16.08.2019 - 11:49 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

"Hobbs & Shaw" vor Weidener Linsen

Beim Dreh zum Action-Reißer geht so einiges zu Bruch. Auch teure Kamera-Technik aus Weiden. Doch die Firma Vantage liefert stets schnell Ersatz. Und hilft mit, dass der jüngste "Fast & Furious"-Teil nun durch die Decke gehen kann.

Am Film-Set in London: (von links) Kamera-Assistent Julian Bucknall, "Director of Photography" Jonathan Sela und Wolfgang Bäumler, CEO der Vantage Film GmbH.
von Ralph Gammanick Kontakt Profil

Bei der Produktion des wohl größten Film-Hits des Kino-Sommers 2019 stand Wolfgang Bäumler erstmal im Regen – aber nur im übertragenen Sinn. "Ich steige in London-Heathrow aus dem Flieger – es regnet", erzählt er. "Ich treffe in den Shepperton Studios ein – es regnet. Ich betrete die Studios, gehe an den Set – es regnet." Denn die drei Hauptdarsteller von "Fast & Furious: Hobbs & Shaw" sollten sich gerade eine wilde Prügelei im verregneten Dschungel liefern. Bäumler: "Das war dann der Joke des Tages: ,Bei euch regnet's ja nur noch!‘"

Inzwischen strömt es: erstens Zuschauer in die Kinos, zweitens Geld in die Kassen. „Hobbs & Shaw“, mit einem Budget von angeblich 200 Millionen Dollar produziert, hat zwei Wochen nach dem Start weltweit bereits 332 Millionen Euro eingespielt. Unter anderem in den USA führt der Action-Kracher die Kino-Charts an, in Deutschland balgt er sich mit dem "König der Löwen" um den Thron. Im Abspann taucht dabei ein Weidener Firmenname auf: Vantage. Die Filmausrüster lieferten Kameramann Jonathan Sela die verschärfte Optik für den Streifen. Für Vantage war es einer der attraktivsten Aufträge der vergangenen Jahre. "Dass wir große Hollywood-Blockbuster ausstatten, ist ja nicht typisch für uns", erklärt Mitinhaber Bäumler.

Aber "Director of Photography" Sela und Regisseur David Leitch schwören eben seit langem auf die Hawk-Linsen aus dem Hause Vantage, setzten die Technik bei "John Wick" (2014) mit Keanu Reeves, "Atomic Blonde" (2017) mit Charlize Theron und "Transformers – The last Knight" (2017) ein. Für die Superhelden-Actionkomödie "Deadpool 2" (2018) suchte Sela nach einem einzigartigen Look, einer außergewöhnlichen Bildqualität – "einer Mischung aus unseren normalen Linsen und denen aus ,Atomic Blonde‘", wie Bäumler erklärt. Der Weidener beschreibt das Kamera-Objektiv gerne als "Pinsel, mit dem der Künstler malt". Der Laie werde den Unterschied bewusst kaum bemerken. "Aber jedes Bild sieht anders aus. Die Optik muss der Vision des Kameramannes entsprechen." Mit verschiedenen Hawk-Modellen bediene Vantage mittlerweile 15 verschiedene Geschmäcker.

Das Richtige für Jonathan Sela war diesmal dennoch nicht darunter. "Innerhalb kürzester Zeit haben wir ihm ein Objektiv maßgeschneidert. Normalerweise dauert die Entwicklung zwei Jahre", sagt Bäumler. Zwei mal wechselten Objektiv-Versionen zwischen Weiden und Hollywood hin und her, bis Sela mit Versuch Nummer drei "sehr glücklich" gewesen sei. Aus dieser Spezialanfertigung für "Deadpool 2", Selas Idee also, habe Vantage dann ein reguläres Produkt gemacht, berichtet Marketing-Leiterin Julia Dotzler: die "Hawk class-X"-Linsen. Und auf die griff der gefragte Kameramann nun beim "Fast & Furios"-Ableger zurück.

