30.11.2018 - 11:45 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Historiker: "Dubček war eine Pop-Ikone"

Mit Martin Schulze Wessel war einer der renommiertesten Kenner osteuropäischer Geschichte beim Freundeskreis Weiden der Evangelischen Akademie Tutzing zu Gast. Thema war der Prager Frühling.

Professor Martin Schulze Wessel beeindruckt mit seiner tiefgehenden Analyse.
von Siegfried BühnerProfil

Den Schlusspunkt im Jahresprogramm des Freundeskreis Weiden der Evangelischen Akademie Tutzing und der Volkshochschule (VHS) setzte der Osteuropa-Experte Professor Martin Schulze Wessel von der Ludwig-Maximilian-Universität in München. Thema war der Prager Frühling und die Niederschlagung des Aufstands in der Tschechoslowakei durch die Truppen des Warschauer Pakts vor 50 Jahren. Die Besonderheit des Abends: Referent und Publikum in der vollbesetzten VHS-Aula ergänzten sich gegenseitig, denn zahlreiche Zuhörer konnten über eigene Erlebnisse aus der damaligen Zeit berichten.

Schulze Wessel begann mit der Empfehlung, die Geschehnisse des Prager Frühlings „nicht vom Ende, sondern vom Anfang her zu denken“. Allgemein kennzeichnete er das Geschehen in der Tschechoslowakei ab Januar 1968 als „Reform von oben“ und als „Revolution von unten“. Begonnen hatte alles mit der Absetzung von Antonin Novotny als Generalsekretär der Kommunistischen Partei und als Präsident der Tschechoslowakei. „Es war ungewöhnlich, dass ein Land des kommunistischen Machtbereichs so etwas in eigener Regie vollzieht“, bemerkte der Historiker. Sein Nachfolger Alexander Dubček sei zunächst ein „unbeschriebenes Blatt und Kompromisskandidat gewesen. Später habe er sich zur „Pop-Ikone“ für die Bevölkerung entwickelt. Schnell habe die Bevölkerung bei Dubček bemerkt, dass sich der Stil der Politik ändert.

Als wichtiges Element der „Reform von oben“ wurde dann das Aktionsprogramm der KP vom 5. April 1968 im Vortrag beschrieben. Garantiert werden sollten unter anderem Meinungsfreiheit, Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit. Keinesfalls sei es aber dabei um die Überwindung des Sozialismus gegangen, sondern laut Schulze Wessel „um zurück zu reinen Quellen des Marxismus“. Aufgegriffen wurde von Dubček dann auch Begriff „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ als Anregung aus dem Buch von Radovan Richta („Zivilisation am Scheideweg“).

Die „Revolution von unten“ wurde im Vortrag als Protest von Schriftstellern und Studenten beschrieben. Auch hätte es „erstmals so etwas wie einen Wahlkampf gegeben “ oder „die Leute kamen mit eigenen Plakaten“ sowie „die Politik wurde medienaffin und westlich“. Zeitungen berichteten über Skandale und die Rudé Právo verlor ihr Monopol. Im „Manifest der 2000 Worte“ der tschechoslowakischen Akademie der Wissenschaften wurde die Idee von Bürgerausschüssen verbreitet. Dass diese Entwicklung längst von der Sowjetunion und ihrem Generalsekretär Leonid Breschnew misstrauisch beobachtet wurde, beschrieb der Historiker ebenso wie die Konferenz von Cierna nad Tisou an der ostslowakischen Grenze zur Ukraine am 29. Juli 1968.

Außenpolitisch war die Tschechoslowakei im „brüderlichen Bündnis zur Sowjetunion“ verbunden, doch in der Konferenz in Cierna nad Tisou prallten die Gegensätze aufeinander. „Dubček hat nicht nachgegeben“ sagte Schulze Wessel. Am Ende stand der Einmarsch der Warschauer Pakt Staaten. Sicher sei, sagte der Referent, dass keine DDR-Soldaten dabei waren. Auf die Frage, ob es hätte anders kommen können, lautete die Antwort: „Ich halte es nicht für undenkbar“. "Dubček hat auf einen ,jugoslawischen Weg` gehofft und warum sollte das nicht gelingen, wenn wir das Bündnis nicht in Frage stellen?“. Andererseits sei der Einmarsch auch schon Monate vorher vorbereitet gewesen. Allerdings: „Man wusste in Moskau auch, welchen Preis man zahlt“. Und für Schulze Wessel war „die westliche Politik fixiert, nichts zu tun, was den Frieden stören könnte“.

 

 

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