27.02.2019 - 17:59 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Gisela Birner: 48 Jahre Dienst für die SPD

Zweimal lässt sie sich überreden, noch ein Jahr dranzuhängen. Schmerzhafte Entscheidungen, wie sich herausstellt. Die SPD schafft nicht einmal 10 Prozent. Jetzt geht Geschäftsführerin Gisela Birner endgültig. Und sie ist mit sich im Reinen.

Noch sitzt sie an ihrem Arbeitsplatz in der SPD-Geschäftsstelle Hinterm Zwinger. Aber nicht mehr lange. Am 29. März ist Gisela Birners letzter Arbeitstag als SPD-Geschäftsführerin. Nach 48 Jahren. Bild: Gabi Schönberger
von Volker Klitzing Kontakt Profil

Die Weidener Telefonnummer 7066 kennen fast alle SPD-Mitglieder in der Region, die E-Mail-Adresse gisela.birner[at]spd[dot]de auch. Doch nur noch vier Wochen ist die Unterbezirksgeschäftsführerin, die auch den Bezirk betreut, darunter zu erreichen. Am Freitag, 29. März, ist ihr letzter Arbeitstag. Dann wird der Unterbezirk die 64-Jährige auch offiziell verabschieden. Die Weidener SPD ist bereits an diesem Donnerstag an der Reihe.

48 Jahre im Dienst der Sozialdemokratie. Sie kennt sie alle. Von Willy Brandt bis Andrea Nahles. 11 Bundesvorsitzende hat sie erlebt, 9 Landesvorsitzende, je 4 Bezirks- und Unterbezirksvorsitzende, 9 Stadtverbandsvorsitzende. Zum Abschied sprach unser Redakteur Volker Klitzing mit Gisela Birner.

ONETZ: Von Ludwig Stiegler stammt die Feststellung, Sie hätten sich vom frechen Teenager zur Seele der SPD entwickelt.

Gisela Birner: Ein köstlicher Ausdruck, die Seele. Aber das trifft es vielleicht. Beim Umgang mit den vielen Menschen und vor allem den zahlreichen ehrenamtlichen Mitarbeitern, die sich stark engagieren und Freizeit opfern, muss man ganz besonders feinfühlig und respektvoll sein. Und ich habe immer den Grundsatz verfolgt: Du musst alles wissen, aber nicht über alles reden. Damit bin ich all die Jahre gut gefahren.

ONETZ: Ihr ganz persönliches Fazit?

Wenn ich jetzt aufhöre, kann ich sagen, ich bin mit mir im Reinen. Ich glaube, viel richtig gemacht zu haben. In 48 Jahren habe ich nur Wertschätzung erfahren.

ONETZ: Stiegler hat auch gesagt, Sie beherrschen die Kunst des Umgangs mit schwierigen Männern.

In der Partei hat man nunmal zu 80 Prozent mit Männern zu tun. Aber es wird besser. Dabei ist der Umgang mit Frauen schwieriger. Bei denen ist das Konkurrenzdenken untereinander größer. Ich hatte aber keine Probleme, weil ich keine politischen Ämter erreichen wollte.

ONETZ: Genau das wollte ich Sie fragen. Wenn man so lange in der zweiten Reihe steht und dabei enorm viel leistet, will man dann nicht selbst mal ein Mandat erreichen, wenigstens für den Stadtrat kandidieren?

Einmal habe ich sogar in Weiden kandidiert. Aber beim Blick hinter die Kulissen sieht man nicht nur Positives, auch viel Einfalt und auch Unfähigkeit. Ich mag aber nicht Rücksicht nehmen auf Leute, bloß weil man die vielleicht noch brauchen könnte. Ich wollte mich nie verbiegen.

ONETZ: Zurück zu den Anfängen 1971. Wer hat Sie denn nun eingestellt?

Das war Franz Zebisch. Er bat mich zum Vorstellungsgespräch in sein Betriebsratsbüro bei der Detag. Ich war so aufgeregt, habe vorher noch fleißig Steno geübt, weil ich gedacht habe, der will mich testen. Das war aber kein Thema.