Auch während der Dreharbeiten vom September 2018 bis Mai 2019 unter Regie von gab es einen regen Austausch zwischen dem Ausrüster aus Weiden und dem Produktionsteam in London. "Meistens begann es damit, dass Kamera-Assistent Julian Bucknall anrief und sagte: ,Wir haben da ein kleines Problem ...‘" Zum Beispiel: Bei einer Verfolgungsjagd ging der Kamera-Kran zu Bruch. Vantage schickte stets umgehend Ersatz für die demolierten Linsen an den Drehort. Schulterzucken bei Bäumler: "Es ist nun mal ein Action-Film. Alle Schäden wurden sofort gedeckt." Bucknall, Selas rechte Hand, war übrigens bereits mehrfach persönlich in Weiden. Der Vantage-Chef weiß: "Julian liebt Zoigl."

"Hobbs & Shaw" war 2018 der teuerste Film, der außerhalb der USA entstanden ist. Wie viel Vantage daran verdient hat, will Bäumler nicht preisgeben. Lieber erzählt er noch mehr von seinem Besuch in den Londoner Shepperton-Studios. Am Set habe er einen der Schauspieler gesehen und sich gefragt: "Jason Statham ... ist er's? Ist er's nicht?" Der nächste schaute aus wie Idris Elba. "Und wieder: Ist er's, ist er's nicht ..." Nein, nicht ganz: Es handelte sich um täuschend echte Licht-Doubles. Also Mimen, die bei der Vorbereitung der Szenen die Stars ersetzen – keine Stuntmen, wohlgemerkt. Denn die Stunts hätten die Hauptdarsteller schon selbst gemacht. "Ich war Zeuge, wie sich Dwayne Johnson, Idris Elba und Jason Statham immer wieder im Regen prügelten", sagt Bäumler. "Für die nächste Einstellung wurden sie wieder trockengelegt und mussten die Garderobe wechseln. Während ich zusah, mussten sie das bestimmt 10 bis 15 Mal wiederholen. Und – kaum zu glauben: Als ich ging, waren sie noch immer gut gelaunt."

Dwayne "The Rock" Johnson und Jason Statham sind "Hobbs & Shaw".
"Fast & Furious"-Bösewicht Idris Elba prügelt sich vor Weidener Linsen.
Vantage profitiert von Streaming:

Netflix, Amazon Prime, Maxdome, Sky – mittlerweile bescheren auch Streaming-Dienste den Weidener Filmausrüstern von Vantage Aufträge in Hülle und Fülle. "Früher gab es nur zwei Märkte: Kino und Fernsehen", stellt Mitinhaber Wolfgang Bäumler fest. Da für den TV-Markt vormals aber keine anspruchsvolle Technik nötig war, "haben wir ihn nicht bedient". Streaming soll nun im Zweifel aber sogar höhere Qualität liefern als Kino. "Für uns ist das sehr lukrativ", räumt Bäumler ein. Zumal Vantage die Ausrüstung im Falle von Serienproduktionen auch gleich für viele Monate verleihen kann.

Die Weidener waren unter anderem an der neuen "Das Boot"-Serie (Sky) beteiligt, für die Kameramann David Luther einen Preis erhielt, ferner an "Der Pass" (Sky) und "Perpetual Grace LTD." (Epix) mit Ben Kingsley, einem Hit in den USA. Hawk-Linsen waren zudem bei Matthias Schweighöfers "You are wanted" (Amazon Prime), "How to sell drugs online (fast)" (Netflix) und dem Mötley-Crüe-Biopic "The Dirt" (Netflix) im Einsatz. Im Kino räumten in jüngster Vergangenheit zum Beispiel die Oscar-prämierten "Bohemian Rhapsody" und "Moonlight" ab. Und auch ein kommender Kino-Hit bekommt Schützenhilfe aus Weiden: die Stephen-King-Verfilmung "Es – Kapitel 2".

"Vantage" hat inzwischen 90 Mitarbeiter. 50 von ihnen am Stammsitz in der Max-Reger-Stadt, die weiteren verteilt auf die Niederlassungen in Berlin, Paris, Prag, Brüssel und Hollywood. (rg)

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