21.10.2018 - 14:14 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Geschichtsstunde mit Günther Beckstein

Oft erst nach Jahren erzählen ehemalige Spitzenpolitiker Dinge, die vorher nur Insider kannten. So auch beim Festvortrag eines ehemaligen Ministerpräsidenten in Weiden. Die Gäste in der Max-Reger-Halle waren ganz Ohr.

Die Lacher hatte Ministerpräsident a. D. Günther Beckstein mehrmals auf seiner Seite.
von Siegfried BühnerProfil

Ministerpräsident a. D. Günther Beckstein war am Samstag Festredner bei der Jubiläumsveranstaltung zum 50. Geburtstags des Ost-West-Wirtschaftsforums (OWWF). „Eigentlich wollte ich ja gar nicht nach Weiden kommen, denn heute Nachmittag spielt doch der Club“, zeigte Beckstein humorvoll die Prioritäten eines Franken auf. Doch sein Parteifreund OWWF-Präsident Eberhard Sinner habe ihn überreden können, denn schließlich habe Beckstein die Arbeit des Vereins über Jahrzehnte mit begleitet.

„Du bist bekannt für deine Festvorträge“, hatte Sinner Beckstein zuvor gewürdigt. Die Messlatte lag also hoch, aber Beckstein sprang mit seiner witzigen Art locker darüber. Augenzwinkernd erinnerte der Ex-Ministerpräsident unter Anspielung auf die in München laufenden Koalitionsverhandlungen an seinen Rücktritt vor genau zehn Jahren. Mit 43,4 Prozent war die CSU damals in der Wählergunst kräftig eingebrochen. Parteifreunde seien eben etwas ganz besonderes, meinte Beckstein.

Anschließend berichtete er aus weiter zurückliegenden Zeiten und würdigte somit die jahrzehntelangen Ost-West-Kontakte des OWWF. Vor dem Fall des Eisernen Vorhangs habe die Welt aus zwei festen Blöcken bestanden. Elf Stunden habe man mit dem Zug von Nürnberg bis Prag gebraucht, „komplizierter als nach New York“. Nach der Niederschlagung des Prager Frühlings hätte der Landrat von Cham, Max Fischer, beschlossen, Kontakte mit dem Nachbarland zu knüpfen. Von der Bundesregierung aus Bonn kam der Befehl „bremst den wildgewordenen Landrat“. Doch Fischer ließ sich von seiner Idee nicht abbringen, fand Verbündete, darunter Gustl Lang und den einzigen noch lebenden Gründervater des OWWF, Josef Döllner, heutiger Ehrenpräsident des Vereins. Die Idee der Vereinsgründer war, Kontakte auf zwischenmenschlicher Ebene aufzubauen.

In der Politik bestimmten damals die sudetendeutsche Frage und die Benesch-Dekrete das äußerst schwierige Verhältnis zur damaligen Tschechoslowakei. „Ich war Innenstaatssekretär und habe immer wieder die Gelegenheit gesucht, jenseits der großen Politik mit den Nachbarn zusammenzukommen“. Überhaupt habe Bayern schon immer viele Auslandskontakte unterhalten. Der damalige Ministerpräsident Edmund Stoiber habe das Ehepaar Gorbatschow eingeladen. Obwohl Raissa Gorbatschowa sonst kein Wort Deutsch sprach, habe sie Gedichte fließend in Deutsch vorgetragen. Für Beckstein ist Gorbatschowa „eine der stillen Heldinnen“ der Grenzöffnung.

Dann wechselte der Festredner in die aktuelle politische Situation. Das ehemalige Grenzland sei „zur Brücke nach Osteuropa geworden“. Der Wirtschaft bescheinigte Beckstein „eine große Rolle für das Zusammenwachsen“. An der deutsch-österreichischen Grenze werde derzeit mehr kontrolliert als an der deutsch-tschechischen. Eine europäische gemeinsame Armee „würde Sinn machen, denn in den EU-Ländern gibt es mehr Generäle als in Russland und USA zusammen“. Auch die Beziehungen zu Russland sollten sich normalisieren, trotz der „Problematik der Sanktionen“.

Auch nach China blickte Beckstein. Die Verantwortlichen dort wollten zeigen, "dass eine kommunistische Marktwirtschaft ohne Demokratie effizienter ist“. Wichtig sei nicht nur an Sanktionen zu denken, sondern das Gefühl der Zusammengehörigkeit über die Grenzen hinweg zu entfachen. In dieser Hinsicht habe das OWWF „große Dienste geleistet“. Ähnlich wie Beckstein äußerte sich auch der tschechische Vizekonsul: „Man muss immer im Dialog bleiben.“ Oberbürgermeister Kurt Seggewiß hieß die Festgäste willkommen.

In vorderster Reihe beim OWWF-Jubiläum (von links) Oberbürgermeister Kurt Seggewiß, Ministerpräsident a. D. Günther Beckstein, die scheidende Landtagsabgeordnete Petra Dettenhöfer, OWWF-Ehrenpräsident Josef Döllner und OWWF-Präsident Staatsminister a. D. Eberhard Sinner.
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