und wäre unbezahlbar."

Hintergrund:

Banlieue

  • Wörtlich übersetzt: Bannmeile
  • Entstanden nach dem 2. Weltkrieg als Hochhaussiedlungen am Rand französischer Großstädte und Symbol des Wirtschaftsaufschwungs
  • Seit den 1970er Jahren Symbol für Arbeitslosigkeit, Migration und Beginn als Problemviertel
  • Erste gewalttätige Jugendunruhen 1981
  • In vielen Banlieues haben rund 50 Prozent der Schulabgänger den geringsten oder gar keinen Abschluss
  • Rund ein Drittel der Bevölkerung lebt unterhalb der Armutsgrenze
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