ONETZ: Wie ist es denn verlaufen?

Er hat mit mir einfach über den Umgang mit Menschen gesprochen.
Diese Menschen haben Ihre Partei bei den letzten beiden Wahlen ganz stark im Stich gelassen. Kann es sein, dass Sie zu spät aufhören?
Ich wollte mit 63 aufhören, hatte die 45 Arbeitsjahre voll. Dann hat mich Uli Grötsch gebeten, zur Bundestagswahl noch ein Jahr dranzuhängen. Es hat nichts geholfen. 20,3 Prozent war ein schmerzhaftes Ergebnis.
Und es sollte noch schlimmer kommen.
Dann bat mich Annette Karl, zur Landtagswahl um ein weiteres Jahr zu verlängern. Und dabei kam das schmerzhafteste Ergebnis in 48 Jahren heraus: 9,7 Prozent für die Bayern-SPD.

ONETZ: Was waren denn die schönsten Momente?

Prägend waren die Jahre mit Willy Brandt als Bundeskanzler, dann die Ablösung von Kohl, die Regierung Schröder, die Wahl von Kurt Seggewiß zum Oberbürgermeister. Auch die 90er Jahre, als wir mit Renate Schmidt in Bayern 33 bis 35 Prozent erreicht haben. Zu der Zeit hatten wir auch über 5000 Mitglieder im Unterbezirk. Jetzt sind es noch 2788.

ONETZ: Warum ist die SPD zuletzt so abgestürzt?

Ein großer Vertrauensverlust der Wähler hat dazu geführt. Sie erkennen nicht, wofür die Partei steht. Selbst bei der sozialen Kompetenz können wir nicht punkten. Und der Einstieg in die große Koalition kam nicht gut an.

ONETZ: Wie kommt die Sozialdemokratie wieder auf die Beine?

Der Wähler hat uns Hartz IV nicht verziehen. Wir müssen das Soziale wieder in den Vordergrund stellen. Und tun das auch bereits. Mit unseren Vorschlägen sind wir auf dem richtigen Weg. Das Problem ist, sie auch durchzusetzen.

ONETZ: Wer wird denn Ihr Nachfolger?

Das entscheidet sich am Samstag, 9. März. Es wird aber keine Geschäftsführerstelle mehr, nur eine Verwaltungsstelle. Das hat mit der finanziellen Situation der Bayern-SPD zu tun.

ONETZ: Was erwartet den Nachfolger?

Ein politischer Unterbezirk, eine gute Organisation und Ortsvereine, die top in Schuss sind. Allerdings habe ich mir einen anderen Abschied und Übergang erwünscht. Es war ein Traumjob, ich hatte mit Menschen zu tun, kein Tag war wie der andere. Es ist etwas Besonderes, für die Sozialdemokratie arbeiten zu dürfen.

ONETZ: Was machen Sie mit der neu gewonnenen Zeit?

Ich habe bereits wieder angefangen zu malen, naive Malerei. Ich plane sogar eine Ausstellung. Zudem fahre ich öfter ins Sybillenbad, mache Yoga und pflege meinen asiatischen Garten. Außerdem interessiert mich der Buddhismus.

ONETZ: Lange Jahre haben Sie mit einer Legende der SPD zusammengearbeitet, mit Rudi Habla. Er war auch bekannt für seine Witze. Kennen Sie noch einen?

Es waren so unendlich viele. Aber es war unbeschreiblich, supergut. Er war immer guter Laune. Und sein Lieblingsspruch war: "Moidl, tua de net ab, des griang ma scho hi“.

ONETZ: Wann waren Sie mal sprachlos?

Gerhard Schröder sprach in der Max-Reger-Halle. Und ich hatte ein Geschenk, ein Päckchen mit roter Schleife, griffbereit hinter der Bühne platziert. Da haben mich die Sicherheitskräfte zur Sau gemacht. Aber wie. Dabei war die Schleife richtig nett.

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